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INSOMNIUM – Neues von den Pop-Giganten des Melodeath!

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INSOMNIUM – “Heart Like A Grave”

Veröffentlichungsdatum:  04.10.2019
Länge:
1:00:56
Label:
Century Media
Genre:
Melodic Death Metal

Sie haben es getan! INSOMNIUM, das Maß aller Dinge in Sachen finnischer Melodic Death Metal, haben eine neue Scheibe rausgebracht. Dass die Herren sich in Sachen Songwriting nichts erzählen lassen, ist spätestens seit dem 40-Minuten-Songmonstrum “Winter’s Gate” bekannt. Nach diesem Meilenstein, der 2016 durchaus positiv eingeschlagen ist, haben sich die Finnen nun aber doch wieder für ein “normales” Album entschieden – und uns mit 10 Songs und 2 Bonustracks beschenkt. “Heart like a Grave” heißt das gute Stück, das Coverartwork ist in alter Tradition schön finster gehalten und zeigt außer ein paar Wurzelhölzern nur eine klaffende, schwarze Ödnis. Wenn das kein gutes Omen ist!

Schon in den ersten Sekunden wird allerdings klar, dass die Finnen musikalisch ein paar neue Wege eingeschlagen haben. “Wail Of The North” ist zwar längentechnisch ein eigenständiger Song, fungiert aber ähnlich wie “The Primevil Dark” von der 2014er “Shadows Of The Dying Sun” eher als Albumintro. Hier wird ziemlich schnell und ohne Umschweife losgelegt, statt des gewohnten unbarmherzigen Melodeaths schlägt mir hier aber eher eine fette Welle Epic Metal à la AMON AMARTH in “leichtfüßig” entgegen. Viele Synths und elektronische Flächen dominieren das Bild, die entweder den Melodielauf prägen oder immer mal wieder aus dem Hintergrund hervorscheinen. Klar, elektronische Flächen ist man von den Finnen schon gewohnt, aber ein so tiefer Griff in die Synth-Kiste ist dann doch eher ungewöhnlich.

Finnen auf dem Synth-Trip

Und die Frage, “ob das denn jetzt so bleibt”, weiß auch schon der 2. Track “Valediction” zu beantworten: offensichtlich. Während das Intro locker-flockig hereintrabt und direkt die Nackenmuskeln kitzelt, startet die Strophe mit poppigem Cleangesang. Klar, Cleangesang gehört natürlich zum INSOMNIUM-Repertoire, normalerweise bleibt ihm allerdings der Refrain vorbehalten. So dominant, wie er jetzt die Strophe prägt, ist es doch eher etwas gewöhnungsbedüftig für meine Ohren, da ihm derart eingesetzt wiederum die INSOMNIUM-typische Schwere fehlt. Die Bridge klingt dann wieder angenehm groovig-growlig und der Refrain besitzt eine gewisse Macht, vermag mich aber nicht so zu erwischen wie manche Höhepunkte vergangener Alben.

Und dann kommt ein ruhiges Zwischenspiel – das ebenfalls aus der Büchse kommt. Zwar reibt es sich mir nicht so unter die Nase wie die Synths des Openers, aber man fragt sich doch, wieso? Die Power und gewisse Rohheit eines Gitarrensolos hätten es dieser Stelle genauso getan. Außerdem muss man bedenken, dass bei einer Keyboarder-losen Band wie INSOMNIUM immer dann, wenn live dominante Songparts vom Band trällern, auf der Bühne genau eins passiert: nämlich nichts. Die instrumentierten Bandmitglieder, die dann gerade nichts zutun haben, stehen etwas hilflos da, animieren vielleicht zum Mitklatschen – und eigentlich wartet alles wieder auf seinen Einsatz. Uncool für den Flow einer Show, finde ich.

Nichts desto trotz lassen wir uns weitertragen zu “Neverlast”. Das startet sehr groovig und geht schnell in eine Strophe im typischen Epic Metal-Stil über. Ungewohnt, aber okay. Der Refrain besitzt dagegen eine sehr coole, bestimmte Melodieführung, bricht allerdings musikalisch sehr mit der Strophe. Allgemein fühlt man sich in “Neverlast” eher als Teil eines Abenteurertrips, weniger als einsamer Wanderer in der kalten finnischen Ödnis. Und das Solo… das beinhaltet dieses Mal zwar eine echte E-Gitarre, wagt aber keine klanglichen Experimente und wird im späteren Verlauf völlig mit Effekten überladen. Schade.

Lang, länger, “Pale Morning Star”

Aber wir haben ja noch 7 Häppchen auf dem Plattenteller. Und das nächste hat es mit knapp 9 Minuten Spielzeit durchaus in sich. “Pale Morning Star” startet mit einem Duett aus Akustikgitarre und einer cleanen E-Gitarre, in das sich dann noch ein effektbeladenes Klavier mischt. Das ist im Hinblick auf die vorangegangenen Titel aber völlig in Ordnung. Darauf startet der Track in episches Geballer, wenngleich die Doublebass nicht genug Luft bekommt, um sich so brutal durch den Song zu dreschen, wie sie es vermutlich könnte. Und auch hier gibt es wieder einen musikalischen Bruch. Plötzlich dominieren neben der sexy verzerrten E-Gitarre noch elektronische Flächen und Chöre das Bild und entwickeln eine ziemlich Dur-lastige Akkordführung, sodass man sich fast an einen neueren EQUILIBRIUM-Song erinnert fühlt.

Im späteren Verlauf orientiert sich der Song allerdings nochmal um und entscheidet sich doch zu einem übermächtigen und emotionalen Abschluss, bevor die Akustikgitarre vom Anfang wieder einsteigt und einen Zwischenspieler ankündigt. Der ist episch-ruhig und von lästigen Effekten verschont geblieben. Der Aufbau zum nächsten Refrain fällt dann wiederum in die Kategorie “sehr geil”, schmückt sich stellenweise mit ernsthaft mächtigem Growling, wie man es von INSOMNIUM-Hits gewohnt ist und sogar die Drums trauen sich, aus dem Hintergrund-Wisch-Wasch hervorzutreten. Es folgen mehrere mächtige und gefühlvolle Gitarrensoli, bevor sich der Song ein letztes Mal richtig aufbäumt und INSOMNIUM eindrucksvoll präsentieren, wie viel Power sich aus einem einzelnen, durchgespielten Akkord rausprügeln lässt. 

Künstlerisch hochwertiges Geballer

Luft zum Durchatmen gibt es hier natürlich nicht. “And Bells They Toll” startet ebenfalls mit einem Clean-Intro, das mich in ein herrlich tristes Akkord-Quartett einstimmt. Bevor die Strophe aber tatsächlich startet, macht man noch eine dramatische Künstlerpause – unter die leise, elektronische Beats gemixt sind. Wieso? Bevor ich über den Sinn dieser Synthi-Einlage spekulieren kann, setzt allerdings schon die Strophe ein, die den Song in angenehm-getragener Weise dahinerzählt, nichts außergewöhnliches. Bis mit einem Tonartwechsel der Refrain einsetzt – Hui! Hier weiß der an traditioneller Stelle eingesetzte Cleangesang, dem Song ein ernsthaft episches Gewand zu verleihen. 

Gleichermaßen stark geht es mit “The Offering” weiter, der zu Anfang fast ganz ohne Synthflächen auskommt! Stattdessen gibt’s Kampfgesang und ein cooles Gitarren-Arrangement im Zwischenspiel. Ab und zu versucht sich ein Synth an die Oberfläche zu kämpfen, der bleibt aber zum Glück eher subtil. Insgesamt wirkt der Song ziemlich integrer und bäumt sich nach dem Solo noch ein letztes Mal packend auf, was nicht zuletzt der starken Melodieführung der Gitarre zu verdanken ist.

Auf in den Kampf!

“Mute Is My Sorrow” startet ebenfalls mit dem bewährten Akustik-Geklimper und geht nach einem episch-kämpferischen Einstieg ziemlich schnell in eine nach AMON AMARTH-Manier vorantreibende Strophe über. Der Refrain könnte zwar ein bisschen mehr ehrwürdig-erwachsene Ruhe gebrauchen, um sich besser zu entfalten. Dann würde er aber womöglich zu krass mit der doch ziemlich fix voranschreitenden Strophe brechen. Gegen Ende bekommen wir noch eine groovige, teils arhythmische Bridge serviert, die ein fettes, tragendes Solo einleitet. Das muss sich allerdings ständig mit den begleitenden Synths messen. 

Jetzt, wo wir schon wieder mit so großen Schritten auf das Ende der Scheibe zusteuern, wirkt ein Kurswechsel ziemlich unwahrscheinlich, oder? Tja, nicht mit INSOMNIUM. “Twilight Trails” macht sein ganz eigenes Ding und ballert mir mit einer entspannten Melodieführung auf die Ohren. Wir bekommen ein paar INSOMNIUM-typische Einsprecher serviert und dann kommt DAS Solo, noch in der ersten Songhälfte! Heavy, emotional und leichtfüßig, verspielt und leidenschaftlich. Der anschließende Refrain gibt in seiner hoheitlichen Getragenheit auch mal Zeit zum Durchatmen und wird von einem von insgesamt 2 Clean-Einspielern gefolgt. Die geben mir beim Hören ein wenig das Gefühl, als hätte der Song mehrere Spannungsbögen, aber so mächtig, wie “Twilight Trails” voranschreitet, darf das gerne so sein. Mein klarer Favorit des Albums.

Es besteht Hoffnung!

Voller Hoffnungen stürze ich mich als nächstes in den Titeltrack “Heart Like A Grave”, der mich in den ersten Sekundenbruchteilen an die “Shadows”-Songs “The Primevil Dark” und “The Promethean Song” erinnert und sich damit schon einen Platz in meinem Herzen reserviert hat. Und dabei soll es nicht bei der einzigen Assoziation mit der 2014er Scheibe bleiben. “Heart Like A Grave” startet nach einem Akustik-Einspiel als starkes, getragenes und in sich stimmiges Stück, in dem die Drums immer wieder in INSOMNIUM-typische Pattern à la “Pausen auf die Eins” übergehen (wenn das zu kryptisch ist, hört euch mal “Lose To Night” an).

Den Refrain bestreiten Clean-Gesang und Growling gemeinsam und bilden damit eine untrennbare Einheit, in der jeder das tut, was er am besten kann. In der Bridge baut sich dann noch ein starkes Klanggerüst auf, das unbedingt mit guten Kopfhörern genossen werden sollte. Was für ein mächtiges Stück, das uns mit einem schönen cleanen Outro in den letzten Song entlässt.

Einsame Fjorde und ein Song aus der Büchse

Der nennt sich “Karelia”, benannt nach einem an Finnland angrenzenden Streifen Russlands, der vorrangig von Marmorklippen, weiten Fjorden, Wasserfällen und Wäldern und jeder Menge Einsamkeit gezeichnet ist. Mit diesem Wissen lässt sich der abschließende Instrumentaltrack noch ein bisschen besser schätzen, der von ansteigenden und abflachenden Parts geprägt ist, an Fahrt gewinnt und sich wieder zur Ruhe setzt. Nachdem zwischendurch zu meinem Leidwesen kurz ein verzerrtes Keyboard die Melodieführung übernimmt, übernehmen das gegen Ende zum Glück wieder die Gitarren. So bleibt “Karelia” ein entspannter Track ohne Überraschungen, der “Heart Like A Grave” würdig abschließt.

Mit “The True Morning Star” und “Karelia 2049” gibt es übrigens auf der “Bonus Tracks Version” von “Heart Like A Grave” noch eine Akustik-Version von “Pale Morning Star” und eine reine Synth-Version von “Karelia”. Oha. Die vielen dominanten Synths auf dem Album scheinen also kein Versehen zu sein. INSOMNIUM haben wohl einen Narren an rein elektronischen Sounds gefressen. Und “Karelia 2049”, wohl angelehnt an den beeindruckenden modernen Klassiker-Nachfolger “Bladerunner 2049”, fetzt. Für mich als Synthwave-Fan sowieso. Nur mit der Vermischung der Stilmittel beider Genres tue ich mich nach wie vor schwer.

Mein Fazit

Welches Fazit ziehe ich also aus diesem neuen Werk der Urgesteine des mitsingbaren Melodic Death Metals? Vielleicht gehe ich ein bisschen zu konservativ an “Heart Like A Grave” heran. Für mich hat die Scheibe nur zwei wirkliche Hits, was im Hinblick auf Dauerbrenner wie “Across The Dark”, “One For Sorrow” und “Shadows Of The Dying Sun” doch ein bischen schwach ist. Nichts desto trotz strotzt das Album nur so vor musikalischer Qualität und so gönnt man den INSOMNIUM-Masterminds auch gerne ein paar Ausflüge in neue stilistische Gefilde. Die sind dann wohl unter “Geschmackssache” zu verbuchen, und ein paar von ihnen gefallen mir wirklich nicht.

Trotzdem hat das Album keinen einzigen Durchhänger. Ich persönlich hoffe, dass sich INSOMNIUM auf der nächsten Scheibe wieder von der Epic-Schiene wegorientieren (Epic Metal-Kapellen gibt es nun wirklich schon genug) und eine bessere Symbiose aus traditionellen und neuen, elektronischen Stilmitteln schaffen. Live gibt’s das Album und die Finnen übrigens auch noch auf die Ohren dieses Jahr! Tickets gibt’s HIER.

Autorenbewertung

7
Dass von Legenden, die so lange im Geschäft sind, kein schlechtes Album kommt, war wohl zu erwarten. Trotzdem vermisse ich in einigen Tracks die emotionale Leidenschaft und Power vorangegangener Scheiben und muss mich noch an die neuen, dominanteren Synth-Elemente gewöhnen. Alles in allem bietet "Heart Like A Grave" aber zwei enorm starke Hits und ist das Reinhören definitiv wert.
ø 0 / 5 bei 0 Benutzerbewertungen
7 / 10 Punkten

Vorteile

+ starke Riffs, einige extrem packende Soli
+ tolle Arbeit mit Cleangesang und Growling in den Refrains
+ abwechslungsreiche Songstrukturen
+ "Twilight Trails" und "Heart Like A Grave"

Nachteile

- teils zu dominante elektronische Passagen, deren Sinn sich mir nicht immer erschließt
- weniger "Hits" als vorangegangene Scheiben

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