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Aus den Tiefen #12 – Car Bomb

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In „Aus den Tiefen“ stelle ich euch regelmäßig mehr oder minder unbekannte Künstler, Projekte und Bands vor, die aus dem einen oder anderen Grund abseits der altbekannten Pfade wandeln. Die Gründe hierfür können zahlreich sein. Das Ergebnis muss nicht immer nach Metal klingen, im Gegenteil! Der Fokus liegt hierbei auf Innovation, auf Experimentierfreude, auf dem Potenzial, etwas anders zu machen, als alle anderen.

Wieder mal ist es Freitag. Und wieder mal möchte ich euch eine Band vorstellen, die ihr vielleicht noch nicht kennt. Generell schreibe ich hier nicht über Musik, die ich Kacke finde, oder die mir egal ist. Ich krame nicht irgendwo im Internet rum, nur um dann hier etwas möglichst Durchgedrehtes oder Unhörbares vorzustellen, zu dem ich keinen Bezug habe.
Trotzdem ist die Band, um die es mir heute geht, nochmal etwas ganz Besonderes.

Car Bomb

 

Bei der Band – deren Musik noch brutaler klingt, als es ihr Name vermuten lässt – handelt es sich um ein Quartett aus Long Island, New York. Die Musik begleitet mich nun schon seit einigen Jahren und ich kann behaupten, dass CAR BOMB eine meiner absoluten Lieblingsbands ist. Und das obwohl (oder gerade weil) sie von vielen als unhörbar abgestempelt werden.
Hat sich mal irgendwer vorgestellt, wie MESHUGGAH in kompliziert klingen würden? Nein? Dann wird’s Zeit.

Wo die irren Schweden komplizierte Rhythmen meist über einem 4/4tel Groove laufen lassen, und somit das Mitnicken erleichtern, denken CAR BOMB gar nicht daran.

Korrekt. Headbangen geht bei CAR BOMB also nur, wenn man die Rhythmik auswendig lernt. Und ja, so ein Musiknerd bin ich.

Am ehesten lässt sich das hier Gebotene vermutlich als technisch-noisiger Mathcore bezeichnen. Melodisch wird wenig geboten, die Gitarrenarbeit ist ziemlich ungewöhnlich. Vor allem, da oftmals auch einfach Geräusche rhythmisch in den Song eingebunden werden. Ohne sich selbst an der eigenen Spielfertigkeit aufzugeilen, arbeiten CAR BOMB hier immer noch songdienlich mit ihrem Potenzial. Ohne Frage: die einzelnen Musiker sind Meister ihres jeweiligen Fachs. Dennoch kommt nie der Gedanke auf, dass das alles nur geschieht, um abends vorm Spiegel abwichsen zu können.

Insgesamt ist alles was hier passiert extrem kurzweilig. Obwohl es weder Refrains oder wirkliche Hooklines gibt, sorgt vor allem der Mann am Mikro, Michael Dafferner, mit irrsinnigster Vokalakrobatik für einen klaren Wiedererkennungswert. Mit äußerster Präzision werden hier die „Gesangslinien“ auf das Schlagzeug abgestimmt, arbeiten Gitarre und Bass uhrwerkverdächtig miteinander, entschleunigt die Band mitten im Song kollektiv, um dann wieder anzuziehen. Bei aller Komplexität legen CAR BOMB trotzdem ne unfassbare Dynamik, aber auch Aggression an den Tag, die durch die undurchsichtigen „Strukturen“ nochmal besonders zuschlägt.

Das Debütalbum „Centralia“, welches damals noch auf Relapse erschien, war für mich selbst eine wegweisende Platte, die mein Hörverhalten maßgeblich geprägt und geändert hat. Danach hab ich mich von so manch vorheriger Vorstellung darüber, was Musik kann, darf und muss, verabschiedet. Hörbarkeit bekam eine völlig neue Bedeutung für mich.

 

Da Relapse mit der Band offenbar nicht allzu großen kommerziellen Erfolg erzielen konnte, erschien das zweite Album mit dem wohlklingenden Namen „w^w^^w^w“ (kein Scherz) als Eigenproduktion. Aus diesem Grund war dieses leider mit einem mäßigen Sound versehen, gehört aber dennoch zu den meistgehörtesten Platten in meiner Sammlung.

Am 28.Oktober diesen Jahres wird das dritte CAR BOMB-Album „Meta“ erscheinen. Der Vorabtrack, den ihr euch weiter unten anhören könnt, verspricht bereits jetzt nicht nur äußerste Brutalität und Präzision, sondern auch einen ausgezeichneten Sound. Denn aufgenommen und produziert wurde es nirgendwo anders als in den New Yorker Silver Cord Studios, welches Schlagzeuger Elliot Hoffman und GOJIRA-Mastermind Joe Duplantier gemeinsam betreiben.

Auch abseits der Musik ist CAR BOMB eine Band, die ich sympathisch finde. Warum das so ist, lässt sich anhand des Films „[why_you_do_this]“ sehen, den Sänger Michael Dafferner während mehrerer Touren filmte und produzierte. Ein Film, den meiner Meinung nach jeder Musiker gesehen haben sollte!

Sollten sich deine Lieblingsmetalbands irgendwo in seichteren Gefilden verorten lassen, dann kann der Erstkontakt mit CAR BOMB sicher einen Kulturschock darstellen. Trotz, oder gerade deswegen rate ich dennoch: unbedingt reinhören!

 

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Bandcamp

Bild mit freundlicher Genehmigung von Car Bomb

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5 Kommentare

  1. Morfeus
    16. September 2016 bei 15:00 — Antworten

    Moin,
    hab die tatsächlich vor zwei Jahren live und in Farbe als Vorband von Meshuggah gesehen und so auch entdeckt. Sollte die auch mal echt häufiger hören, komme aber zu selten dazu.
    Wenn dir Car Bomb ein Begriff sind bist du mit Semantik Punk doch bestimmt auch vertraut oder? Die gab es bei besagtem Konzert noch als i-Tüpfelchen dazu. Wenn nicht, dann hör sie dir bitte mal an.

  2. Ich bins
    16. September 2016 bei 11:08 — Antworten

    Moin
    Ich wusste nicht, wo ich diese Frage am besten unterbringe, aber ich denke, in einer Kategorie, in der alternative Stile behandelt werden, bin ich damit am besten aufgehoben. Ich suche nämlich nach einem Metalstil, von dem ich gar nicht weiß, ob es ihn überhaupt gibt.
    Ich bin 24 und höre Metal, seit ich ungefähr 14 bin. Also mittlerweile seit etwa 10 Jahren. Ich habe mit klassischem Heavy Metal und Powermetal angefangen und bin da auch irgendwie hängen geblieben. In letzter Zeit habe ich aber immer mehr zumindest bedingt verstehen gelernt, was Leute an Black und Death Metal (zumindest Melodic Death) finden. Die Instrumentalisten in diesen Stilen machen Musik, die auch mich anspricht. Es gibt da nur ein Problem: Ich finde keinen Draht zu gutturalem Gesang. Sowohl Screaming als auch Growling find ich einfach schrecklich. Wenn mal 1-2 Wörter gescreamt oder gegrowlt werden, kann ich mich damit noch anfangen. Gerade in der Bridge kann das den folgenden Refrain schon mal gut unterstreichen. Aber auch dann bitte so, dass man die Wörter noch verstehen kann. Daher meine Frage: Gibt es Bands, deren Stil dem Black- oder Melodic Death Metal ähnelt, die aber weit überwiegend auf gutturalen Gesang verzichten? Also eine Art „Clear Vocal Death (Black) Metal“?

    • Kai aus der Tube
      16. September 2016 bei 19:00 — Antworten

      „Desultor“ fallen mir ein. Die haben aber nur ein Album („Maters of Hate“). Death Metal mit Heavy Metal-/Powermetalgesang. Ziemlich coole Sache.

      • Ich bins
        16. September 2016 bei 19:31

        Danke. Das Lied „The Luxury of Pain“ klingt auch schon mal ganz gut.

      • Ich bins
        18. September 2016 bei 12:55

        Als Ergänzung möchte ich nochmal sagen, dass ideal für mich so etwas wie Arch Enemy wäre mit einem Gesang wie von Hansi Kürsch oder Kai Hansen.

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