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NE OBLIVISCARIS – Atemlos im Tanz

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NE OBLIVISCARIS – Urn
Veröffentlichungsdatum: 27.10.2017
Dauer: 46 Min.
Label: Season of Mist
Stil: Progressive Extreme Metal

Die australische Band NE OBLIVISCARIS (lat. für “Vergiss nicht”) steht seit ihrer Demo “The Aurora Veil” für komplexe Metalmusik, die Extreme auslotet. Das Schlagzeug tackert, Progressivität und Eingängigkeit duellieren sich. Dasselbe gilt für die Growls von Sänger Xen und den emotionalen Cleangesang von Tim Charles. Letzterer setzt mit seinem präsenten Geigenspiel den Stücken das Sahnehäubchen auf und sorgt dafür, dass der Gesamtsound einmalig klingt und die Band aus der Masse an aktuellen Metal-Acts heraussticht.

Das Debüt “Portal of I” ist für mich eines der überragendsten Alben, die ich in meiner Zeit als begeisterter Musikkonsument hören durfte. Gerade Songs wie “Of Petrichor weaves black noise” oder der Überhit “And Plague flowers the Kalaidoscope”, welcher zudem vom Musikkonservatorium in Sydney analysiert wurde und Studenten für eine detaillierte Sichtung zur Verfügung steht, zeigten die große Klasse der Band von Anfang an. 2014 folgte der Nachfolger “Citadel”. Er konnte den hohen Qualitässtandard bestätigen und den Bandsound für weitere Stilrichtungen, beispielsweise den Post Metal, öffnen.

Nun steht mit “Urn” das Drittwerk der mittlerweile zum Quintett geschrumpften Truppe (Basser Cygnus musste die Band verlassen) in den Regalen. Das Album soll nun ein weiteres Mal zeigen, ob es die Senkrechtstarter aus Down Under schaffen, weiterhin erstklassige Songs abzuliefern und mit ihrer bisherigen Diskographie mitzuhalten.

AUF BEWÄHRTEN PFADEN

Zunächst scheint sich am etablierten Klangkonzept wenig geändert zu haben. “Libera (Part I) – Saturnine Spheres” startet gewohnt mit verspielten Cleangitarren und akzentuiertem Beckenspiel des Schlagzeugs. Später geht der Song in die Vollen und vereint Epik, ordentlich Drive und progressiven Songaufbau. Ebenfalls sofort präsent ist Tim Charles Cleangesang, der auf “Urn” noch mehr im Mittelpunkt des Geschehens steht. Dabei ist es immer wieder interessant, wie leicht es NE OBLIVISCARIS schaffen, Gegensätze zu vereinen. Eingängige Gesangslinien treffen auf krasses Schlagzeuggeballer und werden von interessanten Riffs und Bassspielereien veredelt. Damit erschafft die Band einen klassischen Albumeinstieg, der unverkennbar nach den Australiern klingt. Spätestens als die Geige als zusätzliches Instrument hinzukommt, wird das Epiklevel nochmals gehörig gesteigert.

Neu sind die gegen Ende von “Libera (Part I)” auftauchenden Gangshouts, die erfrischend, kraftvoll und sehr intensiv wirken. Ein mehr als solider Einstand! Der zweite Teil von Libera, “Ascend of burning moths”, bringt das Stück zum Abschluss und stellt die ruhige Seite von NE OBLIVISCARIS in den Mittelpunkt. Flamenco-artige Gitarren verschmelzen mit dramatischen Geigenmelodien und zelebrieren ein leidenschaftliches Hin- und Herwiegen musikalischen Ausdrucks.

“Intra Venus” heißt die erste Singleauskopplung des Album und ist wie der Opener ein sehr typischer Song im Klangkosmos der Metalprogger. Anfangs erklingen Akustikgitarren, ein treibender Basslauf gesellt sich dazu und mal wieder geht die Post ab. Hin und wieder empfinde ich jedoch das Schlagzeug mit seinem extrem schnellen Doublebass-Spiel als zu viel des Guten. Dieses Rattern zehrt auf die Dauer an meinen Nerven. Ansonsten gibt es nichts zu bemängeln. Sowohl die Instrumentalarbeit als auch die Gesangsfraktion liefern einen hervorragenden Job ab und geleiten durch emotionale Sphären leidenschaftlicher Musik.

 

v.l.n.r.: Benjamin Baret, Tim Charles, Xenoyr, Dan Presland, Matt Klavins

HOHE EHRE, ATEMLOSE TIEFEN

Nun folgt mit “Eyrie” ein ganz klarer Höhepunkt von “Urn”. In diesen gut zwölf Minuten verschmilzt träumerische Ruhe mit aggressivem Chaos. Gegen Ende nimmt das Ganze wieder stark epische Züge an und überzeugt auf ganzer Linie. Was jedoch besonders heraussticht, ist Tim Charles Gesang. Wie ein Scheinwerfer ruht der Fokus auf ihm und zeigt sein ganzes Können auf. Der einfühlsame Gesang unterstreicht den klassischen Songwritingansatz, der besonders in diesem Stück streckenweise an Liedermacherei erinnert. Nur wird ebendiese unterstützt von harten Metalpassagen, die einen hervoragenden Kontrast bilden.

Den Albumabschluss bilden letztendlich die namensgebenden Stücke “Urn (Part I/II) – And within the void we are breathless/As Embers dance in our eyes”. Auffallend ist, dass beide Songs eine ganze Ecke düsterer klingen und wenig von der Beschwingtheit der anderen Stücke in sich vereinen. Das ist einerseits eine gute Abwechslung, zerstört aber auch teilweise den Albumfluss. Einflüsse aus dem Melodic Death Metal treten stärker zu Tage und die Geige spielt vermehrt dissonant. Insgesamt gefällt mir der beschwingte Sound der ersten Songs von “Urn” deutlich besser.

Den Rahmen für die insgesamt sechs Songs bildet eine sehr kraftvolle und moderne Produktion. Sie ist es, die den Instrumenten genug Raum gibt und ein differenziertes Klangbild erschafft. Für meinen Geschmack ist das Schlagzeug teilweise etwas zu dominant und erdrückt ab und zu die restlichen Instrumente. Abgesehen davon kann sich “Urn” jedoch definitiv hören lassen. Komplettiert wird das Album mit einem bandtypischen und sehr symbolischen Artwork von Sänger Xen. Es reiht sich in die bisherigen Veröffentlichungen ein, ohne dabei stark vom bewährten Konzept abzuweichen, welches NE OBLIVISCARIS bis jetzt auszeichnete. Für die Zukunft wünsche ich mir weitere starke Alben, die gerne ein wenig mehr Experimentierfreude zeigen und in neue Sphären führen.

 

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Autorenbewertung

8
"Urn" ist eine weitere sehr gute Veröffentlichung aus dem Haus NE OBLIVISCARIS. Der individuelle und überzeugende Stil wurde beibehalten und nur an wenigen Stellen angepasst. Herausgekommen ist eine Dreiviertelstunde sehr guter, extremer wie auch progressiver Metalmusik, die konstant auf hohem Niveau rangiert. Lediglich ein wenig Experimentierfreude lässt "Urn" vermissen. Für Fans der Band und Freunde proggiger Musik ein Pflichtkauf!
ø 4.6 / 5 bei 1 Benutzerbewertungen
8 / 10 Punkten

Vorteile

+ toller eigener Stilmix
+ hoher technischer Anspruch
+ trotzdem eingängige Songs
+ abwechlungsreiche Gesangsleistung

Nachteile

- das Schlagzeug teils zu dominant und penetrant
- Bruch des Albumflusses im letzten Drittel

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