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Das Vendetta Fest und die christliche Scharia (Tag 1, Freitag)

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Freitag, 14.04.2017

Es ist Karfreitag und sobald man die Nachrichten liest, kommt einem immer der gleiche Quark entgegen: Christlicher Ruhetag hier, christlicher Ruhetag da. Vom Tanzverbot merkt man in Berlin nicht ganz so viel, zumal es hier nur bis um 21 Uhr gilt. Außerdem hoffe ich, dass bei der kommenden Veranstaltung eh nicht so viel getanzt wird. Bei solchem Black Metal zu moshen ist eher unüblich. Mit einem säkulären Staat haben solche religionsgerechten Regelungen auch nicht viel zu tun. Entweder man behält den Feiertag zur Entlastung der arbeitenden Bevölkerung bei und scheißt auf die mit ihm einhergehende Regelung oder schafft ihn gänzlich ab. Mit beidem wäre ich durchaus einverstanden, weil mich der eigentliche Anlass des Osterfestes eher kalt lässt. Der einzige wirkliche religiöse Eingriff in das öffentliche Leben ist bei weitem keine christliche Version der Scharia, aber ähnlich unangepast an die moderne Gesellschaft. Ich darf denen gedenken und folgen, die es meiner Ansicht nach verdienen und muss mich nicht irgendeinem religiösen Druck beugen.

Für den Veranstalter eines Black-Metal-Festivals gibt es jedoch keinen Tag, der passender sein könnte. Mit viel Kitsch könnte man sich darauf aufhängen, dass Jesus an diesem Tag gekreuzigt wurde etc. Vendetta Records und die Bands haben jedoch genügend Anstand sich solche Klischees zu verkneifen. Und wie sieht es nun auf dem Gelände aus? Das Tiefgrund in Berlin bietet alle Voraussetzungen für ein Festival dieser Größe: genügend Platz zum Ausruhen, einen kleinen Merchandise-Raum, einen Vorplatz und einen süßen Konzertraum.
Eine familiäre, herzliche und intime Atmosphäre wird auch durch die Nähe zwischen Besuchern und Bands geschaffen. Ich freue mich über das vollkommen vegane Buffet und meine Begrüßung durch den Veranstalter. Für ein Indoor-Festival dieser Größe zum Glück nicht ungewöhnlich. Sobald man sich innerhalb von fünf Minuten alle wichtigen Räumlichkeiten angesehen hat, kennt man sich auch schon aus. Erwartungsvoll schlage ich im Konzertraum mein Lager auf. Meine heutigen Highlights sollen eigentlich HEXER und – auf die ewige Leier eines anderen Festivalbesuchers hin – PARAMNESIA sein. Mal sehen wie mich die restlichen Bands abholen können.

VERHEERER dürfen die Show eröffnen. Die Flensburger machen von Anfang an gut Druck. Mit ihrer inzwischen etwas älteren Debüt-EP im Gepäck, überzeugen sie auf ganzer Linie. Das Gesamtpaket klingt etwas traditioneller als ich es erwartet hatte. Mit kaum Show, keinem unnötigen Gerede vor und nach den Liedern und hasserfüllten Melodien machen sie alles richtig. Genauso hatte ich meine Einführung in die Veranstaltung erwartet. Schade nur, dass die Herren nicht aus ihren Lederjacken herauskommen. Die Platte kann man sich nach so einem Auftritt jedoch durchaus gönnen.

Nach post-rockiger Pausenmusik betreten HEXER die Bühne und machen ihrem Namen alle Ehre. Sie bringen Räucherstäbchen an Bass und Gitarre an. Zusammen mit einer Duftkerze sorgt das für einen angenehmen Geruch. Dadurch erschaffen sie für sich die perfekte Atmosphäre für ihren Blackened Doom Metal. Das von VERHEERER vorgegebene Tempo wird ausgebremst. Langsam und zehrend bohren sich die Riffs in die Gehörgänge der Besucher. Da verwundert es auch nicht, dass für eine kurze Zeit der Bass mit einem Bogen gespielt wird. Gefangen im Schneesturm von HEXERs verheerender, sorry den konnte ich mir nicht verkneifen, Musik, ist es schwer loszulassen und den Raum zu verlassen. Alle starren gebannt auf die Bühne bis der nächste Ausbruch wieder ein freudiges Grinsen in die Gesichter zaubert. Viele Tracks vom neuen Album “Cosmic Doom Rituals” werden gespielt, was neuen Fans wie mir in die Hände spielt.
Sie treten – entgegen der Stilvorschrift in einigen anderen Clubs – mit voller Bemalung auf. Selbst die Arme hat man sich angemalt, man meint es ernst. Die Dortmunder haben ordentlich doom und Wucht im Gepäck. Diagnose: selbst mal anschauen und genießen.

Lang gezogene, schmerzerfüllte Schreie in mitten des Nebels liefert der erste internationale Gast. SOLBRUD reizen die Nebelmaschine vollends aus. Der Sound und die Atmosphäre stimmen erneut. Damit reihen sie sich sehr gut in den Tag ein. Außerhalb der eher entspannenden Musik fällt mir eine Äußerlichkeit auf, über die ich nicht hinwegkomme. Spielt der Schauspieler Chris Hemsworth (“Thor”) bei SOLBRUD Schlagzeug? Vielleicht ist es in der Halle einfach zu dunkel, aber ich könnte schwören, dass er aus einer gewissen Entfernung so aussieht.
Musikalisch holt mich die stark vom Death Metal beeinflusste Shoegaze-Black-Metal-Mischung auch ab. Emotional angehaucht und weniger böse als HEXER betört diese meine Ohren.

Ob PARAMNESIA bei solchen “Vorbands” mithalten kann? Die Franzosen spielen einen Stil, der an den Nerven zehren soll. Langatmige Passagen, die in gleich lang erscheinenden Abständen durch viel Gekrächze unterbrochen werden. Selten war mir so bewusst, warum es Leute gibt, die diese Richtung als Emo Black Metal bezeichnen. Der Sänger geht in seiner Rolle als gequälte Seele so sehr auf, dass er aus dem halben Spagat auf der Bühne gar nicht mehr herauskommt. So spät am Abend ist eine derartige Kombination nicht wirklich erfrischend und stimmt mich eher auf die kuschelige Heimreise ein. Dennoch beherrschen sie ihr Handwerk sehr gut und reißen mich mehr als nur ein paar Male mit. Emotionales Headbanging ist hier mehr als erwünscht. Ein wichtiger Soundeffekt, den eigentlich alle Bands hier nutzen ist der Hall. Jedes Mikrofon muss sich anhören als würde man direkt in die Alpen hereinbrüllen. Lawinen löst das zwar nicht aus, aber korrigiert Schwächen im Live-Gesang und sorgt für riesige Wände aus Ton. So sehr ich mir auch wünsche, dass mehr Bands ohne ihn auskommen, für viele ist es einfach zum Standard geworden. Umso mehr begeistern dann wohl die Vertreter, die es roh versuchen.

Rohe Töne erwarte ich beim nächsten Auftritt nicht. Viel Aufwand und die bisher längste Umbauzeit benötigen FYRNASK. Sie lassen sich Zeit, damit auch alles schick aussieht. Nach HEXERs ausgiebiger Show, wollen die Bonner von FYRNASK noch einen drauflegen. Jedes Bandmitglied bekommt ein großes Gewand, welches nur beim Sänger das Gesicht nicht so wirklich verdeckt. Der posiert mit einem angeklebten Bart und viel Bemalung im Nebel, der sich um die mitgebrachten Geweihe und Laternen schlängelt. Sie sind auch die einzige Band mit Backdrop an diesem Tag und schrauben dementsprechend die Erwartungen in die Höhe. Für mich persönlich war es nie wichtig, wie eine Band oder die Bühne aussieht – Hauptsache es klingt gut. Leider kann ich mit der Musik nicht viel anfangen. Anscheinend muss einem das Auftreten der Truppe gefallen, um diese zu verstehen. Viel zu folkig und erzwungen monumental für mich. Aber immerhin passt die Musik erneut zum Outfit. Die Stilpunkte müssen sie sich also mit HEXER teilen. Dank der so ausgiebig verlängerten Umbauzeit verpasse ich auch leider das letzte Stück ihres Sets. Dadurch die letzte Bahn Richtung Heimat zu erwischen und um 3:00 Uhr anstatt um 6:00 Uhr zu Hause zu sein, lohnt sich jedenfalls.

Vielen Dank an Benedikt Walther (www.bwalther.de) für die wunderschönen Fotos.


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