Nachtschattengewächse statt Frühblüher – PROJECT PITCHFORK in Leipzig
Die Zeichen stehen auf Frühling, es wird wärmer und die Blüten spriessen. Zeit also für dunkles schwarz, schwere Stiefel und einen Ausflug in die eigene musikalische Vergangenheit.
In das passende Outfit gehüllt begebe ich mich nun in den Leipziger Westen, denn die heutige Veranstaltung ist im Felsenkeller. Aufgrund der Verkehrssituation und Veranstaltungsdichte an dem Tag in Leipzig erreiche ich den Ort mit Müh und Not, und entere dann die Location passend zur Vorband.

Aus dem schönen Polen sind HER OWN WORLD heute der Opener des Abends, und für mich noch ein unbeschriebenes Blatt. Da mich die Vergangenheit des Öfteren gelehrt hat, dass das ignorieren von Vorbands ein fataler Fehler ist, mische ich mich also neugierig in das dunkle Publikum. Die Fläche ist noch mäßig gefüllt, ich kann mich gemütlich bewegen, suche mir ein lauschiges Plätzchen und ein Kaltgetränk und warte gespannt.
Licht im Dunkel
HER OWN WORLD beginnen mit einer Tänzerin die Leuchtelemente kunstvoll schwingend in Szene setzt, dazu wird das LED Backpaneel genutzt um die Musik zu untermalen. Die Frontfrau entert anschließend die Bühne und die Band spielt einen soliden Auftritt von 45 Minuten Länge. Ich bin ein wenig hin- und hergerissen. Einerseits ist die Musik angenehm und lässt sich gut nebenbei hören, andererseits wirkt der gesamte Auftritt auf mich ein wenig gestellt und sehr bemüht. Auch die einzelne Tänzerin wirkt ein wenig unharmonisch im Gesamtauftritt und lenkt eher von der Musik ab, da sie laufend die Sängerin umkreist. Musikalisch ist es eine Mischung aus Elektro-, Industrial- und Rock-Einflüssen – aber auch nichts davon so richtig. Und so gestaltet es sich aus meinem Eindruck auch im Publikum, denn es ist spürbar die Neugier vorhanden, aber der Funke springt nicht wirklich über.

Ein kurzer Blick in die Vergangenheit
Nach einer entsprechenden Umbaupause wird es dann dunkel – und spannend! Ich habe PROJECT PITCHFORK zwar bereits vor Jahren mal auf dem Mera Luna gesehen, aber ein Festival-Auftritt weicht ja doch immer von einer Fulltime Show ab, und so stieg meine innere Spannung dann doch extrem. Und hier ist auch die richtige Stelle um mal den Bogen zu spannen, warum ich eigentlich hier bin. Im Normalfall treibe ich mich ja meist auf Punk, Oi und Metal-Veranstaltungen verschiedenster Spielarten herum. Aber angefangen hat alles anders. Denn als kleiner Stift bekam ich die ersten musikalischen Einflüsse abseits der Eltern durch meinen großen Bruder – und das waren dann halt DEINE LAKAIEN, PROJECT PITCHFORK und LACRIMOSA. Und die Musik prägte mich, war immer mein Rückzugsort, war immer etwas was ich hatte, was kein anderer hatte. Es war ein Tape mit einzelnen Songs, die ich hunderte Male hörte. Bis ich irgendwann dann alt genug war um weitere Musik zu entdecken. Das Tape gibt es noch heute, und zu den Bands finde ich immer wieder zurück, in unterschiedlichen Abständen.
Und das ist auch der Hintergrund warum das Konzert dann heute so etwas Besonderes für mich ist, ein Ausflug in meine wirklich frühe Kindheit und meine ersten musikalischen Einflüsse. Dementsprechend aufgeregt sehne ich den ersten Tönen auch entgegen und bin sehr erleichtert als es losgeht. Ich bin unglaublich gespannt, wie die Musik live auf mich wirken wird und wie die Band sich nach ihrer langen Existenz live präsentiert.

Es wird dunkelschön!
Der Abend beginnt mit „Drone Assembly“ und „Drone State“ vom 2001 sehr erfolgreichen Album „Daimonion“ – und direkt danach wirft es mich in die Vergangenheit, denn mit „Conjure“ und dem neu aufgelegten „K.N.K.A.“ geht es weit zurück in die Bandhistorie und ich genieße die alten Klänge in vollen Zügen. Man merkt Frontmann Peter Spilles an, dass er absolut in seinem Element ist und auf keinen Fall zum alten Eisen gehört. Und man merkt auch, dass die Band ein absolutes Heimspiel in Leipzig hat. Das Publikum geht richtig gut ab, deutlich mehr, als ich es nach einem ersten Rundgang durch die Menge vermutet hatte. Natürlich bin ich nicht der einzige der in alten Erinnerungen schwelgt und es sind viele ältere Semester in der Menge, die die Songs absolut textsicher begleiten. Meine Altersklasse ist verhältnismäßig wenig besetzt würde ich denken, aber es sind dafür viele auch jüngere unterwegs, die die Band ebenfalls enthusiastisch feiern, oft auch in Begleitung ihrer Altvorderen, von denen sie die Musik vermutlich geerbt haben. Ein schönes Bild, ein dunkelschönes Publikum und Klänge, die dazu führen, dass keiner ruhig stehen bleiben kann. Die Konzertmenge verwandelt sich in eine große Tanzfläche.

Die Mischung machts!
Die Setlist ist eine sehr gute Mischung aus verschiedenen Dekaden des Schaffens der Band. „Acid Ocean“ wird gefolgt vom ebenfalls neu aufgelegten Klassiker „Fire and Ice“ und dann folgt ein – aus meiner Sicht – neuerer Block der die Titel „Titanes“, „Melancholia“, „Memento Mori“ und „I Am (Athought in Slowmotion)“ umfasst. Diese kommen ebenfalls sehr gut an und sind aus meiner Sicht sehr geschickt ausgewählt in Ihrer Folge. Gerade „Melancholia“ ist ein sehr ruhiges, verträumtes Stück, wohingegen „Memento Mori“ für mich total in der Geschichte vom Klassiker „Endzeit“ steht und mich absolut abholt! Als länger haltbarer Ohrwurm ist dann aber „Acid Ocean“ im Gehörgang geblieben, was einfach meeeegaschön war. Insgesamt sind einige der „neueren Titel“, die ich nicht so wirklich gekannt habe, mir absolut positiv aufgefallen und die Setlist ist schon jetzt als grandios zu bezeichnen!

Gänsehaut auf der Schnatterpelle
Jetzt packt mich nun endlich die absolute Gänsehaut, als die ersten Klänge von „Souls“ ertönen – und offensichtlich geht das nicht nur mir so. Es geht ein wortwörtliches Tosen durch das Publikum und das Lied wird nicht nur gefeiert, es wird gelebt, getragen, zelebriert. Ein unglaublich magischer Moment, und ich könnte schwören, dass die um mich Umstehenden in diesem Moment viele Zwiebeln geschnitten haben. Es ist schwierig zu beschreiben, aber mit jetzt 38 dann diese Sachen zum ersten Mal live zu hören, die man 30 Jahre vorher zum ersten Mal, und in der Zwischenzeit so oft gehört hat – das ist schon etwas sehr mitreißendes, magisches, nicht greifbares. Aber auf jeden Fall etwas, was eigentlich nur Musik schaffen und erschaffen kann.
Kein Ende in Sicht!
Aber hier ist noch nicht Schluss, denn mit „Pan“ kommt noch ein altes, und mit „Rain“ ein melodisches Stück hinterher, die ebenfalls kein Auge trocken lassen. Das Publikum ist absolut beseelt, es wird eigentlich überall getanzt soweit ich mich umschauen kann – und auch der Autor schwingt das in der Zwischenzeit arg eingerostete Tanzbein voller Entzückung! Apropos Publikum – eigentlich habe ich in der Zwischenzeit immer einen guten Blick und finde in fast jeder Location Plätze wo ich es möchte. Heute ist das nicht möglich, denn es steht von der Bühne weg dicht gedrängt, aber so dass jeder seinen Platz zum tanzen hat – und auch der Umgang mit dem Platz untereinander ist sehr angenehm. Keine Ellenbogen, kein schubsen, kein „Ins-Sichtfeld-stellen“ – hier haben einfach sehr viele Menschen eine sehr besondere Zeit und geben auch den anderen den Raum dafür.
Mit „The Name“ kam dann auch die 4 Monate alte – neueste Single, die es mir textlich absolut angetan hat. Im November beim ersten hören war es mir zuerst ein wenig zu soft, jetzt liebe ich den Track und live geht der sehr unter die Haut! Kräftig in die Vollen geht es dann dagegen bei „Timekiller“ und „2069 AD“ bei denen die Gitarre glüht und harte Riffs die Halle fluten. Ich muss ein wenig grinsen, wenn ich mich daran erinnere, dass mein Teenie-Ich damals „Timekiller“ sogar auf dem damals noch existierenden Fensehsender Viva gesehen hat. Verrückte Zeiten und lange her!
„Beholder“ und vorallem „Carrion“ vom absoluten Über-Album „IO“ runden das Programm dann elektronisch wieder an und lassen den Fußboden vom kräftigen Stampf-Tanz beben. Dann wird es dunkel auf der Bühne.
Der Abend ist noch jung!
Aber es bleibt nicht lange dunkel und Peter Spilles eilt zurück auf die Bühne. Es folgen tatsächlich noch satte 2 Zugaben, die unter anderem „Existence“ und „God Wrote“ enthalten. Letzteres schickte ich dann direkt unserem lieben Daniel, der aufgrund einer Verletzung leider nicht mitkonnte – sonst hätten hier 2 Meinungen zum Abend Platz gefunden.
(Anm. Daniel: Da ich den Artikel grad in der Mangel hab, nochmal ein herzliches Danke für das Videoschnipsel meines Lieblingssongs der Band! Meine elektronische Seelenhälfte is verzückt!) ☺️
Die letzten Töne verhallen, die Band wird gebührend, frenetisch, anerkennend und einfach aus tiefstem Inneren gefeiert. Ich glaube es ging hier vielen so wie mir, für die dieses Konzert etwas besonderes war, und es ist eine große Verbundenheit zwischen Band und Publikum zu spüren. Ich genieße diese Athmosphäre, lasse mich vom Jubel und Applaus tragen, sauge alles in mich und gehe dann hinaus in die erstaunlich milde Nacht.

Funfact zwischendrin
Im Nachgang musste ich ein wenig schmunzeln, denn obwohl Publikum und Band absolut auf einer Wellenlänge waren, gab es kaum Interaktionen dazu von der Bühne. Was ich sonst oft unangenehm finde, war in diesem Fall aber einfach gar nicht nötig. Es gab nichts zu sagen, alle wollten einfach nur gemeinsam diese Zeit genießen. Lustigerweise war eigentlich die einzige Ansage die, bei der Peter kurz erklärte, dass er in der Zwischenzeit keinen blauen Strich mehr im Gesicht hat, weil er eine Allergie entwickelt hat. Das schien er unbedingt erklären zu wollen, was ich absolut sympatisch fand.
Fazit:
Wer irgendwann mal irgendwo irgendein Lied von PROJECT PITCHFORK gehört hat – geht zum Konzert! Wer ein Fan der Band ist – geht zum Konzert! Selbst wer nur ein Fan der alten Sachen ist – geht zum Konzert! Ich kann es einfach nicht anders sagen, denn es war ein großartiger Abend, der eine wirklich wundervolle Mischung aus 35 Jahren Schaffenszeit präsentiert hat und einen ganzen Saal voll glücklicher Menschen zurückgelassen hat. Ich glaube ein schöneres Fazit kann ich dazu auch nicht finden! Es war grandios!
Zum Abschluss noch vielen Dank an Alexander Jung von Hell-Zone, von dem ich die sehr schönen Bilder von Pitchfork verwenden durfte.
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