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Der Hirnfick des Jahres – CZAR

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CZAR – Life Is No Way To Treat An Animal
Veröffentlichungsdatum: 20.01.2017
Dauer: 47:46
Label: Independent
Genre: Experimental/Avantgarde Mathcore

Boah, was für ein Brocken.
Hier ist es nun, das zweite Album der irren CZAR. Nachdem im Jahre 2011 ihr erstes Full Length „Old Haunts“ erschien, wurde es über Jahre ruhig um die Jungs aus Tacoma, Washington.
Der Schlag mit dem sie sich jetzt jedoch zurückmelden, könnte kompromissloser nicht sein.

Unter dem wunderschönen und bedeutungsschwangeren Titel „Life Is No Way To Treat An Animal“ wurden ganze 19 Portionen schwerverdaulicher Krachkost zusammengeführt, die sogar mir einiges abverlangen.

So wird das Album von dem jazzig anmutenden Stück „Owls, etc.“ eröffnet, welches mit Elektrobeats, Störgeräuschen und einem Rhodes Piano aufwartet. Alle Klarheiten beseitigt? Zu dem bereits kompliziert zu sezierendem Sound gesellen sich später noch Post Rock-Linien und eine wirre Sologitarre, bevor der abrupte Übergang zu „Too Many Yetis“ erfolgt und man sich auf einem DILLINGER ESCAPE PLAN-Stück wähnt. Von diesem Eindruck hält eigentlich nur die fehlende Stimme von Greg Puciato ab.

Nach knapp neun Minuten Spielzeit werde ich ohne Vorwarnung fallen gelassen, gerade, als ich mich in diesem klangkaleidoskopischen Orkan zurecht zufinden meinte. Denn in „Beware The Flies, Orestes“ setzt ein wunderschönes Piano ein. Dass wüst gegen dieses angeschrien wird, hatte ich schon erwartet, wodurch mich das Ganze an MY OWN PRIVATE ALASKA erinnert. Doch die „Ruhe“ währt natürlich nicht lange, sodass man wenig später wieder in DILLINGER-Gefilde ausbricht. Wer THE HIRSCH EFFEKT mag, der dürfte über das entsprechende Nervenkostüm verfügen, um sich auch an CZAR zu wagen. Für alle anderen würde ich den Warnhinweis aussprechen, vorher Arzt und Apotheker zu konsultieren, da für physische und psychische Schäden keine Haftung übernommen werden kann.

Sodomie am Cerebrum

Ein weiterer Punkt, den ich bei „Life Is No Way To Treat An Animal“ herausheben muss, sind die wahnwitzigen Texte, die zum einen ellenlang sind und zum anderen auf der Bandcampseite der Band nachgelesen werden können. Hier stoßen Tiermetaphern und Fabelähnliche Geschichten auf die absurde Komik, die vor allem TOM WAITS in seinen Songs domestiziert hat.

Den krassesten Ausbruch in dieser Hinsicht bietet das Spoken Word (!) Stück „Canine: No Eyes. Just Teeth.“, das mit Noise und manischen Gitarren begleitet wird. Wer „A Wild Hare“ von SPASTIC INK kennt, der kann sich vielleicht vorstellen, was hier abgeht. Und dabei befinden wir uns hier immernoch im ersten Drittel des Gesamtwerkes! Mike Patton würde höchstwahrscheinlich vor Freude implodieren, wenn er CZAR zu hören bekäme.

CZAR

Wo wir gerade bei dem FAITH NO MORE-Frontmann sind: dieser bietet eigentlich einen guten Referenzpunkt, da sich CZAR zuweilen nicht sehr weit von den Stilübergriffen der genannten Hauptband befinden, andererseits aber auch Erinnerungen an „Irony Is A Dead Scene“ wach werden lassen.

„Mister Reindeer“, das längste Stück des Albums, stellt sich mir als undurchsichtiger und vertrackter Bastard dar, dessen Zeugung unter mysteriösesten Umständen stattgefunden haben müsste. Hier treffen Jazz, Math und Zirkusmusik aufeinander. Doch um den gerade erlittenen Schock wieder etwas zu mildern, folgt im unmittelbaren Anschluss das versöhnlich stimmende Akustikgitarrenstück „Domesticated Wolves“, welches allerdings nur kurz währt.

Schade, endlich zu Ende

Bis zum Ende des Albums soll die kunterbunte Achterbahnfahrt so weitergehen, wobei sich Synthielandschaften, Noiseattacken, FAITH NO MORE-Reminiszenzen, Math- und Tech-Elemente die Klinke in die Hand geben sollen. Das Abschlussstück „Taking Roadkill To The Vet“ setzt dann nochmal alles daran, die letzten Sekunden des Albums so unerträglich wie möglich zu machen, wozu ein nerviger Handyklingelton über drei Minuten erklingt, während HAL 9000 aus „2001: A Space Odysse“ seine letzten Worte spricht und man förmlich darum bettelt, dass das Album endet. Beunruhigend und verstörend. Wenn der „Song“ bzw. das Album jedoch die Bedeutung haben soll, die ich vermute, dann könnte es passender nicht konstruiert sein.

CZAR Is No Way To Treat A Listener?“

Trotzdem muss ich erstmal tief durchatmen. 
Das Stil- und Klanggemisch, das CZAR hier präsentieren, weißt zwar keine Ausfälle auf, ist aber dennoch nur schwer zu ertragen. Denn „Life Is No Way To Treat An Animal“ ist nicht nur ein Alb-um, sondern auch ein Alb-traum und zwar ein solcher, der die Stille, die ihm folgt, anders klingen lässt.

So kann ich auch nach mehreren Durchläufen immernoch nicht wirklich sagen, wo welcher Song aufhört und der nächste beginnt, da diese direkt und nahtlos ineinander übergehen und von 23 Sekunden bis 6 Minuten Spielzeit reichen können. Und dennoch: „LINWTTAA“ muss als Gesamtwerk wahrgenommen werden. Eines, das seinem Titel gerecht wird und somit eine gelungene Parabel zu seinem eigenen Inhalt darstellt. Zumindest wenn man das so interpretieren will. Auch wenn ich immer noch nicht über den Punkt hinweg gekommen bin, an dem ich nach einem Plattendurchlauf froh darüber bin, dass es endlich zu Ende ist, muss ich dem CZAR-Zweitling höchsten Respekt zollen. Denn trotz, oder wegen, der Unhörbarkeit ist „LINWTTAA“ ein Album, das lange nachhallt.

 

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Bandcamp

Bild mit freundlicher Genehmigung von CZAR

Autorenbewertung

7
CZAR bieten alles andere als leichte Kost, dass muss jedem bewusst sein, der sich an das Album heranwagt. Wer aber die passende Musik für den nächsten Pilz-Horrortrip sucht, dem kann ich das Album nur wärmstens empfehlen. Für alle anderen Musikmasochisten wird es einige Zeit dauern, um mit „Life Is No Way To Treat An Animal“ warm zu werden, was, wie erwähnt, nicht an mangelnder Qualität, sondern konstant extremer Kost bei undurchsichtigem Songwriting liegt. Sollte jemals ein Film unter dem Titel "Die Unerträglichkeit des tierischen Seins" erscheinen, dann ist dies der Soundtrack dazu. Viel Spaß beim Leiden!
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7 / 10 Punkten

Vorteile

+ irres Artwork
+ Titel
+ Technikalität und kreativer Wagemut
+ konsequent kompromislos
+ schlüssiges Konzept, das bis zum Schluss verfolgt wird

Nachteile

- anstrengendes "Songwriting"
- oftmals eher Krachkollagen, als Songs
- wenige bis kaum "eingängige" Passagen

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