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Black Metal im Hörspiel-Gewand?

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CRÉATURES – Le Noir Village
Veröffentlichungsdatum: 25.10.2016
Dauer: 60:02 min.
Label: Antiq Records
Stil: Black Metal

Hat mir jemand aus der Redaktion ein gemaltes Bild aus der 7. Klasse untergejubelt? Das war nämlich mein erster Gedanke, als ich CRÉATURES Cover von „Le Noir Village“ erblicke und mir die lange Liste an Gastmusikern durchlese, welche auf diesem Album mitgewirkt haben. Dazu Theremin, Cello, Violine, Piano, eine Orgel, Okarina, ein tibetisches Horn, ein Gong und diverse Trommeln. Da hat aber jemand Lust, so vielfältig wie möglich Musik zu erschaffen. Anders kann ich mir diese große Palette an Equipment nicht erklären. Aber dass muss ja nicht schlecht sein. Vielleicht geht das Konzept des Einzelkämpfers Sparda auf und ich blicke zufrieden auf ein gutes Album zurück. Bei einer Spielzeit von einer Stunde ist auf jeden Fall viel Spielraum möglich.

Zeitlich spielt sich das Konzeptalbum im 12. Jahrhundert ab, wo ein Dorf von schrecklichen
Monstern angegriffen wird. Zusätzlich werden die gesungenen Textzeilen, wie bei einer Oper,
in mehrere Personen eingeteilt. So lässt sich eine Geschichte besser erkennen.

Vorurteile beiseite

„L’Horreur des Lunes Pleines“ beginnt mit Hühnergackern, akustischen Gitarren und einer ruhig gesprochenen Einführung, dazu das Theremin. Bin ich hier auf einem Bauernhof oder was? Doch nach einer kurzen Frauenstimme kriecht die morbide Stimmung aus den Boxen und zeigt sich mit eingängigen, fast schon punkigen Rhythmen. Etwas heiser, aber trotzdem kehlig und mit Leidenschaft vorgetragen, krächzt Sparda sein Leid dem Hörer entgegen. Da entsteht tatsächlich so etwas wie eine düstere Stimmung. Allerdings schlaucht das Organ des Monsieur Sparda hier schon sehr, da das Gekreische auf Dauer sehr monoton klingt.

Und ich habe erst die Hälfte des Songs hinter mir. Uff! Allerdings gefällt mir das Solo gegen Ende des Openers und die darauf folgende Blastbeat, welche mit psychopathischem Schreien und heldenhaft vorgetragenem Gesang eine gelungene Mischung aus dem Hut zaubert. Da dürfen natürlich die qualvollen Peinigungen der Dorfbewohner im Hintergrund nicht fehlen. Das Theremin fügt sich nebenbei gesagt sehr gut in das Soundkonstrukt, auch der Bass grummelt gut hörbar vor sich hin, bevor wieder die akustischen Gitarren den Abschied, oder besser gesagt: den Einstieg markieren.

creatures-artwork

Verlassene Leichen

Die Glocken läuten, Pêtré (eine der Figuren) verkündet vollmundig mit seinem Gebet den Untergang. Eine schöne Piano-Melodie erklingt und dann ist es wieder Zeit für ein wenig Raserei. Als ob der nächste Schalter umgelegt worden ist, zeigen CRÉATURES sich erneut von der ruppigen Seite. Diesmal jedoch bleibt das Tasteninstrument präsent, aber auch hier ist die Luft nach 3 Minuten raus. Ich schaue angestrengt zur Uhr. Gevatter Theremin steht mir mit seinem Science-Fiction mäßigen Klang zur Seite. Die windschiefen Gitarren ab Minute 4:20 sorgen dafür, dass sich meine Tapete von den Wänden rollt.

Glücklicherweise dauert diese Folter nicht lange an, Sparda klöppelt am Schlagzeug weiter und sorgt mit Tapping für die nötige Abwechslung. Bis ab Minute 6:40 das Piano ausrastet und witzige Momente an den tollwütigen Honkey Tonk-Spieler aus Westernfilmen wach werden lässt. Passt skurrilerweise sehr gut in dieses Kabinett der seltsamen Musik. Wäre der Song halb so lang gewesen, es hätte mein Nervenkostüm freudig gestimmt.

Höreindrücke findet ihr HIER

Martyrium eines Gerbers

Der dritte Titel verwirrt mich nun gänzlich. Modern tänzeln CRÉATURES im Takt und der gesprochene Gesang nervt immer mehr. Immerhin sorgt dezent im Hintergrund die experimentelle Instrumentierung für neue Eindrücke. Als nach circa dreieinhalb Minuten mal wieder ein Charakter vor sich hin gackernd verstummt, vernehme ich leises Gemurmel, traurige Violinen und endlich ein Cello. Dieser Part könnte ohne Probleme einem Theaterstück entsprungen sein. Bis die karge Darbietung erneut in durchgeknalltem Kino mündet. Soeben vergeht mir übrigens der Hunger, da in diesem Moment sich der Sänger feucht hustend und gurgelnd einen neuen Tod inszeniert. Doch was dringt jetzt an meine großen Ohren?

Doublebass und ein verdammt atmosphärischer Part verwöhnen den Verstand. Dazu kommt ein eleganter Chor, der den Schwanensang besiegelt. Und was jetzt folgt, ist einfach nur mit einem Wort zu beschreiben:

Super!

Ab 8:10 Minute verbindet der Franzose gekonnt eine folkloristisch-mittelalterliche Atmosphäre, die diesen Song zu meinem Highlight werden lässt. Schade, dass diese Passage nicht öfters auf „Le Noir Village“ vorkommt. Gerade die bittersüße Melodie des Sechssaiters in Verbindung mit den warmen Basstönen und dem Chor sorgen für einen Aha-Effekt. Den hat das Album nötig, denn CRÉATURES legen ihren Schwerpunkt leider auf schwer verdauliche Momente.

creatures-musiker

Vom verbotenen Pakt am Rande des Übels und Ungeheuern

Die Hälfte des Albums ist erreicht und ich ringe nach Luft. Wenigstens lässt mich das Pferdewiehern in „À l’orée du Mal, le Pacte interdit“, sowie die Trommelorgie mit den Kehlkopfgesängen schmunzeln. Die Übersetzungen der Titel lassen sich sehr amüsant lesen. Das gepitchte Gefasel hingegen, welches nach einem betrunkenem Ork klingt, ist nur lächerlich statt schaurig. Andererseits beeindruckt mich ein weiteres Mal die Gitarrenarbeit mit ihren Soli.

Klavier und Orgel sorgen im Anschluss in „Il était un Monstre assoiffé de Coeur“ noch mal für viel pompöses Tamtam. Die weibliche Stimme ist dahingegen nicht mein Geschmack. Das Ganze hat einen ziemlichen Gothic-Touch mit schunkelhaftem Schlagzeug. Anders kann ich es nicht beschreiben. Verzeiht mir also diese Aussage. Schlussendlich ist das hier der unspektakulärste Track.

Das Ende naht! Endlich!

Als die Orgel noch mal mit gebetsartigen Gesängen ertönt, bin ich reif für die Insel. Also gut. Auf zum letzten Ritt. Doch die Träller-Else von eben raubt mir den letzten Funken Verstand. Das ist zu anstrengend. Dieser ständige Wechsel zwischen angenehmen Geknüppel und opernhaftem Gezirpe ist zu viel für mein Hirn.

 

Bild mit freundlicher Genehmigung von Créatures

Autorenbewertung

4
Was bin ich gerädert von dieser Scheibe. Konstant wird für eine düstere Stimmung gesorgt, aber die überlangen Stücke sind auf Dauer zäh wie ein Kaugummi. Trotz Experimentierfreudigkeit an den Instrumenten strapaziert die gesamte Aufmachung meine Geduld. Da können auch die klassischen EInflüsse nicht mehr viel retten.
ø 0 / 5 bei 0 Benutzerbewertungen
4 / 10 Punkten

Vorteile

+ sehr viele Instrumente schaffen eine abwechslungsreiche Platte
+ gute Produktion

Nachteile

- scheußliches Cover
- Songs sind größtenteils zu lang
- eine Stunde Spielzeit ist doch zu kräftzehrend für diese Spielart des Metals

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2 Kommentare

  1. Ardur
    14. November 2016 bei 10:36 — Antworten

    Also ich mag das Albumcover, es ist mal nicht das ständige 0815 Coverartwork wie man es auf vielen Metalalben findet.
    Das Artwork hat so seinen eigenen Stil und mir gefällt der irgendwie sehr.

    Aber ich kann dir auch zustimmen, die Songs sind einfach zu lang.

    • Hannes
      14. November 2016 bei 23:15 — Antworten

      Da geb ich dir recht. Es muss nicht immer das typische „schwarz-weiße Cover mit Pandas drauf“ sein. Und es hat auch wiedererkennungswert, jedoch weil ich es nicht so mag. Geschmäcker eben 🙂

      Grüße,

      Hannes

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