NERVECELL – Dubai in Trümmern

NERVECELL – Past, Present… Torture
Veröffentlichungsdatum: 25.08.2017
Dauer: 50:25 Min.
Label: Lifeforce Records
Stil: Death Metal

Palmen, Sandstrand, himmelblaues Wasser, strahlende Hotelkomplexe – Dubai steht wie kaum eine zweite Metropole im Nahen Osten für Reichtum, Luxus und Urlaub. Von Ölgeldern bewässert, sprießen Wolkenkratzer in den Himmel, künstliche Inseln erheben sich vom Meeresgrund. Das Emirat blickt einer rosigen Zukunft entgegen. Oder? Nun, die örtliche Death-Metal-Combo NERVECELL sieht das etwas anders. Und prügelt den Superreichen mit „Past, Present… Torture“ einen brutalen Gegenentwurf ins Gesicht.

Blick von den Ruinen der Vergangenheit auf die Ruinen der Zukunft – NERVECELL

Da die Band keinen festen Drummer zu ihrem Line-up zählt, übernahm auf den Vorgängeralben „Preaching Venom“ (2008) und „Psychogenocide“ (2011) jeweils Dave Haley (PSYCROPTIC) den Posten als Gastschlagzeuger. Für ihren dritten Longplayer engagierten NERVECELL Kevin Foley, der zuvor zehn Jahre lang bei BENIGHTED alles in Grund und Boden gehämmert hatte. Und, Überraschung, er bleibt seinem Stil treu. Aber auch Barney Ribeiro und Rami H. Mustafa an den Sechssaitern liefern Death-Metal-Kunst auf höchstem Niveau. Technisch, verspielt, aber mit der nötigen Prise Eingängigkeit. Die Stimme von Bassist James Khazaal verfügt über eine beeindruckende Tiefe, ohne in undefinierbare Gurgelabgründe abzustürzen.

UND SCHON HÄNGST DU HEADBANGEND AM HAKEN

Orientalische Klänge Marke MELECHESH eröffnen das Intro, bevor wuchtige Drums und heulende Gitarren hinzustoßen. „Aadvent“ blastet dann direkt mit Schmackes den Sand aus den Boxen. Fans von KRISIUN, ORIGIN oder ABORTED dürften hier schnell headbangend am Haken hängen. Mit „Proxy War“ feuern NERVECELL gleich die nächste Granate Richtung Moshpit. Verschnaufpause? Fehlanzeige!

Das Gespür fürs Songwriting unterscheidet gute Musiker von bloßen Show-offs.

Nach zwei weiteren Knüppelrunden folgt mit dem Instrumental „Hypnosis“ eine anderthalbminütige Ruhepause. Naja, „Ruhe“. Nennen wir es lieber growl- und blastfreie Zeit. Das folgende „Malice Within“ beginnt mit cleanen Gitarren, verpaart mit Piano. Doch dauert es nicht lange, bis NERVECELL wieder den Prügel schwingen. Monotones Geballer sucht man allerdings vergeblich, denn der Song strotzt nur so vor abwechslungsreichen Riffs. Technisch hoch anspruchsvollen Extreme Metal beherrschen inzwischen unzählige Bands. Das Gespür fürs Songwriting unterscheidet jedoch gute Musiker von bloßen Show-offs. Aber das nur am Rande.

DEATH METAL JENSEITS DER MASSENVERNICHTUNG

„Dawn Of Decimation“ und „Habitual Deceit“ dienen hierfür als Paradebeispiele. Die Songs hätten auch DECAPITATED zu „Nihility“-Zeiten gut zu Gesicht gestanden. Denn ebenso wie jene polnische Band überfahren NERVECELL den Hörer nicht einfach mit der vollen Dröhnung Blasts und Shreds, sondern hinterlegen in seinem Gedächtnis auch einige prägnante Riffs und Rhythmen. Quasi Death Metal jenseits der Massenvernichtung.

Mit „Treading Beneath“ kriecht das nunmehr dritte Instrumental unter der brennenden Wüstensonne heran, bevor der Titeltrack „Past, Present… Torture“ das Album beschließt. Hier verdichtet die Band noch einmal alle Stärken des Albums in einem Death-Metal-Kracher höchster Güte. Ein mehr als würdiger Abschluss eines hochklassigen Albums.

Abzüglich der Instrumentals bieten NERVECELL somit knapp eine Dreiviertelstunde technischen, schnellen, brutalen Death Metal. Da sich die Band auch um Groove und Eingängigkeit bemüht, kommt eine runde Sache dabei raus. Allerdings dürfte die Scheibe kein Stück länger sein. Eher noch etwas kürzer. Denn trotz meines Faibles für Knüppelmusik, stoße ich in diesen Gefilden ob der Intensität an meine Schmerzgrenze. Alles zwischen 35 und 45 Minuten ist ein geiles Erlebnis. Jenseits dieser Marke finde ich das Geballer irgendwann zu anstrengend. Aber das ist natürlich Geschmackssache.

NERVECELL bei Facebook und Bandcamp

Autorenbewertung

8
Wer auf technischen, schnellen, brutalen Death Metal mit der nötigen Prise Eingängigkeit steht, macht bei "Past, Present... Torture" nichts falsch. Die exotische Bandherkunft ist ein interessanter Bonus, der jedoch nicht plakativ ausgeschlachtet wird.
ø 3.3 / 5 bei 4 Benutzerbewertungen
8 / 10 Punkten

Vorteile

+ technisch astrein
+ geile Stimme
+ nötige Portion Eingängigkeit
+ orientalischer Touch
+ abwechslungsreiche Instrumentals

Nachteile

- 1 oder 2 Songs weniger hätten auch gereicht
- kein Überhit zu finden

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