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Extremer Metal in der Festung

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110 Bands. Ein Festivalgelände in einer alten Festung, mitten in der Tschechischen Republik. Wie man sich vorstellen kann, war die Vorfreude auf mein erstes Brutal Assault äußerst hoch und ich sollte keinesfalls enttäuscht werden. In diesem Bericht erwarten euch Live-Eindrücke von 32 Bands, wobei wir zu zweit an dem Artikel geschrieben haben und daher die Auswahl an Bands, die wir gesehen haben, begrenzen mussten. Dieses Festival bietet nämlich so viele gute bekannte und unbekannte Acts, dass man sich nicht sattsehen kann. Ihr lest nun den Bericht von zwei Autoren, die sich auf dem gesamten Festival nicht ein Mal begegnet sind. Viel Spaß bei unserem ersten Brutal Assault wünschen Jonas und Mich:

 

Montag und Dienstag, 08.08. und 09.08.


Wir sind schon angereist, kein Parking-Aufpreis, keine Glaskontrollen, nichts. Erstmal den besten Platz reserviert: Ein schattiges Plätzchen, idyllisch neben einer von Bäumen umrahmten Allee gelegen und das gleich neben dem Eingang des Konzertgeländes. Dagegen konnte selbst das VIP-Camping nicht anstinken – zwischen diesem und unserem Gelände lag erstmal ein zu bestreitender 100-Meter-Aufstieg mit geschätzter 70%-Neigung und das mitten in der prallen Sonne. Die ersten zwei (konzertlosen) Tage verliefen super, abgesehen davon, dass uns dienstags mehr oder weniger der Himmel auf den Kopf fiel – aber schlechtes Wetter kann man bekanntlich mit guter Laune und billigem tschechischen Dosenbier ganz gut vertreiben.

Hallo Campingplatz!

Mittwoch, 10.08.


Mein Festivalbändchen holte ich mir mittwochs, in sonniger Morgenstund‘ – eine gute Idee. Als wir mittags dann zu ersten Konzerten aufbrachen, standen nämlich so ziemlich ALLE anderen Besucher unter schüttendem Regen in zwei kilometerlangen Reihen für ihr Bändchen an. Grinsend zogen wir an ihnen vorbei, hinein ins bisher geilste der Menschheit bekannte In-Field.

Genau in dieser ewigen Reihe stand ich, der zweite Autor vom Silence auf diesem Festival. Jugendliche Naivität ließ mich dort für die gesamte Zeit anstehen und eine gute Erkältung darf ich, dank des Regens, heute noch verarbeiten. Die wahre Hoffnung in dieser Schlange verkörperten aber nicht diejenigen, die wie wir bereits seit 2 Stunden anstanden und etwas weiter gekommen waren. Nein, es waren viel mehr die komplett kranken Fanatiker, die sich immer noch hinter uns in der Schlange einfanden. Ich will nicht wissen wie lange die noch anstehen mussten, aber ich war nach schlappen 3 Stunden Wartezeit um 19:30 Uhr auf dem Gelände.

Massive Festungsmauern umgaben das fast schon labyrinthhafte Anwesen, welches nur für das Brutal Assault zu leben scheint. Vielerorts konnte man in die mittelalterlich anmutenden Gewölbe eintreten, Kinoraum, Chill-Out-Zone und mehrere Bars befanden sich alle innerhalb der Mauern. Eine großartige Atmosphäre. Einziger Nachteil: Die Zeltbühne war gefühlt einen Tagesmarsch von den zwei Hauptbühnen entfernt – schnelles hin- und herwandern zwischen Bands war also nicht.

Ich kann dem nur anfügen, dass der Weg von der Fressmeile – mit unglaublich großer und guter Auswahl an Essen – zur Zeltbühne und den Label-Ständen eine unglaublich stinkende Pissoir-Zentrale beinhaltete. Die Pissoirs an der Mauer neben den Hauptbühnen wiederum rochen nicht so stark und sorgten für immer wiederkehrende Augenkontakte zwischen Bandmitgliedern und pinkelnden Fans. Die Reaktionen der Bands auf diese Begebenheit waren eher belustigend. Zudem marschierten auf der Festungsanlage rund um die Hauptbühnen ab und zu Menschen in Kapuzenmänteln herum, die Nazgul darstellen sollten. Zusammen mit der abends eingesetzten Feuershow sorgte das für den letzten Schliff an dieser coolen Atmosphäre.

Die Nazgul lauern und wachen …

Als Einstiegskonzert sah ich mir VEKTOR an. Nachdem der anfangs eher ungute Sound auf ein akzeptables Level hochkorrigiert worden war, konnte der Spaß losgehen. Die Prog-Thrasher aus den USA boten durchaus eine starke Performance: Technisch auf sehr hohem Niveau machten sie erst mal klar, dass Thrash Metal auch außerhalb von Gitarrensoli richtig anspruchsvolle Musik sein kann.

Eintöniger Post-Metal wurde von NEUROSIS gut verdaulich präsentiert und beruhigte mich erst mal. Denn nach dem ewigen Warten im Regen bestand bei mir eine geringe Anspannung. Diese legte sich aber nach meinem Einstiegskonzert dann auch.

MASTODON war mein nächstes Ziel, doch leider konnte ich diese, dank einer Mischung aus schlechter Tonqualität und Regen-induzierter momentaner Unlust, nicht wirklich genießen – anstatt ihrer zog es mich dann zum Gruselkino, wo man sich gemütlich und abseits von Schlamm und Regen auf alten Autositzen Sleepy Hollow reinziehen konnte. Sehr angenehm.

Ich genehmigte mir den Auftritt trotzdem, da diese Band mich – auch trotz der regenbedingten Unstimmigkeiten – genug interessierte. Und der Sound konnte mich nicht davon abhalten, eine so großartige Band zu genießen. Das überließ ich mal lieber den etwas leichter genervten Leuten hier. Gut, Spaß beiseite, MASTODON waren einfach nur der Knaller und daran konnten auch Ausreißer wie der von Brent Hinds nicht ändern. Der musste nämlich unbedingt während des Auftritts noch erwähnen, dass sie bereits mit KORN hier spielen mussten und fügte noch ein „Fuck that!“ hinzu. Jedoch war das nur in diesem Augenblick unterhaltend und war schon eher Asi-Entertainment.

Später am Abend gehörte eine der Hauptbühnen dann ABBATH, und auch wenn ich eigentlich nur zufällig daran vorbeigezogen war, so hielt mich das Spektakel dann doch für eine Weile fest. Ernster Black Metal mit lustigem Publikums-Unterhalter als Frontmann? Kann man sich mal geben. Probs vor allem an den Drummer – siebenminütige Lieder in Tempo 200 oder mehr einfach mal durchblasten und -doublebassen (tolles Verb), das kann wirklich nicht jeder.

Hierzu kann ich nichts sagen, denn nach den Anfangsstrapazen und MASTODONs geilem Auftritt schlief ich lieber eine Runde auf dem VIP-Campingplatz. Hier gab es sogar kostenlose, gut gereinigte und nicht-stinkende Toiletten. Zudem war der Zeltplatz bewacht und nie vermüllt. Eine Oase also.

ABBATH

Donnerstag, 11.08.


Nach einer, aufgrund sich eifrig und lautstark paarender Zeltnachbarn, eher weniger erholsamen Nacht waren dann neben Kaffee und Frühlingsrollen (ich weiß nicht, wie ich auf die Idee kam, und gut waren sie auch nicht) HEAVING EARTH der Start in den neuen Tag. Drummer und Sänger haben Gutes abgeliefert, leider war das auch schon alles, was man gehört hat. Es scheint eine allgemeine Festivalkrankheit zu sein, dass bei Death-Metal-Bands die Bass-Drum-Trigger so laut aufgedreht werden, dass man nichts anderes mehr hört. Warum, liebe Soundtechniker? Warum?

Viel, viel angenehmer waren dann im direkten Anschluss PLINI, das Nebenprojekt des Gitarristen von INTERVALS – toller Sound, tolle und sehr gechillte instrumentale Prog-Musik, eine Massage für Trommelfelle und Seele. Sowas hört man doch gerne zum Wachwerden. Würde ich auch auf Platte sehr empfehlen, um es beim Frühstück zu hören.

ANTIGAMA hatten Spaß auf der Bühne und der alternative Grindcore begeisterte die Menge. Definitiv sehenswerte Show und hörenswerte Musik!

Als nächstes standen dann OBSCURA auf dem Speiseplan, eine Band, die ich bisher nur vom Namen her kannte. Das Konzert fiel sehr viel melodischer und weniger technisch aus, als ich es erwartet hätte – was mir ganz gut gefiel. Meine Begleiter schienen deswegen allerdings eher enttäuscht. Habe mir auf jeden Fall im Anschluss sofort das neue Album gekauft.

Ordentlich viel Geshredder und Geklimper wurde von ANIMALS AS LEADERS präsentiert. Genau mein Ding und super für die erste Reihe.

Bei ABORTED war es wieder das alte Leid, nur im Extrem: Diesmal war die Bass Drum sogar so laut, dass man nicht mal die Snare hören konnte – ein absolutes No-Go. Ich könnte mich noch seitenweise darüber aufregen, aber ich glaube, die Message müsste angekommen sein.

Ähnlich wie gerade beschrieben, hörte ich diese brutale Formation auf den Bezahltoiletten. Und spüren konnte ich sie auch. Die von eben erwähnte Bass Drum versetzte den halben Container in schwache Schwingungen. Vibrationen kamen an, aber ich entledigte mich trotzdem der verdauungsunfreundlichen, aber leckeren, tschechischen Festival-Kost.

Als Nächstes standen dann THE BLACK DAHLIA MURDER auf dem Speiseplan. Der Sound war, Gott sei Dank, super, die Stimmung am Kochen, die Band wie auch das Publikum sichtlich motiviert – genau wie es sein soll. Es gab am Ende sogar einen riesigen, 8-förmigen Circle Pit um den Sound-Turm herum. So machen Konzerte Spaß!

 

IHSAHN und TESSERACT standen für mich auf dem Programm und lieferten meine Highlights des Festivals. „Wie gut darf eine Band eigentlich live sein, bevor die Alben überflüssig werden?“, fragte ich mich bei den Proggern von TESSERACT. „Und wie kann so einfache und langatmige Musik wie die von IHSAHN mir so einen Spaß machen?“, fügte ich noch gedanklich hinzu.

Ich würde übrigens jedem hier anraten, sich für Festivals einen Chinesenhut zu kaufen. Hilft gegen Sonne und Regen, und die Menschen freuen sich irgendwie immer darüber, eine Person mit einem Chinesenhut zu sehen. Ich wurde an diesem Abend bestimmt fünf Mal darauf angesprochen, ob ich Raiden aus Mortal Kombat sei.

The moat of Death

Dann kam eines meiner persönlichen Highlights des Festivals: GOJIRA. Eine Band ist erst dann eine gute Band, wenn sie ihrem Namen gerecht wird – und das taten die Franzosen ohne Zweifel. Brute force to the max – meine erste Erfahrung mit dieser Band und ich standen da wie angewurzelt, während mir der Sound brutalst die Fresse polierte. Fette Kapelle, fette Songs, fette Performance. Auch vom Sound her großartig – in solchen Momenten merkt man, was es wert ist, einen eigenen Sound-Mann dabei zu haben, der genau weiß, wie die Musik zu klingen hat.

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Die Liederauswahl von PARKWAY DRIVE war dieses Mal ziemlich enttäuschend, da kaum alte Lieder gespielt wurden: Viel zu viele Lieder des neuesten Albums und Klassiker der vorangegangenen Werke wurden ausgelassen. Für begeisterte Fans definitiv ertragbar, aber nichts für Live-Neulinge bei dieser Band.

 

Auch ich fand diesen Auftritt der australischen Metalcore-Heroen enttäuschend. Dabei ist PARKWAY DRIVE eine Band, die ich vor vielen Jahren gerne hörte und feierte, allerdings bisher nie live miterleben durfte. Mit Schmerzen musste ich feststellen, dass die Musik heutzutage etwas ganz anderes ist als damals. Statt Groove und Rhythmik, kompromissloser Aggression und Abwechslungsreichtum gab es nur langweilige, monotone Schlagzeugbeats auf variationslosen, massengerechten Stadion-Liedern. Auch auf die Gefahr hin, wie ein „Früher-war-alles-besser-Opa“ zu klingen, muss ich leider zutiefst bedauern, was aus dieser Band geworden ist, während ich ein paar Jahre nicht hingeguckt habe.

 

Freitag, 12.08.


Am Freitagmorgen erst mal eine erfrischende Dusche nehmen, so war der Plan. Allerdings standen bei den paar wenigen Duschen, die das Festival zu bieten hatte, ungefähr eine Million Menschen Schlange, und es hätte sicher über eine Stunde gedauert, bis man drankommt. Also gingen wir (wieder einmal) grinsend an der genervten Masse an Menschen vorbei und badeten ganz dreist im kühlen Fluss. Wundervoll.

Eine kleine Prog/Djent-Band aus Tschechien mit dem Namen FOX TERRITORY spielte das erste Konzert des Tages. Die Musik erinnerte stark an die instrumentalen Vorgänger des Donnerstags, macht aber Lust auf mehr. Das war meine Entspannung am Morgen für diesen Tag.

Trotz des lustigen Bandnamens konnten JACK THE STRIPPER nicht viel. Hier wurde nur geschrammelt und es wurden Breakdowns aneinandergereiht, als wäre es australischer Nationalsport. Unglaublich gelangweilt fiel mir ein Überfluss von ein oder zwei Leuten in der Band auf. Schließlich ist das Ganze so Shred-lastig und schlecht abgemischt, dass niemandem auffallen würde, wenn man nur den Bassisten auf die Bühne ließe, aber nicht die anderen beiden Gitarristen.

Der einzige Grund warum ich mir JIG-AI ansehen wollte, war wahrscheinlich die lustige Beschreibung im Festivalbooklet. Samurai-Bulldozer-Grindcore klang schon nach einem Genre, das reinhaut. Und das tat es auch. Selbst wenn die meisten Geräusche aus dem Mund des Sängers nicht identifizierbar waren, wurde auf der Bühne genug Show geliefert, um mich trotzdem zu begeistern. Der Menge gefiel’s auch, und das zu Recht.

Wenn man zu lange im Regen stand und das Schwarz verlaufen ist …

Die Griechen von SEPTIC FLESH wussten an diesem Abend wieder einmal richtig zu überzeugen. Harter Death Metal, gemischt mit finsteren und epischen Orchesterparts, dazu die perfekten Growls von Sänger Spiros Antoniou – eine ordentlich derbe Mischung. Dazu 24 Jahre Erfahrung als Band – die wissen, wie man’s macht!

Der Abschluss meines Abends war dann das Konzert von YEAR OF NO LIGHT. Und holy shit! Zwar war dies einer der Gigs, auf die ich mich am meisten gefreut hatte, aber was mich da erwartete, hätte ich niemals ahnen können. So etwas habe ich noch nie erlebt. Post-/Sludge-Metal, gespielt auf vier Gitarren und zwei Schlagzeugen – das alles in der einschließenden Atmosphäre der Zeltbühne – und ich durfte es aus der ersten Reihe miterleben. Seit 16 Jahren mache ich Musik, sei 8 Jahren gehe ich auf Festivals und Konzerte, aber selten hat mich ein Konzert so sehr in sich hineingesogen. Wer eine wahrhaft spirituelle Erfahrung machen möchte, sollte sich bei nächster Gelegenheit auf jeden Fall YEAR OF NO LIGHT geben. Richtig, richtig großartig, und für mich definitiv der beste Moment des Festivals. Danke. Danach musste ich erst mal schlafen gehen, um das gerade Erlebte verarbeiten zu können.

Die progressiven Grindcorer in CATTLE DECAPITATION läuteten bei mir den Abend erst richtig ein. Unglaublich guter Live-Gesang gepaart mit wunderschöner Gitarrenarbeit. Und die „Ranzigkeit“ fehlte an keiner Stelle.

Hosen runter für extrem gute extreme Musik!

Diese „Breakdown-Master“, wie sie von BURY TOMORROW am Nachmittag genannt wurden, rissen noch eine ordentliche Partie an Leuten mit. Trotz Nieselregen machten die Breakdowns von UNEARTH Spaß und wer Lust auf gut gemachten altbackenen Metalcore hatte, war hier richtig. Technisch gesehen wurde hier aber immer noch viel gearbeitet und Riffs wurden nicht vernachlässigt.

 

Samstag, 13.08.


Nach dem ich durch Zufall das Ende von KEEP ON ROTTING noch mitbekam und  mich das schon sehr positiv überraschte, wurde ich dann von meinen Leuten mit zu HYPNO5E geschleppt, die ich bisher auch nicht kannte. Und wieder einmal: eine sehr positive Überraschung. Ein perfekt gespielter Gig, zwischen Prog, Djent und ruhigen Parts. Auch der Sound war richtig nice, wenn auch insgesamt vielleicht ein bisschen zu laut. Mein erster Gedanke dabei: „Wie kann man denn so geil sein? Und das auch noch als Franzosen!“

Rap-Metal kann sich gut anhören und auf diesem Festival Leute animieren? Oh, und wie es das kann! Das bewiesen STUCK MOJO mit ihrem Gitarrenlastigen und teilweise musikalisch interessanten Nu-Metal aus den USA. Hier wurden nicht nur während den Songs Phrasen wie „[…] If you step in my hood, I hope its understood […]“ von bleichen, langhaarigen Metal-Musikern rausgebrüllt. Nein, hier wurde entertaint, dämliche Sprüche abgelassen und man verabschiedete sich mit „We are ZZ TOP, thank you.“. Die Menge tobte und ZZ TOP-Chants brachen aus. Was für eine Show.

Wo wir gerade von ZZ TOP und Fans sprachen …

Meine Güte, da hat sich aber jemand eine Stimmlage angeeignet. Ähnlich krächzend wie im Gesang, brüllte Sängerin Sabina Clasen zwischen den Sets ihre Ansagen ins Mikrofon. Musikalisch waren die Aachener Thrash-Urgesteine HOLY MOSES nicht so beeindruckend, aber die Show mit abschließender Einladung der Fans auf die Bühne machte was her.

OMNIUM GATHERUM schafften es diesmal nicht so wirklich, zu mir durchzudringen. Zwar gefiel es dem Publikum offensichtlich ganz gut, mir persönlich fehlte es bei der Musik aber wohl irgendwie an Höhepunkten, Ecken und Kanten. Schlecht war’s keinesfalls, aber halt nicht herausstechend großartig.

ESKIMO CALLBOY ist kein leichtes Thema für viele, aber in meinem Fall finde ich die Musik äußerst erfrischend. Schön ist, wie grimmig die prüden Metalheads jemanden ansehen, der zu solch einer schrecklichen, tanzbaren Mucke aus Synths und Breakdowns abgehen kann. Mir jedenfalls gefielen sie auf jedem Festival bis jetzt gut. Und das, obwohl sie eher nicht die Musik machen, die man sich in seiner Freizeit freiwillig gibt. Da beschränke ich mich doch lieber auf Mosheinlagen, 2-Mann-Wall-Of-Deaths und Circle-Pits auf der Tribüne.

Bei INSOMNIUM kam dann mehr oder weniger das gleiche Problem auf. Gute Band eigentlich, aber irgendwie reißen sie mich nicht mehr vom Hocker. Zu ihrer Verteidigung muss man zwar sagen, dass auch der Sound nicht sehr günstig war – verspielt haben sich die Gitarristen aber leider auch gelegentlich. Was bei Musik, die auf schöne Melodik und Harmonien aufbaut, ziemlich viel kaputtmachen kann.

MOONSORROW waren dann dahingegen richtig gut, hatten das Publikum bei sich und sorgten dafür, dass noch Stunden später die Hauptmelodie des letzten Songs nicht wegging.

Mainstage vs. GOJIRA

Danach spielten dann BEHEMOTH, eine Band, die ich in letzter Zeit etwas aus den Augen verloren hatte. Umso überraschter war ich von diesem Konzert. „Demigod“ war das letzte Album der Polen, mit dem ich mich beschäftigt hatte und das ist ja quasi eine Tech-Death-Platte. Sie zeigten sich heute von einer viel melodischeren, aber auch düstereren Seite. Diese spiegelte sich nicht nur auf musikalischer Ebene wider – die ganze Show war aufgebaut wie einer rituelle, satanische Messe – samt Masken, Feuer, Pentagrammen und mehr. Tolle Atmosphärenbildung!

Anstelle von BEHEMOTH genoss ich meine Festivallieblinge aus Boston. Schnell huschte ich von AGNOSTIC FRONT in die kleine Zeltbühne. Hier erwartete mich Melodic Hardcore mit einer coolen Story: alle Alben sind Teil einer Konzeptalbenreihe, die sich mit einer US-amerikanischen Familie in der Nachkriegszeit beschäftigt. DEFEATER passt mir viel besser ins Programm als die lieben Satanisten von nebenan. Danach ging es für mich ins warme Bettchen. Ich verabschiedete mich vom Festivalgelände und erklomm das letzte Mal den Hügel, der mich noch von meinen  VIP-Toiletten und dem bewachten Zelt trennte.

So sieht der Hang zwischen VIP-Camping und Festivalgelände an einer gut ebenen Stelle aus. Nachts sorgen die steileren Stellen für die ein oder andere unfreiwillige Rutschpartie.

Mein nächstes Ziel waren MGLA, jedoch war ich zu dem Moment schon zu erschöpft, als dass ich es wirklich hätte genießen können, mal davon abgesehen, dass der Sound erst nach fünf Liedern einigermaßen akzeptabel wurde.

Der krönende Abschluss hätten dann UFOMAMMUT sein sollen, jedoch waren meine Kräfte nach 28 Konzerten über vier Tage so aufgebraucht, dass ich nach zehn Minuten gegangen bin. Ich ließ mir später sagen, es sei eine der besten Shows des Festivals gewesen, was ich auch nicht bezweifle. Stoner Doom Metal und maximale körperliche Erschöpfung sind allerdings nicht die allerbeste Kombination um wach zu bleiben. Gute Nacht.

FAZIT


Ein unglaublich schön gelegenes Festival, was in Sachen Bands, Essen und Location einfach nur abräumt. Genrevielfalt wird hier großgeschrieben und niemand fühlt sich ausgelassen, sei es der trve Black-Metal-Fan oder der Prog-Liebhaber. Das alles gibt es zu erträglichen Preisen und in einer unglaublichen und gut sauber gehaltenen Umgebung. Dafür einen großen Daumen hoch an die Veranstalter und Mitarbeiter! Aber auch in der Stadt Jaromer selbst kann man zu noch erträglicheren Preisen Bier trinken oder frühstücken. Und dazu kommt noch, dass das ganze Drumherum wirkt, wie der kleine tschechische Bruder von Wacken.

Einziger Minus-Punkt ist die Schlange am Einlass, aufgrund des zum ersten Mal eingesetzten „cashless“, also bargeldlosen, Zahlungssystems via Chip am Festivalbändchen. Der Schrein für Lemmy Kilmister von MOTORHEAD war auch wunderschön angelegt. Man konnte seine eigenen Hände kaum sehen, so düster war es in dem Tunnel zu dieser Pilgerstätte. Mit einem wunderschönen Foto dieses Schreins verabschieden wir uns vom Brutal Assault 2016.

St. Lemmy
Bilder mit freundlicher Genehmigung von Thomas Morsch und

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