Home»Lifestyle»Kolumnen»Aus den Tiefen #49: UNEXPECT

Aus den Tiefen #49: UNEXPECT

0
Shares
Pinterest Google+

In „Aus den Tiefen“ stelle ich euch regelmäßig mehr oder minder unbekannte Künstler, Projekte und Bands vor, die aus dem einen oder anderen Grund abseits der altbekannten Pfade wandeln. Die Gründe hierfür können zahlreich sein. Das Ergebnis muss nicht immer nach Metal klingen, im Gegenteil! Der Fokus liegt hierbei auf Innovation, auf Experimentierfreude, auf dem Potenzial, etwas anders zu machen, als alle anderen.

Zugegebenermaßen ist die Band, um die es mir heute geht, kein unbeschriebenes Blatt mehr und hat eigentlich schon einen Bekanntheitsgrad erlangt, der sie aus der Masse anderer Bands heraushebt. Aber da sich die Band leider bereits aufgelöst hat und andererseits einen besonderen Platz in meinem Herzen innehält, wollte ich dennoch über sie schreiben.

UNEXPECT

UNEXPECT

Dass in Kanada wohl irgendwas im Wasser sein muss, habe ich schon mehrfach angesprochen, da dort eine geile Band nach der anderen aus dem Boden sprießt, und diese nicht nur kreativ und markant, sondern auch technisch auf höchstem Niveau arbeiten.

GORGUTS, BEYOND CREATION und CRYPTOPSY stellen nur einige wenige der unzähligen Namen dar, die aus dem nicht so amerikanischen Nordamerika stammen. UNEXPECT beschritten dabei seit jeher einen etwas anderen Pfad, der sich hauptsächlich dadurch auszeichnete, immer wieder dann Haken zu schlagen, wenn man es am wenigsten erwartete. Denn hier ist der Name Programm!

Grob lassen sich UNEXPECT dem Avantgarde Metal zuordnen, doch meiner Meinung nach trägt diese Klassifizierung kaum zur Verdeutlichung oder Abgrenzung bei – im Gegenteil.

Versuchen wir es also andersrum: drei Sänger mit zwei Gitarren, eine Sängerin, eine Violine, Drums und ein 9-saitiger Bass bilden die Bausteine aus denen UNEXPECT sich in so ziemlich jede Richtung vorarbeiten. Death Metal, Black-Metal-Einflüsse, Zirkusmusik, Operetten-Ausflipper, technische Eskapaden, Elektronik, Spoken-Word-Passagen, Piano- und Klassikdurchbrüche sowie wirre Songstrukturen stellen grob zusammengefasst den Strauß bunter Melodien dar, mit dem das kanadische Sextett aufwartete und alle begeisterte, die sich ihr Hirn gern neu verdrahten ließen.

Im Jahre 1996 gegründet, legten UNEXPECT ihr Debüt-Album “Utopia” drei Jahre später vor. Natürlich ist der Sound hier noch sehr viel roher als auf späteren Veröffentlichungen und in den ersten Sekunden des Openers “Vespers Gold” wähnt man sich auf einer DARK TRANQUILLITY oder CHILDREN OF BODOM Platte. Doch bereits wenig später werden die Charakteristika offenbart, die die Band bis zuletzt immer weiter verfeinern und perfektionieren sollten. Auch wenn das Debüt vermutlich noch als das “schwächste” Album bezeichnet werden muss, ist die Qualität schon hier weit von dem entfernt, was andere Bands als erstes Album raushauen. 

“In a Flesh Aquarium” zeigte sich die Band dann schon auf einem deutlich höheren Level, nicht zuletzt, da es auch erst sieben Jahre nach dem Debüt erschien. Mit besserem Sound, neuen Ideen und noch kompromisloserer Umsetzung überzeugte der Zweitling auf ganzer Linie und konnte vielerorten – völlig verdient – gute Kritiken einfahren. Auch wenn das Album einiges an Nerven, Zeit und Arbeit erfordert, bis man zu ihm vorgedrungen ist, so stellt es sich doch letztlich immer wieder als lohnenswert heraus, sich mit diesen 60 Minuten vertonten Wahnsinns zu beschäftigen. 

Unerreicht ist und bleibt für mich jedoch der Drittling “Fables of the Sleepless Empire”. Das letzte Album sollte erneut sieben Jahre auf sich warten lassen, dafür jedoch auch das beste Album werden, das UNEXPECT jemals geschrieben haben – und vermutlich schreiben werden. Obwohl “Fables…” mit nahezu schleudertraumataverursachenden Tempo-, Takt- und Stimmungswechseln gesegnet ist, geht doch immer wieder irgendwas ins Ohr, werden sowohl Spannungsbögen, als auch Atmosphären aufgebaut, die zumindest mich immer einnehmen und beeindrucken konnten. Wo andere Bands es nicht hinbekommen, innerhalb eines Songs für Stimmung oder einen roten Faden zu sorgen, kappen UNEXPECT ebendiesen immer wieder bewusst, nehmen ihn später wieder auf, nähen ihn irgendwo anders dran und bauen so Song in Song in Song in Song, ohne sich zu verrennen, oder das große Ganze aus den Augen zu verlieren. All ihr lieben Drei-Akkord-Bands da draußen: schneidet euch ne Scheibe ab.

Denn “Fables of the Sleepless Empire” ist im Kern immer noch keine leicht verdauliche Kost, wartet aber mit den besten und emotionalsten Songs auf, die die Band jemals geschrieben hat.

Bis auf einige wenige Konzerte haben die unerwarteten Kanadier den Sprung über den großen Teich leider nie wirklich vollzogen, weswegen uns hierzulande nur ihre auf Plastik gebrannte, oder streambar gemachte Musik bleibt. Denn am 22.08.2015 gab die Band über ihre Facebookseite bekannt, das Experiment UNEXPECT für beendet zu erklären, und sich nunmehr anderen Projekten zuzuwenden.

 

Auch wenn die Auflösung mittlerweile fast 2 Jahre her ist, bleiben UNEXPECT für mich nicht nur eine der unvorhersehbarsten Bands die ich kenne, sondern auch auch eine, die sich speziell durch ein Merkmal von dem Gros anderer Bands abheben konnte: Einzigartigkeit.

 

Facebook

Bandcamp

Bild mit freundlicher Genehmigung von Jenna Lee Mason

Du liest diesen Beitrag, weil unsere Autoren lieben, was sie tun - wenn du ihre Arbeit liebst, kannst du uns, wie andere schon, unterstützen. Wie? Mit einem kleinen monatlichen Beitrag über silence-magazin@patreon Patreon
Vorheriger Beitrag

GRAVETEMPLE - zugedröhnt im Grabe

Nächster Beitrag

Die bebende Burg - Dark Troll Festival 8

Keine Kommentare

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.