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Die Jahreszeiten im finnischen Wald – WINTERSUN

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Das neue WINTERSUN-Album ist da! Nee, nicht Time II. Das wäre ja noch schöner. Ha, ha. Nein, scheinbar kommen die Finnen, um uns die unnötige Wartezeit auf die schon viel zu lange versprochene fehlende Hälfte ihres Zweitwerks zu verkürzen, mal eben mit einer komplett neuen Scheibe um die Ecke.

Ich hatte mich davor, eine Review zu „The Forest Seasons“ zu schreiben, eigentlich gescheut. Endlich neue Musik einer der Bands, die mir persönlich am allermeisten bedeuten. So lange habe ich darauf gewartet. So viele Spoiler habe ich peinlichst vermieden – ich wollte mich von dem Werk vollkommen unvoreingenommen und mit jungfräulichen Ohrkanälen überraschen lassen. Allein schon dies war nicht allzu einfach, da der gute Herr Mäenpää im Rahmen seiner (wahrlich nicht unumstrittenen) Crowdfunding-Kampagne natürlich jede Möglichkeit ergriffen hat, mit Videos, Snippets und Teasern Werbung zu machen. Fans haben teilweise schon vor Monaten das halbe Album aus diesen Videos rekonstruiert und zusammengeschnitten. All dem bin ich mit mühevoller Geschicklichkeit ausgewichen, um auch ja nicht den Moment des magischen ersten Hörens im vornherein zu beeinträchtigen.

Nur um dann das Album sofort auseinanderzunehmen, totzuanalysieren und mit kritisch-bewertendem Blick in einer Review zu verwursten?

Kam für mich nicht in Frage – deswegen gebe ich euch heute statt einer kalten, objektiven Offenlegung von Fakten lieber einen Einblick in die ungeschliffenen Eindrücke, die ich von ebenjener meiner ersten musikalischen Reise durch die vier Jahreszeiten der finnischen Wälder mitgebracht habe.

Erstmal muss ich sagen, dass das Album komplett anders ist, als ich erwartet hätte. Komplett anders, als viele es wohl überhaupt von WINTERSUN erwartet hätten. Die vier überlangen Songs wirken viel bodenständiger als alles, was diese Band zuvor an Musik produziert hat. Sie werden jeweils getragen durch eins oder mehrere durchgehende, leitende Feelings, die sich innerhalb der Tracks über lange Strecken halten. Dies steht in hartem Kontrast zu den teils sehr schnellen und hektischen Wechseln zwischen Rhythmen und Tonarten, Melodien und progressiv-technischem Gefrickel in jeder Ecke der älteren Kreationen (siehe etwa „Sons Of Winter And Stars“). Auch Bombast und Orchestrierungen sind weitaus hintergründiger geworden. Weniger Weltall und Dimensionenflüge epischen Ausmaßes, und mehr back to the roots of nature, so scheint und wirkt es. Dennoch kann man, wenn man aufmerksam hinhört, vielerorts versteckte und geschickt ins Unterholz eingebaute technische Kniffe und Finessen erkennen.

Das Gefühl, welches „The Forest Seasons“ generell vermittelt, ist ein eher düsteres. Selbst die schöneren Jahreszeiten verfallen nie komplett in Euphorie oder gar fröhlicher Melodik – als wäre der Hintergedanke an den nahenden Zerfall in Herbst und Winter immerdar präsent.

Innerhalb dieses Gedankens trägt allerdings jeder Song sein eigenes distinktes Feeling mit sich.

So fühlte sich „Awaken From The Dark Slumber (Spring)“ wirklich an wie ein Erwachen, wie ein sich Freischütteln von einer lange angelegten Schicht aus harter Erde und Frost. Ein mühsamer und langer Prozess, dessen Auflösung dann im nächsten Track, „The Forest That Weeps (Summer)“ stattfindet. Schön, aber nie zu kitschig oder zu sorgenlos, driftet dieser sogar zeitweise in einen längeren, gedankenverlorenen, komplett metalfreien Part ab. Man beachte den epischen Refrain.

Harsch, finster und gnadenlos kommt dann mit dem Herbst vor allem eines: der Tod. „Eternal Darkness (Autumn)“ ist wohl eines der bisher düstersten Erzeugnisse seitens WINTERSUN. All das zuvor aufgeblühte Leben geht zugrunde. Mit dem Winter kommt dann abschließend das traurigste Kapitel. Über den balladesk gehaltenen Track „Loneliness (Winter)“ singt sich Mastermind Jari in klagenden Tönen das Herz aus der Brust – der aggressive Zerfall ist zu Ende, es bleiben Kälte und Einsamkeit.

Konzeptalben zu den vier Jahreszeiten, ganz im Zeichen von Vivaldi, sind eigentlich immer eine sehr interessante Sache.

NARGAROTH haben es schon gemacht, NOCTE OBDUCTA haben es schon gemacht. Und es war eigentlich immer eher großartig. Ist „The Forest Seasons“ ein Meisterwerk? Das kann und will ich soweit noch nicht bewerten. Aber ein Kunstwerk ist es definitiv – und zwar eine andere Art von Kunstwerk, als man WINTERSUN zugetraut hätte.

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Autorenbewertung

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Dieser Artikel soll weniger das neue Wintersun-Album bewerten und analysieren. Viel mehr bietet er einen Einblick auf die Eindrücke eines ersten Hörgangs. FALLS DU JETZT EXTRA AUF DEN ARTIKEL GEKLICKT HAST, UM ZU SEHEN WARUM ICH DEM ALBUM NUR EINEN PUNKT GEGEBEN HAB: Hihi, reingefallen!
ø 3 / 5 bei 12 Benutzerbewertungen
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6 Kommentare

  1. Max
    28. Juli 2017 bei 21:22 — Antworten

    Also ich habe mal in das Lied reingehört und ich muss sagen, dass die Klänge des Liedes einfach episch und Naturvoll sind. Ich werde mir dieses Album auf jeden Fall besorgen und es mir in voller Länge auf YouTube anhören. Schön wie dort die 4 Jahreszeiten der Waldes im Metal charakterisiert werden. Einfach nur genussvoll.

    • IndigoRyu
      29. Juli 2017 bei 20:47 — Antworten

      Die Form des Reviews sagt mir zwar nicht allzusehr zu, aber dennoch stimme ich ich im Groben und Ganzen dafür. In der Tat würde ich durchaus The Forest Seasons als die moderne Antwort auf Vivaldi’s “Die Vier Jahreszeiten” betrachten. Jeder Song interpretiert die jewilige Jahreszeit auf seine eigene Weise und das macht auch die Abwechslung in diesem Album durchaus gelungen, obgleich jeder Song einen gewissen melancholischen Nachklang mit sich trägt ( und ich liebe diese Melancholie). Es ist zwar nicht ganz so symphonisch, wie der Klassiker, dennoch ohne Frage melodisch, gefühlvoll, sogar gefüllt mit durchaus lyrischen Texten, welche zum Nachdenken anregen und während man auf dem Weg von der Arbeit zurück nach Hause ist, daran erinnern, wer man eigentlich selbst ist, im Zyklus der Natur.
      Ich wünsche mir definitiv mehr Werke wie diese in Zukunft. ^^

  2. Nephjo
    27. Juli 2017 bei 13:28 — Antworten

    Albenreviews in Zeiten von Spotify und co sind ohnehin eher nutzlos, ich kann mir die Platte einfach kostenlos anhören und muss nicht mehrere CDs gegeneinander abwiegen und mich entscheiden in welche ich mein Geld nun stecke. Die Zeit der blinden Käufe sind hier vorbei.

    Den einzigen Wert die ein solches Review leider noch hat ist die Bewertung, eigentlich reicht schon für jedes Album ein 140 Zeichen Tweet. Die oftmals absurde Beschreibung des Klangs kann man sich einfach sparen, die einzigen Personen die echten Nutzen aus Reviews ziehen sind Band und Label.
    Mit anderen Worten: Was soll bitte dieses schreckliche Clickbait Review.

    • Mich
      28. Juli 2017 bei 0:27 — Antworten

      Ach komm schon 🙂 Ich wollte mal ein bisschen was anderes abliefern als sonst immer. Gerade, weil diese Band für mich halt auch eine besondere Rolle spielt. Sollte man dem Artikel glaube ich auch entnehmen können.

      Aber Clickbait? Das ist doch kein Clickbait. Sowas hier ist Clickbait: https://silence-magazin.de/ficken-auf-festivals-bitte-nicht/

  3. Daniel
    27. Juli 2017 bei 9:45 — Antworten

    Ich glaube mit diesem Review habt ihr einen Leser weniger. Der Abschlusssatz ist komplett sinnfrei.

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