Startseite»Reviews»Black Metal»Auf der Suche nach dem Selbst – TOTENGEFLÜSTER im Interview

Auf der Suche nach dem Selbst – TOTENGEFLÜSTER im Interview

1
Geteilt
Folge uns auf Pinterest Google+

TOTENGEFLÜSTER – “Im Nebel der Vergänglichkeit”

Veröffentlichungsdatum: 18.08.17
Länge:  ca. 56 Min.
Label: Pale Essence Music
Stil: Symphonic Black Metal

Die Platte, die ich euch heute vorstellen werde, ist zwar schon etwas länger draußen. Allerdings bin ich erst kürzlich dazu gekommen, mich wirklich mit ihr und ihren Schöpfern auseinanderzusetzen und wollte euch das natürlich nicht vorenthalten!

Bei “Im Nebel der Vergänglichkeit” handelt es sich um den zweiten Langspieler der deutschen Symphonic Black Metaler von TOTENGEFLÜSTER, einem noch relativ jungen Gespann, das seit 2007 aktiv ist und sich zunehmender Begeisterung in der Szene erfreut. Sie produzieren deutschsprachigen Black Metal (mit Ausnahme des Songs “One with the Void”) mit komplexen und tiefgründigen Texten, die sich irgendwo zwischen Seelensterben, Selbsthinterfragung und Verdammnis bewegen – nicht gerade untypisch für die Szene. Aber horchen wir mal rein.

WENIG ÜBERRASCHUNGEN – DAFÜR KONSISTENZ

Was das Cover verspricht, hält die Platte kompromisslos: Es gibt typischen Symphonic Black Metal mit allem, was dieses Genre definiert – Orchester, Chöre, fixe Riffs und noch fixere Drums. Die Stimme von Sänger Narbengrund-Nihilis passt zwar zur Mucke, geht aber leider oft im umfangreichen Melodienangebot unter. Sehr schade! Schließlich haben die genretypisch eklig-zerstörerischen Vocals durchaus Potential, das sie eben leider nicht ganz ausschöpfen können. Trotzdem ist die musikalische Leistung der Band nicht ohne: Vor allem die einzelnen Melodiestränge sind gut wiedererkennbar und auseinander zu halten, was jedem Song einen eigenen Charakter verleiht.

Der mit 8 ½ Minuten längste Song des Albums “Von purpurn blühender Dämmerung” wird trotz seiner enormen Länge dank immer wechselnder Parts nicht langweilig. Daumen hoch dafür! Allerdings frage ich mich, was die ständigen, fast zufällig anmutenden Drumparts im Intro darstellen sollen – in meinen Augen wird dabei die sich aufbauende Atmosphäre gestört. “Ich lebe” hat zwar eine Menge Power, der Spannungsbogen des Songs wirkt bloß etwas verworren. Man startet hier mit fetten Blastbeats, um dann für einige Minuten in einen doomig-atmosphärischen Part überzugehen. Mag zwar irgendwie funktionieren, stört in meinen Augen allerdings den Hörfluss.

Mein persönliches Highlight ist “Des Mondes bleiche Kinder”. Hier hat man sich eine ganz besondere Gaststimme mit an Bord geholt: FIRTANs Stimmgeber Philipp. Dessen einzigartige Vocals geben dem Song eine neue klangliche Dimension, außerdem wirken die Drums wesentlich präziser gesetzt als in anderen Stücken des Albums.

TOTENGEFLÜSTER

EIN GESAMTKUNSTWERK

Doch trotz aller Kritik muss man den fünf Herren zugute halten, dass sie mit “Im Nebel der Vergänglichkeit” ein grundsolides Album geschaffen haben. Besonders gefallen mir die kleinen Einspieler zwischen den Songs, die die Grenzen zwischen denselben enorm verschwimmen lassen. Dadurch entsteht eben keine bloße Aneinanderreihung von Titeln, sondern ein musikalisch abgeschlossenes Ganzes, das durch den rein instrumentalen Schlusstrack noch abgerundet wird. Geil!

DIE KÖPFE VON TOTENGEFLÜSTER IM INTERVIEW

Natürlich kommen bei solch einer noch relativ frischen Gruppe die einen oder anderen Fragen auf. Die habe ich Gitarrist Totleben und Sänger Narbengrund-Nihilis an die Corpsepaint-verzierten Köpfe geworfen – und einige sehr interessante Antworten erhalten.

S: Ein solides Album habt ihr da hingelegt. Meinen Respekt! Wie lange habt ihr an dem guten Stück gearbeitet?

TOTENGEFÜSTER-Gitarrist und Songwriter Totleben

Totleben: Ich habe den Openertrack “Ein Spiegel der nur Lügen speit” bereits während der Mixphase unseres Debutalbums “Vom Seelensterben” im Jahre 2012 komponiert. Die restlichen haben sich dann nach und nach durch einen langen Reifungsprozess ergeben. Es gab Songs wie “Von purpurn blühender Dämmerung” oder “Creatio Ex Nihilo”, die bis zu ein Jahr benötigt haben, um ihre finale Form zu bekommen, oder solche, die innerhalb einer oder weniger Wochen direkt fertig waren, wie zum Beispiel “Des Mondes bleiche Kinder” und “One with the Void”.

Insgesamt hat das Songwriting deutlich mehr Zeit in Anspruch genommen als beim ersten Album. Damals habe ich viel in Sachen Produktion, Songwriting und Orchester dazugelernt und wollte das so gut wie möglich weiter ausbauen. Die Aufnahmen waren dann innerhalb von drei Monaten komplett im Kasten. Außerdem dachte ich mir auch das komplette Artwork dazu aus, machte die Photoshootings und produzierte die Videos zu “Totengeflüster” und “One with the Void”.

S: Mich persönlich hat das Artwork sehr begeistert. Wie ist das entstanden?

Totleben: Danke. Zunächst: Ich wollte ein Artwork gestalten, das der Masse des Albums gerecht wird, ohne es zu überladen. Mir ist bei Artworks eine gewisse Balance sehr wichtig und dass der Betrachter in eine eigene Welt eintauchen kann. Die Musik macht einen Teil des Albums, das Artwork und die Texte den restlichen Teil.

“Es soll ein Gesamtkunstwerk aus mehreren Elementen sein, die alle Sinne ansprechen.”

S: Wie war die Arbeit mit eurem Gastsänger Philipp und wie seid ihr zu der Auswahl gekommen?

Narbengrund-Nihilis: Bis dato habe ich die Texte immer erst auf bereits geschriebene, wenn auch noch nicht ganz fertige Stücke geschrieben. Ich habe meist ziemlich schnell eine grobe Vorstellung davon, wie die Vocals zu klingen haben. Der Refrain von „Des Mondes bleiche Kinder“ war jedenfalls ein Part, bei dem ich ab der ersten Sekunde einen Gesang à la Philipp von FIRTAN haben wollte. Ich war damals wie heute doch ziemlich angetan von seiner Leistung auf „Niedergang“ und da die Jungs sogar Freunde von uns sind, lag das natürlich nahe. Er willigte auch sofort ein und ich finde, dass sich das Ergebnis mehr als sehen lassen kann.

S: Woher kommt die Entscheidung für die Thematik eurer Songs und wer ist die treibende Kraft der Gruppe?

TOTENGEFLÜSTER-Sänger Narbengrund-Nihilis

Narbengrund-Nihilis: Was die Texte und die dazugehörigen Thematiken anbelangt, bin ich dafür verantwortlich. Da lasse ich mir als eher perfektionistisch veranlagter Menschling ehrlich gesagt auch nicht gerne reinreden.

S: Welchen Stellenwert hat die Band in eurem Leben und woher kommt eigentlich der Name “TOTENGEFLÜSTER”?

Totleben: Für mich hat TOTENGEFLÜSTER schon einen sehr hohen Stellenwert, weil es meine kreative Spielwiese darstellt. Ich möchte mich gemeinsam mit meinen Bandmitgliedern weiterentwickeln und Neues schaffen. Da ich auch die Plattenfirma “Pale Essence Music” gegründet habe, bei der TOTENGEFLÜSTER unter Vertrag stehen, bin ich auch so sehr viel mit der Verwaltung beschäftigt. Es soll aber kein TOTENGEFLÜSTER-exklusives Label sein, ich bin also gespannt, wo es in dieser Richtung noch hingeht.

Narbengrund-Nihilis: Auch wenn ich bei weitem nicht so viel Zeit in die Band investiere wie es Totleben zu tun pflegt, ist mir die Band ungemein wichtig, da sie meinem Leben einen Sinn gibt. Das ist natürlich so eine Sache, was bedeutet “Lebenssinn” und was ist schon wirklich bedeutend im Leben? Aber die kreative Arbeit erfüllt mich und macht mich stolz.

“Ich liebe es einfach, zu schreien.”

TOTENGEFLÜSTER steht für die unterdrückte Stimme unseres Ichs, das von den aufgedrückten Normen und Werten unserer Gesellschaft lebendig begraben wurde. Ein wesentlicher Aspekt vieler Songs ist die Selbstfindung: Wer bin „ich“? Und was von meinem Dasein ist fremdbestimmt? Wer ehrlich darauf antwortet, wird merken, dass vom „Ich“ eigentlich nicht viel übrig bleibt.

“Die Metalszene, so tolerant sie sich auch gerne gibt, drückt einem ebenfalls sehr viele Ideale auf.”

TOTENGEFLÜSTER-Sänger Narbengrund-Nihilis während des Videodrehs zu “Totengeflüster”

Was man tragen darf, wie die Haare aussehen sollen und was „true“ ist oder nicht. Das ist eigentlich ein Armutszeugnis für ein Subgenre, das ursprünglich aus diesen Zwängen ausbrechen wollte. Rebellion ist letztlich vielleicht doch ein kindliches und naives Unterfangen. Ach, und ich glaube, Totleben hat diesen Namen mal in den Raum geworfen und er fand einstimmig Zustimmung. Also, bei zwei von zwei Leuten, was ja die absolute Mehrheit ist!

S: Gut 10 Jahre existiert ihr nun schon. Wie sind eure weiteren Pläne für die Zukunft?

Totleben: Ich freue mich natürlich auf die weitere gemeinsame Zeit mit allen innerhalb der Band und darauf, das Wachstum von TOTENGEFLÜSTER gemeinsam zu erleben und zu gestalten. Es sind für die kommenden anderthalb Jahre zwei Veröffentlichungen geplant. Man kann also gespannt sein!

Narbengrund-Nihilis: Komponieren, kreieren und das Ganze zum Besten geben. Und natürlich wachsen und gedeihen, sowohl als Band als auch menschlich.


In diesem Sinne wünsche ich den zwei sympathischen Köpfen von TOTENGEFLÜSTER und dem Rest der Band viel Erfolg für die nächsten Jahre und bin gespannt, was ihre Feder noch so hervorbringen wird.

Website der Band: https://www.totengefluester.de/
Merch zum Album: https://vontiling.de/produkt-kategorie/bands/totengefluester/

Autorenbewertung

7
"Im Nebel der Vergänglichkeit" ist ein gelungenes und frisches Stück deutscher Symphonic Black Metal, das sich in jeder Plattensammlung einen rechtmäßigen Platz verdient hat. Zwar gibt es auch wenig Überraschungen auf dem Album zu entdecken, dafür hält sich die musikalische Qualität des Albums durch alle Songs hinweg konstant.
ø 0 / 5 bei 0 Benutzerbewertungen
7 / 10 Punkten

Vorteile

+ musikalisch ausgefeilt
+ abwechslungsreich
+ Philipp als Gastmusiker

Nachteile

- wenig Überraschungen
- schwacher Wiedererkennungswert

Du liest diesen Beitrag, weil unsere Autoren lieben, was sie tun - wenn du ihre Arbeit liebst, kannst du uns, wie andere schon, unterstützen. Wie? Mit einem kleinen monatlichen Beitrag über silence-magazin@patreon Patreon
letzter Artikel

Jeden Monat abgesichert - Der Traum vom Crowdfunding

nächster Artikel

Rock Hard Festival - Die Reihen füllen sich

Keine Kommentare

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.