Home»Reviews»Core»Ein Überraschungsei ohne Kommerz

Ein Überraschungsei ohne Kommerz

0
Shares
Pinterest Google+

MERAINE – Meraine
Veröffentlichungsdatum: 30.09.2016
Länge: 29:40 Min.
Label: Moment Of Collapse Records

Ich hatte mir nicht viel erhofft, als ich das Genre Post Hardcore gelesen habe. Einheitsbrei ohne Druck und ohne Rotz trifft auf glatt gebügelte Sänger. Ich erwarte hohen Gesang wie bei SLEEPING WITH SIRENS und PIERCE THE VEIL und keine interessanten Riffs, Drum Patterns oder Derartiges. Und selbst wenn sich mir das bieten würde, dann würde nie jemand besser singen als die Sänger von CIRCA SURVIVE und EMAROSA. Daher hat es mich komplett aus meinen Stinke-Socken gehauen als ich mir MERAINEs Debüt-Album geben durfte. Hier ist mehr Math als Post im Hardcore und eine deutsche Band agiert mit einer Wucht, die man nur aus den Staaten kennt. Nichts an diesem Album ist massentauglich, aber dennoch haben wir es mit einem Überraschungsei zu tun. Wird mir das Ü-Ei ohne den Anspruch sich gut zu verkaufen, also ohne Kommerz, gefallen?

Wenn sich die stark verzerrten Riffs einen Weg durch den Schädel bahnen, dann löst das euphorisches Kopfnicken bei mir aus. So geschieht es auch auf diesem 9-Teiler. Ich verfluche zwar den Promo-Zettel, der mir diese hochwertige Überforderung der Gehörgänge durch exzellenten Lärm als Post-Hardcore verkaufen wollte, aber er hat mich trotzdem zu dieser Band geführt. Von Anfang an wollen die Jungs darauf aufmerksam machen, wie angepisst sie sind. Das Tempo wird angezogen, gehalten und von Chaos unterstützt. So lobe ich mir meine Musik. Die Geschwindigkeit fällt besonders auf, wenn man mal auf die Länge der Tracks und der gesamten LP achtet. Für viele Kapellen wäre das gerade so eine EP wert, aber hier war anscheinend von Anfang an klar, dass man das Beste dieser Band in 29 Minuten komprimieren kann. Da hätten zwei oder drei Lieder mehr nicht geschadet. Trotzdem wirkt die Länge nicht gequetscht, sondern natürlich und roh.

Ausufernde, atmosphärische Abschnitte sorgen für Verschnaufpausen, bevor wieder drauflosgeknüppelt wird. Das erinnert mich fast schon zu stark an CONVERGE und BIRDS IN ROW, aber das sei vergeben. Schließlich ist gute Musik immer willkommen, egal wie wiederholt es sich anhört. Dennoch ist das Album so homogen, dass man kaum Songs herausnehmen kann, die einen Höhepunkt oder Stimmungswechsel darstellen. Keine Ausbrüche ins Negative oder Positive hatte ich erwartet, aber die Störgeräusche auf den Liedern „Black Raven“ und „Abandon“ erschreckten mich. Den Ansatz, aus lauter Musik noch lautere Musik zu machen, indem man einem Song einen Filter verpasst, der den Hörer glauben lässt, seine Kopfhörer seien kaputt, kann ich verstehen. Leider war mein Download fehlerhaft und es war nicht auf ein oder zwei Stellen beschränkt. So kam es dazu, dass ich verzweifelt den Kabelbruch an meinen teuren Kopfhörern suchte. Diesen Herzinfarkt habe ich, wenn auch äußerst langsam, überwunden und kann trotzdem noch darüber lachen. Außerdem hören sich die Songs ohne Fehler in den Dateien sehr gut an.

Nichtsdestotrotz ist die Musik, die sich aufgrund der Verzerrung in den besagten zwei Liedern leider nicht mehr genießen lässt, verdammt frech und energetisch. Die Gitarren brettern ohne Halt auf den hilflosen, selbstmordgefährdeten Idioten zu, der sich MERAINEs Kunst näher anschauen will. Wenn er sich von dem Sänger, der sich sehr natürlich und unbearbeitet anhört, noch nicht bedroht genug fühlt, geben die Peitschenhiebe des Schlagzeugers ihm den Rest. Besonders angenehm empfinde ich dabei den Verzicht auf klaren Gesang. Man wird nur angeschrien und so sollte das bei einer so kurzen Platte auch sein. Monotonie hin oder her, man freut sich trotzdem wie ein kleines Kind wenn die ersten Noten von Liedern wie „Limbs“ und „Entropy“ angestimmt werden. Und das wichtigste Kriterium für eine aufstrebende Band haben sie bereits erfüllt: es scheinen alle Bandmitglieder voll und ganz die gleichen Ziele zu verfolgen. Diese Ziele beinhalten die Bekämpfung von weich gespülten Gehörgängen und die Entjungferung von Szene-Opfern, die nicht über den eigenen melodischen Tellerrand hinausschauen können.

Bilder mit freundlicher Genehmigung von MERAINE und

Autorenbewertung

7
Selten hat mich eine Band so positiv überrascht und beeindruckt. Sogar die Audiodateien haben erkannt, dass man nur durch andere, weniger musikalische Probleme von den guten Seiten dieses Albums ablenken kann. Es wird gezeigt, was man kann und wozu der Hardcore-Untergrund in Deutschland im Stande ist. Ich erhoffe mir noch ausgefeiltere und dreckigere Folge-Alben, denn das selbst-benannte Debüt bildet ein starkes Fundament dafür. Ferner bedanke mich im Namen aller Mathcore-Fans dafür, dass die deutsche Szene von mehr oder weniger neuen Gesichtern belebt wird (die Band hatte vorher unter dem Namen AKELA agiert). Für meinen Ausflug in das Genre-Nazitum bitte ich mich zu entschuldigen.
ø 3.8 / 5 bei 1 Benutzerbewertungen
7 / 10 Punkten

Vorteile

+laut
+wütend
+Verschnaufspausen
+rotzfrech

Nachteile

-Länge
-Monotonie

Du liest diesen Beitrag, weil unsere Autoren lieben was Sie tun - wenn du Ihre Arbeit liebst kannst du uns, wie andere schon, unterstützen. Wie? mit einem kleinen monatlichen Beitrag über silence-magazin@patreon Patreon
Vorheriger Beitrag

Wo es sich lohnt, Metalhead zu sein - #01: Sachsen-Anhalt

Nächster Beitrag

Mir doch egal! - Brutalität im Metal und ihre Folgen

Keine Kommentare

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.