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Mein erstes Mal!

Ein etwas anderer Konzertbericht

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Das allererste Metal-Konzert – eine Erfahrung, die nicht so leicht in Vergessenheit gerät. Vergleicht man diese ersten Einblicke in eine neue Welt damit, wie man so etwas heutzutage, nach Jahren der metallischen Beschallung und alkoholischen Abstumpfung, erlebt, so hat sich doch einiges verändert. Mit diesem etwas persönlicheren Konzertbericht möchte ich die jungfräulichen Erinnerungen und Eindrücke, die mir von meiner ersten Metal-Show vor elf Jahren geblieben sind, mit euch teilen.

Wir schreiben das Jahr 2006, Mitte Sommer. Ich, ein kleiner fünfzehnjähriger Mich, höre seit ungefähr einem halben Jahr Metal. Und zwar vor allem eine Band: BLIND GUARDIAN! Zwar kenn ich noch bei weitem nicht alle Lieder – aber ich bin mir sicher: Das ist definitiv meine Lieblingsband! Die Energie in dieser Musik, die Texte, die ich zwar nur zu einem Bruchteil verstehe, aber trotzdem immer mitsinge, wenn niemand zuhört. Und der geniale Sänger, der im Gegensatz zu HAMMERFALL und MANOWAR nicht klingt, als hätte er sich die Eier eingequetscht. Und jetzt ist es tatsächlich so weit: Ich darf zu meinem ersten Konzert gehen, und das ohne meine Eltern! Zu BLIND GUARDIAN! Am 15. September in der Europahalle in Trier, eine halbe Stunde weg von dort, wo ich wohne. Ein Traum wird wahr!

Ich bin mit drei Freunden da, die alle schon sechzehn sind. Wir stehen vor der Halle, die Türen sind noch geschlossen. Es sammeln sich immer mehr Menschen. Vor allem langhaarige, bärtige Gestalten. Wie alt die wohl alle sind? Bestimmt sind die meisten schon über 20! Wow. Ich komme mir klein vor, und irgendwie awkward, mit meiner Kurzhaarfrisur und meiner Streberbrille. Einer meiner Freunde hat ein weißes T-Shirt an. Auf einem Metal-Konzert! Haha. Das finden wir lustig.

So langsam sollten die Türen allerdings mal aufgehen. Die ganzen erwachsenen Metaller, die mittlerweile eine Reihe gebildet haben, fangen an „GUARDIAN! GUARDIAN!“ im Chor zu rufen. So richtig trauen wir uns noch nicht, da mitzumachen.

Das beste Video, das aufzufinden war. Youtube ware damals knapp anderthalb Jahre alt.

Fünfundzwanzig Minuten später …

Wir stehen in der Crowd, relativ mittig. Alle sind größer als wir. Plötzlich passiert etwas auf der Bühne! Da steht eine Band, und sie machen Musik! Sind das BLIND GUARDIAN? Sehen die so aus? Das Lied kenne ich gar nicht. Das nächste auch nicht. Klingt auch irgendwie anders als ich dachte. Ach, das ist die Vorband. Was ist eine Vorband?

Nachdem diese (ASTRAL DOORS übrigens, wie mir später erklärt wird) von der Bühne sind, und ich nicht so genau weiß, was ich mit dieser unerwarteten Experience jetzt anfangen soll, kann es ja endlich losgehen. Kann es? Wir warten. Und warten. Es kommt mir vor wie eine Ewigkeit. Und dann, plötzlich – ein riesiges Banner, das die ganze Zeit auf der Bühne rumhing, wird fallengelassen. Und dahinter steht auf einem Podest das größte und imposanteste Schlagzeug, das ich je gesehen habe. Woah! Was für ein Effekt! Und schon geht das Intro vom „Nightfall In Middle-Earth“-Album los. Die ganze Menschenmasse spricht es mit. Ich kenne es, kann den Text aber nicht – die Band tritt auf die Bühne, die Crowd jubelt laut. “Into The Storm”! Das erste Lied. Das kenne ich auch! So klingt also ein Live-Konzert. Auf jeden Fall weniger klar als auf dem Album, das Schlagzeug ist ziemlich laut und die Melodien hört man nicht sehr gut. Aber egal. Es ist geil.

Die Masse grölt lauthals mit …

Ich möchte auch, doch bei dem ersten Ton, der aus meiner Kehle kommt, merke ich, dass das einiges an Überwindung für einen kleinen Teenie-Nerd kostet. Meine helle Stimme, die erst an den frühen Sphären des Stimmbruchs kratzt, klingt super komisch im Vergleich zu den tiefen, harten Soundwellen, die die Organe der ganzen männlichen Bartträger erzeugen. Einige Leute sehe ich sich auf Händen über das Publikum tragen lassen. Krass! Dann ziehe ich weiter in die Mitte der Halle. Man kommt relativ gut durch. Auf einmal stehe ich vor etwas, das ich nicht ganz verstehe. Da ist ein „Loch“ im Publikum, und die Menschen darin tanzen wie wild umher auf die schnelle Musik, stoßen sich gegenseitig hin und her und scheinen Spaß dabei zu haben. Geil, ich mache mit. Schleudere mich umher. Mit ein bisschen zu viel Elan anscheinend, denn ich werde von irgendwem aufgefangen, kurz bevor ich mit dem Gesicht auf den harten Boden krache. Er sagt mir irgendwas wie „Woah, mach mal langsam“.

…uuund die zweite Hälfte.

Dann spielt die Band einen sehr langen Song, den ich nicht kenne (schätze mal “And Then There Was Silence”).

Zeit, aus dem Gedränge herauszuschlängeln und in der Eingangshalle ein bisschen frische Luft zu schnappen. Dort treffe ich auf einen meiner Freunde, der anscheinend gerade „gecrowdsurft“ ist und es super mega genial fand. Als wir wieder rein gehen, stimmt die harte Metal-Band ihren leisesten Song an –“The Bard’s Song (In The Forest)”. Ich kenn das Lied, aber im Gegensatz zu scheinbar allen anderen hier kenne ich wieder den Text nicht auswendig. Was geht denn jetzt ab? Der Sänger braucht überhaupt nichts zu machen – das Publikum singt den ganzen Text alleine. Ich komm‘ nicht drauf klar.

Als letzten Song, nachdem sie schon einmal von der Bühne gegangen sind und wiederkamen (ausgetrickst!), spielen BLIND GUARDIAN einen meiner Lieblingssongs: „Mirror Mirror“! Ich traue mich auch, endlich mitzusingen. Und im letzten Refrain merke ich, wie ultimativ geil ich das gerade finde. So geil, dass mir eine Träne kommt.

Ich kaufe mir zum Abschied noch für 15€ (das waren noch Zeiten!) ein T-Shirt von BLIND GUARDIAN, bin freudig überrascht davon, dass auf der Rückseite sogar die Tourdaten draufstehen (hui!), und mache meinen MP3-Player aus, mit dem ich das ganze Konzert aufgenommen habe (ich bin ja so klug!). Vom Schweiß anderer Menschen durchnässt verlassen wir die Halle und treten wieder in die normale, langweilige Welt ein.

Wow! Mein erstes Metal-Shirt!

Das, zusammen mit einer unhörbar übersteuerten, zweistündigen Audiodatei, ist die Erinnerung, die mir an mein erstes Konzert geblieben ist. Und wie war DEINE erste Erfahrung auf einem Metal-Konzert? Ich bin gespannt, schreibs in die Kommentare!


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2 Kommentare

  1. Lodenschwein
    18. Oktober 2017 bei 18:24 — Antworten

    Eure Leser haben genau soviel Interesse die Kommentar zu pflegen wie ihr selber.
    Schade von beiden Seiten. Da war mal mehr drin.

  2. Joscha
    15. Oktober 2017 bei 21:49 — Antworten

    Erstaunlich viele Parallelen zu meinem ersten Metalkonzert, auch mit 15. 2005 war das, Children Of Bodom auf ihrer Are You Dead Yet Tour in Köln mit Ektomorf und One Man Army als Vorband. Bei One Man Army artig zugehört, bei Ektomorf völlig durchgedreht und bei CoB ums Überleben gekämpft, weil es so ein Gedrängel war. Und trotzdem hatte ich ohne Ende Spaß. Heute würde mir so ein Gequetsche die Stimmung versauen, aber wenn man auf seinem ersten Metalkonzert seine Helden zum ersten Mal in Fleisch und Blut vor sich sieht, ist einem das alles egal. So verschwitzt war ich nie wieder in meine Leben. Und noch am selben Abend unter der Dusche kam mir das alles wie ein Traum vor. Damals hatte ich mir noch gedacht wie doof es sei, auf einem Konzert Alkohol zu trinken, weil das ja das Erlebnis nur schwächt. Man, man… mein 15-jähriges Ich wäre schwer entäuscht von seiner 28-jährigen Version.

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