Eine Reise ins erlösende Verderben – MASTODON

MASTODON – Emperor Of Sand
Veröffentlichungsdatum: 31.03.2017
Dauer: 51:18 Min.
Label: Reprise Records

MASTODON melden sich anno 2017 mit ihrem siebten Werk zurück, nur zwei Jahre, nachdem „Once More ‚Round The Sun“ neue Maßstäbe in puncto Bandsound, Eingängigkeit und Tiefe setzte.

Das Thema könnte ernster kaum sein, denn „Emperor Of Sand“ behandelt, natürlich metaphorisch, die Krankheit Krebs, der einige Familienangehörige und nahe Bekannte der Band selbst zum Opfer gefallen sind, was nicht spurlos an dem Vierergespann aus Atlanta vorbeigegangen ist.

Cancer for the cure

Doch obgleich thematisch wieder ein sehr düsteres Thema behandelt wird, ist die Musik kaum zurückhaltender geworden. So beginnt der Opener „Sultan’s Curse“ zwar ruhig, treibt aber unmittelbar nach dem Einsatz aller Instrumente in gewohnter Manier nach vorne. Brent Hinds und Troy Sanders teilen sich vorerst den Gesang, bevor Brann Dailor die Bridge mit seiner Stimme veredelt und die drei Sänger somit unter Beweis stellen, dass es im modernen Metalbereich wohl kaum eine Band gibt, die mit ähnlicher Qualität aufwarten kann.

Der zweite Song, und ebenfalls zweite Single „Show Yourself“ tritt in puncto Popappeal in die Fußstapfen des Bandhits „The Motherload“ vom Vorgängeralbum. Dabei darf die Eingängigkeit des Stücks durchaus als Kompliment verstanden werden, denn trotz aller Radiotauglichkeit rutschen MASTODON natürlich nicht in irgendwelche Klischees ab, oder vernachlässigen Songaufbau oder Spannungsbogen. Wiederum ist es Branns Stimme, die den Song trägt und durch die fantastischen Strophen fest im Gehörgang verankert.

„Precious Stone“ wirkt wie ein typisches Brent Hinds Stück, und hätte so auch von „The Hunter“ stammen können. Streng genommen gibt es hier eigentlich nichts zu meckern, und dennoch sackt der Song nach „Show Yourself“ etwas ab und kann nicht ganz mit der vorherigen Höherlegung der Messlatte mithalten.

Schwermut und brutale Wahrheit

Ganz anders beim folgenden „Steambreather“. Das von einer abartig tief wirkenden Gitarre dominierte Stück hat irgendwas an sich, was mich sofort packt. Ob es abermals Branns Gesang, das fantastische Schlagzeugspiel, die düsteren Strophen oder der schwermütige Refrain – der zumindest mir ein wahnsinnig intensives Gefühl von Weite vermittelt -, sind, kann ich nicht sagen. Vermutlich alles zusammen und noch mehr, denn „Steambreather“ hallt auf eindringliche Art und Weise noch lange nach und stellt sich als eines der stärksten Stücke des Albums dar.

Von einer etwas ruppigeren Seite präsentieren sich MASTODON dann in „Roots Remain“, wobei diese Härte immer wieder mit „Crack The Skye“-verdächtigen, sphärischen Passagen kontrastiert wird, ohne dass das (immerhin) sechseinhalb minütige Stück dadurch zerrissen oder inkonsequent erscheinen würde.

Vom treibenden „Word To The Wise“, das mit einem epischen Refrain besticht, über „Ancient Kingdom“, welches bei mir ebenfalls Erinnerungen an „The Hunter“ weckt, bis zu „Andromeda“, dessen fieses Eröffnungsriff sofort zupackt, und bei dem sogar Kevin Sharp von BRUTAL TRUTH als Gastsänger gewonnen werden konnte, offenbaren MASTODON zu keinem Zeitpunkt Schwächen.

Natürlich wird auch auf Album Nummer sieben nicht mit der Tradition gebrochen und so findet man auf „Scorpion Breath“ Scott Kelly von NEUROSIS wieder, der den Song in gewohnter Manier nach vorne treibt und veredelt, wobei das Stück aber dennoch nicht zu den ausgesprochenen Highlights des Albums gehört und so hinter anderen Kelly’schen Leistungen wie z.B. „Crack The Skye“ zurückbleibt

Tragödien als Motor

Höhe- und Schlusspunkt des Albums ist dann „Jaguar God“, welches mit einer wunderschönen und todtraurigen Gitarrenmelodie eröffnet wird, die zielgenau unter die Haut geht, besonders, wenn man sich die familiären Verluste vor Augen führt, die die Band vor Fertigstellung des Albums ertragen musste. Ein Song, der einem erstmal die Kehle zuschnürt, bevor er seine wahre Dramatik und seinen Bombast entfaltet und schließlich so endet, wie er begonnen hat. Jedoch nicht, ohne die Epik auf das Maximum anzuheben und bis zur letzten Sekunde Gänsehaut zu produzieren. Grandios!

„Emperor Of Sand“ stellt das konzeptionellste und vermutlich tiefsinnigste Album seit „Crack The Skye“ dar und beweist, dass MASTODON in ihrem eigenen Olymp angekommen sind. Die Entwicklung, die spätestens seit „The Hunter“ abzusehen war, findet hier ihren vorläufigen Höhepunkt und präsentiert das Quartett aus Atlanta mitsamt all ihrer Charakteristika in Höchstform. Ob es das fantastische Schlagzeugspiel, die unverwechselbare Gitarrenarbeit oder die grandios umgesetzten Gesänge sind, MASTODON wissen was sie können und wirken auf „Emperor Of Sand“ an einem Punkt angekommen, auf den die Entwicklung der letzten Jahre hingedeutet hat.

Die Fans, die mit „Once More ‚Round The Sun“ vergrault wurden, werden auch mit „Emperor Of Sand“ nicht zurückkehren. Denn die Ruppigkeit der Anfangstage ist nur noch in Form von Spurenelementen vorhanden, wird dafür aber umso zielgerichteter eingesetzt. Experimente oder Änderungen im eigenen Bandsound finden nur noch in Nuancen statt, wirken so aber auch äußerst homogen und bereichernd.

Obgleich das Thema des siebenten Albums deprimierender nicht sein könnte, haben MASTODON wohl gerade deshalb ein phänomenales Gesamtkunstwerk geschaffen, das wieder mal beweist, dass Tragödien auf eine bittere und ironische Art und Weise der Motor für diese Band zu sein scheint.

 

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Autorenbewertung

8
MASTODON stellen auf "Emperor Of Sand" unter Beweis, dass sie das Zeug dazu haben, in Progsphären einzudringen, die sonst von (metalüberschreitenden) Bands wie DEVIN TOWNSEND, MUSE oder TOOL bevölkert werden. Dafür zeigt sich besonders die Kombination aus gesteigertem "Popappeal", der alles andere als klischeehaft und billig wirkt, und den seit Jahren perfektionierten progressiven Metalelementen verantwortlich, die MASTODON zu einem Gesamtpaket machen, das so in der aktuellen Musiklandschaft beispiellos ist.
ø 4.5 / 5 bei 6 Benutzerbewertungen
8 / 10 Punkten

Vorteile

+ super Sound
+ fantastische Instrumental- und Gesangsarbeit
+ durchdachtes und konsequent durchgeführtes Konzept
+ sofortige Hits wie "Steambreather", "Show Yourself" und "Jaguar God"

Nachteile

- Hitdichte wird nicht über das gesamte Album gehalten
- einige Songs schwächeln etwas, auch wenn keiner zu wirklichem Füllmaterial verkommt

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