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Das Vendetta Fest und Zecken (Tag 2, Samstag)

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Samstag, 15.04.2017

Nach einer interessanten Erfahrung mit der deutschen Bahn in der vergangenen Nacht, mache ich mich erneut auf den Weg nach Berlin. Bei der Rückreise wollte mir die digitale Anzeige und die Durchsage am Bahnhof weismachen, dass mein Zug nicht von dem Gleis fährt, an dem er schon seit zehn Minuten steht. Zu meiner Erleichterung ist die zweite Hinreise sehr ereignislos und ich kann ein bisschen dösen. In meinem Alter das Gefühl zu haben, dass Festivals die so “spät” in der Nacht enden, besser um 13:00 Uhr starten sollten, ist glaube ich nicht gut. Warum man solche, um 18:00 Uhr endende Musik-Matinees für alte Säcke und Schlafwandler wie mich nicht veranstaltet, ist mir unerklärlich. Falls es euch genauso geht, lasst es uns ruhig wissen!

Angekommen auf dem Gelände steigt die Vorfreude wieder, schließlich ist das Line-Up des heutigen Abends voll mit bekannten Namen. ASH BORER habe ich noch nie wirklich eine Chance gegeben, aber die hier und da vernommenen Fetzen machen Lust auf mehr. Genau das gleiche betrifft die “Supergroup” VANUM. Dieses Projekt wird von K. Morgan (ASH BORER) und M. Rekevics (FELL VOICES, VORDE, VILKACIS) belebt und dürfte einen fetten Untergrund-Sound in petto haben. ULTHA und WOE hingegen sind mir schon mehr als bekannt, die ein oder andere Platte bewohnt mein Regal. Ob es live genauso monumental und episch wird, lässt sich nur anhand von Mundpropaganda erahnen. Noch leicht verschlafen mache ich mich erst auf zum Merchstand. Dort kaufe ich mir etwas von ULTHA, einfach um den Jungs etwas Support entgegenzubringen. Was diese netten, offenkundig linken Musiker innerhalb ihrer eigenen linken Szene erleben müssen, ist echt nicht mehr lustig. Frei nach dem Motto “Zecke frisst Zecke und der echte Nazi guckt zu” wurde bereits dem Veranstalter und Inhaber des Labels Vendetta Records Stefan Klose gedroht. Und das alles nur weil er eine Band unter Vertrag hat, die außerhalb von Antifa-Sicherheitszonen spielt. Unsere Meldung zur ULTHA und WOE betreffenden Show-Absage gibt es hier. Aber das war auch schon genug Geschwafel für heute – kommen wir zur Mucke.

Mit einem freudigen Gefühl richte ich meine Aufmerksamkeit nun auf LYCUS. Werden sie eine genauso gute Eröffnung wie VERHEERER an den Start legen?
Nach einer Pinkelpause für den Schlagzeuger legen die gut gelaunten US-Amerikaner los. Anhören tut sich die Kombination langsamer und unerwartet doomig. Spaß am Auftritt habe ich trotz der elendig langen Lieder. Etwas enttäuscht bin ich trotzdem, wenn ich sie mit ihren Gegenstücken vom gestrigen Tag vergleiche. Ich bräuchte vielmehr eine wutgeladenere Black-Metal-Dröhnung, als so viel Geplänkel aus Oakland. Dem Rest des Publikums scheint es besser zu gefallen und der Großteil nickt freudig mit. Aber was zum jetzigen Zeitpunkt meine Bedürfnisse nicht erfüllt, ist ja nicht gleich schlecht. Diese Gruppe kommt auf meine Beobachtungsliste. Da kommt noch was Großes auf uns zu, das Funeral-Doom-Ungeheuer LYCUS!

Das Tempo ziehen FÓRN zwar nicht an, bringen dafür aber mehr Groove mit. Ohne Rücksicht auf Verluste wird hier gedroschen und sich gar nicht mal so oft verspielt. An ihrer Spielart des Doom Metals haben sie viel Freude. Das überträgt sich auf die gespannten Zuschauer. Diese schunkeln fleißig zur Musik, kommen zum ersten Mal so richtig aus sich heraus. Sportlich präsentieren sich die Jungs auf der Bühne auch. Sie hampeln ordentlich herum und feiern ihre Musik. Da macht es Spaß zuzusehen, wie im MESHUGGAH-Shirt das Instrument geschwungen wird. Viel energischer. Jetzt bin ich zum Glück aufgewacht!

Ob das nicht der freudigen Erwartungshaltung gegenüber WOE geschuldet ist, kann ich nicht so ganz nachvollziehen. Die Wege eines von allen Seiten zugequalmten Hirns sind unergründlich. Als die Truppe aus Philadelphia endlich die Bühne betritt, ist klar was gleich passieren wird. Wenigstens fragen die energetischen Jungs vorher, ob wir bereit für ihren “fast shit” sind. Und dann bricht es auch schon los. Eine Flutwelle aus Blast Beats und Riffs schwemmt mich weg. Das Letzte woran ich mich erinnere, sind die rhythmischen, immer schneller werdenden Bewegungen meines Kopfes. Wie ein Geisteskranker zu Headbangen, haben sich auch viele andere Besucher zum Tagesziel gemacht. Nur gut, dass WOE ihnen einen Anlass dazu geben. Die Geschwindigkeit ist dementsprechend gestaltet und bricht vielen den Nacken. Die ersten Windmills werden ausgepackt, gepogt hingegen nicht. Ein großes Tabu auf so kleinen und insbesondere Black-Metal-Konzerten. Scheint zu viel Bewegung zu sein. Wer hier moshen will, hört zu viel FIVE FINGER DEATH PUNCH. Zumal sich in einem Circle-Pit bei dieser Geschwindigkeit eh alle überschlagen würden.

Die erste wirkliche, mündliche Begrüßung auf dem gesamten Festival kommt von ULTHA. Sie gehen nicht nur auf die Kritik ein, die sie erhalten haben, sondern verurteilen auch die persönlichen Drohungen, die ihr Label ertragen musste. Sowas geht zu weit und die Band begrüßt jede fundierte Kritik an ihrem Vorgehen, solange sie nicht in Hass auf Dritte umschlägt. Was mich an dieser Sache wurmt, ist der Fakt, dass man Vendetta Records Steine in den Weg legt, nur weil eine Band sich aus ihrem linken Safe-Space heraustraut. Stefan Klose und seine Bands versuchen Black Metal auf der anderen Seite des Spektrums zu politisieren. Solche Bestrebungen als politisch links angesiedelter Wutbürger zu blockieren, ist einfach nur kindisch.
Einen kleinen Seitenhieb erlaubt sich die Band jedoch: diejenigen, die ULTHA für einen solchen Auftritt verteufeln und zu Unrecht in die rechte Ecke drängen, hämmern in ihrem Zuhause nur auf die Tastatur. Und sie besitzen eine ADORO – oder war es ADORNO – Sammlung. Über solche generalisierenden Aussagen kann jeder denken was er möchte, einen wahren Kern hat sie jedenfalls.
Musikalisch trägt ihr Auftritt schnell Früchte. Die Menge tobt über das ganze Set, bis ein besonderer Gast die Bühne betritt. Zusammen mit Rachel von ESBEN AND THE WITCH wird “Mirrors In a Black Room” umso schöner. Leider trifft sie bei langen Sätzen selten den Ton. Gut, dass wir für solche Situationen den Hall eingebaut haben. Da fällt sowas bei ihr und ihren männlichen Gegenstücken nicht auf. Den Rest des Sets spielt man sauber herunter. Mein gerechtfertigtes Festival-Highlight verlässt trotz vereinzelter Forderungen nach einer Zugabe die Bühne.

Können die so prominent besetzten VANUM da mithalten? Den schnellen Grundton behalten sie bei. Aber was definitiv auffällt sind die hervorgehobenen Melodien – und der Oberkörper des Sängers und Gitarristen. Der sieht zum Anbeißen aus! Allerdings genieße ich die von seiner Band erzeugte Klangwelt viel mehr als seine behaarte Brust. Der Untergrund-Promi brüllt so betont in das Mikrofon, dass einem die Haare zu Berge stehen. Zur Freude der Damenwelt steht seine Behaarung nicht im Weg, um seine Muskeln beim Singen spielen zu sehen. Da wird bestimmt der ein oder andere Mann, der nicht den Blick nach unten richtend headbangt, schnell neidisch oder erregt. Suchts euch aus. Genauso aggressiv wie sein Auftreten ist, hört sich VANUM an. Die rohen Töne, die mir gestern gefehlt haben, werden hier ausgefüllt.

Den krönenden Abschluss bekomme ich leider erneut nicht ganz bis zum Ende mit. ASH BORER spielen ein ausgewogenes Set, das sowohl Fans als auch Neueinsteiger begeistern dürfte. Mit VANUMs ungebremster Euphorie hat das nicht viel zu tun. Die Amis spielen einen viel kalkulierter und melodischer klingenden Black Metal. Und das gefällt mir durchaus! Leider reichen weder Geld noch Zeit, um sich eine Platte oder CD mitnehmen zu können. Da hätte ich wohl lieber auf meine Dosis materieller Selbstverwirklichung vorhin am Merch-Stand verzichten sollen. Nichtsdestotrotz ist die Musik genau der richtige, nach einer Weile verhallende Wegbegleiter für meinen Spaziergang in Richtung Bahnhof. Im Zug sitzend, kommt der Wunsch auf, dieses tolle Festival nächstes Jahr noch einmal zu besuchen. Hoffentlich hat es bis dahin Bestand und das Label hält an seinen Idealen fest – weiter so Stefan!

Vielen Dank an Benedikt Walther (www.bwalther.de) für die wunderschönen Fotos.


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5 Kommentare

  1. L
    20. April 2017 bei 12:55 — Antworten

    “Zur Freude der Damenwelt steht seine Behaarung nicht im Weg, um seine Muskeln beim Singen spielen zu sehen. Da wird bestimmt der ein oder andere Mann, der nicht den Blick nach unten richtend headbangt, schnell neidisch oder erregt.”
    mit dem ‘erregt’ hast dus noch ein bisschen rausgerissen, aber trotzdem: was soll dieser mackerscheiß?

    • Jonas
      20. April 2017 bei 13:51 — Antworten

      Tut mir leid wenn der ironische Unterton nicht so gut rüberkommt – soll definitv kein “Mackerscheiß” sein. Ich umschreibe hier seine Physis auf eine für mich belustigende Art und Weise. Sexuelle Anziehung auf irgendein Geschlecht durch ein anderes Geschlecht ist nicht immer gleich Mackerscheiß, sondern vielleicht humoristisch gemeint, auch wenn es in diesem Fall leider ein Mann gesagt hat 😉

      • L
        20. April 2017 bei 17:13

        hm, ja, ich verstehe ja schon dass du das irgendwie ironisch meinst, aber so ganz abstreiten kannst du nicht, dass da irgendein Kern von Ernsthaftigkeit dahinter steckt-und er wollte vielleicht auch genau solche Reaktionen haben, ob ironisch oder nicht-das man seinen männlichen Oberkörper bewundert.

      • Jonas
        20. April 2017 bei 20:59

        dann soll er das doch machen, gibt auch Frauen die so denken. und seine Intention dahinter anzuzweifeln ist schon sehr weit gegriffen. es gibt auch musiker denen auf der Bühne warm wird – Loz von While She Sleeps zum Beispiel. Und der Typ ist so humble und down to earth wie man es sich nur vorstellen kann

      • L
        21. April 2017 bei 11:21

        womit wir wieder bei Mackertum und der Reproduktion dessen wären. Was mir in der metal szene viel zu wenig thematisiert wird…
        Und ja kann natürlich sein, dass ers nur mach weil ihm zu heiß ist, bei schlagzeugern versteh ichs zum Beispiel..

        -sorry, dass ich hier antworte, konnte auf deinen anderen Kommentar nicht mehr antworten.

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