Noch mehr von dem, was einst die Alten wussten – Waldtraene

WALDTRAENE – Es wussten einst die Alten II – Unter Wolfes Banner
Veröffentlichungsdatum: 25.11.2016
Dauer: 59:03 Min.
Label: Pagan Media

Push the Button! Der Zufallsgenerator hat wieder zugeschlagen. Wir begeben uns diesmal nach…. Tadaa! Thüringen! Mal wieder verschlägt es mich in das Bundesland, das meiner Meinung nach bisher die beste Musik hervorgebracht hat, die im Pagan-Bereich so zu finden ist. Da verwundert es nicht, dass die heute besprochene Platte ebenfalls die Thematik des Heidentums aufgreift. Allerdings gibt es heute keinen Pagan METAL.

Ich halte hier das Digipak (Yeah! Digipak!) eines dynamischen Duos in der Hand, das ich hier und da mit Bedacht bereits erwähnt hatte. Was diese beiden in kurzer Zeit für eine Entwicklung abgeliefert haben, ist bemerkenswert. Bisher haben sie es geschafft, mit jedem Album eine weitere Schippe draufzupacken. Und vergleicht man nun das brandneue, vierte Album mit dem allerersten, dann zweifelt man doch ernsthaft daran, dass beide Werke aus der Feder ein und derselben Truppe stammen. Der Sprung ist ein großer, und das, obwohl in der besagten Kapelle lediglich EINE klassische Gitarre und EINE Flöte die beiden Gesänge begleitet.

Es sind die Schatten der Vergangenheit …

Lösen wir es auf: die beschriebene Band heißt WALDTRAENE. Mit ihrem vierten Album „Es wussten einst die Alten II – Unter Wolfes Banner“ liefert das Musikerpärchen aus dem Harz den Fortlauf ihrer mit dem dritten Album begonnenen Konzeptreihe. Im Mittelpunkt der Album-Geschichte steht der Hörer, der sich zu Beginn der Scheibe von Irrlichtern in die Tiefen des Waldes leiten lässt. Plötzlich findet er sich am Lagerfeuer eines Kriegertrupps wieder – jedoch ist dies kein gewöhnlicher Kriegertrupp. Es sind die Schatten der Vergangenheit: Vorfahren, Krieger vergangener Schlachten, die von ihren Taten, Mythen und von ihrem Glauben erzählen und davon, dass sie alle durch das Wolfsbanner geeint sind.

Der Häuptling des Trupps führt dich, als Hörer, zwischen den einzelnen Stücken mit gesprochenen Passagen durchs Album. Er hilft dir, dich zu besinnen und deine Vergangenheit, deine Herkunft und dein „Ich“ zu entdecken. Klingt abgefahren? Ist es auch! Knoepfchen und Horda nehmen die Rolle der Skalden ein und besingen die Geschichten, zu denen dich der Häuptling hinführt.

Beginnend also mit dem Titel „Irrlicht“ startest du ruhig und etwas geheimnisvoll deine musikalische Reise. Waldgeräusche sind zu hören, jemand irrt durchs Dickicht, Mystik und Dunkelheit machen sich breit. Die Gitarre wird gezupft, die Gesänge sind still – die ungewisse Stimmung passt perfekt zum Beginn dieses Abenteuers.

Der Titel „Schatten der Vergangenheit“, der sich anschließt, ist einer der Zwischenstücke, in denen der Häuptling ausschließlich erzählt und eben die Reise durchs Album leitet. Einige mögen aufhorchen und sagen: „Moment mal, die Stimme kenne ich doch!?“, all denen kann ich nur sagen: „Tja, schön für dich!“ 😀 Spaß beiseite – dem Häuptling hat niemand Geringeres als Stickel von ODROERIR seine Stimme geliehen, und seine Rolle kann er gut! Andächtig lausche ich, was er denn zu erzählen hat. Und so gehen wir unseren Weg weiter, durch insgesamt fünfzehn Titel, die abwechslungsreicher nicht sein könnten.

Was aber in diesem Song auftaucht, sind kurze Passagen gutturalen Gesangs von Horda

„Unter Wolfes Banner“ beispielsweise ist ein Titel mit so unglaublich viel positiver Energie, dass man sich schon fragen muss, wie die beiden das denn hinbekommen, obwohl eben kein Schlagzueg nach vorn drischt, als gäbe es kein Morgen (ist nämlich keins da, haha). Was aber in diesem Song auftaucht, sind kurze Passagen gutturalen Gesangs von Horda. Das ist neu, passt aber gut. Die beiden treiben mit diesem Stück so sehr an, dass ich mir vorstellen könnte, nach dreimaligem Hören sogar freiwillig den Müll runterzubringen. Die Melodie dieses Liedes bleibt auch nach Stunden noch im Kopf und verursacht starkes Verlangen nach mehr.

Besinnlich können die beiden aber auch. Der Song „Aus goldenen Hallen“ beschreibt heroisch, und vor allem extrem anschaulich, die Ankunft der gefallenen Krieger in Walhall. Beim letzten Konzert, welches ich von den beiden miterleben konnte, habe ich bei diesem Titel Gänsehaut bekommen. So inspirierend und mitreißend werden hier Bilder vorm inneren Auge gezeichnet. Und das interessante ist: jeder sieht diese Bilder etwas anders. Also: Augen zu und lauschen!

Mein Lieblingstitel der Platte lautet „Der alten Weide Sang“. Ich interpretiere dieses Lied als ein Klagelied an die Menschheit im Allgemeinen, die Natur wieder stärker zu respektieren und sie zu schätzen. Unsere Umgebung, unsere Umwelt – sinnbildlich hierfür steht die Weide, als alter, „weiser“ Baum – hat schon so viel miterlebt und gesehen, dass es Zeit ist, sich genau das eben mal vor Augen zu führen. Der Text und die vermittelte Stimmung in diesem Lied nehmen mich mit. Saustark, echt!

Absolut episch und weit klingt das Lied mit dem Namen „Urzeit“. Es erzählt die Geschichte der Weltenentstehung. So groß waren die Mächte, die gewirkt haben, damit aus dem Ginnungagap die Welten hervorgingen. Entsprechend anmutig wird hier die Weltenentstehung besungen. An dieser Stelle stelle ich Folgendes fest: Die Musik von WALDTRAENE ist leicht zugänglich, allerdings keinesfalls langweilig oder viel zu simpel gestrickt. Man lauscht eben einfach gern, ist weder angestrengt, noch unterfordert. Es passt, vor allem bei diesem Album, einfach so vieles so gut zusammen. Das bedeutet: Allen, die über die lyrische Thematik rund ums Heidentum bisher wenig Fachwissen haben, dies aber gern hätten, ohne Bücher zu wälzen, denen sei gesagt: so lauschet WALDTRAENEs vertonten Geschichten und ihr werdet erleuchtet!

Ein wunderbarer Song für Silvester

„Mittwinternacht“ thematisiert den Abschluss des alten Jahres und den positiven Ausblick auf ein neues Jahr. Man soll mit der vielleicht harten Vergangenheit abschließen und sich auf das freuen, was da kommt. Entsprechend freudig ist die Stimmung in diesem Track. Wenn man so will: ein wunderbarer Song für Silvester. Lässt sich vielleicht nicht so laut mitgröhlen wie „Auf gute Freunde“ von den ONKELZ, ist aber dafür mit Herz und Köpfchen gemacht und vor allem hebt er die Laune.

Nun will ich aber nicht nur positive Aspekte beschreiben, die mir beim Hören widerfahren sind, sondern auch das erwähnen, was mir nicht gefällt. Das schaffe ich in einem Wort: „Rauhnacht“ – dies ist ein Titel, bei dem Horda und Knoepfchen viel sprechen, und zwar den gleichen Text, allerdings versetzt und anders betont. Ich komme an diesen Titel einfach gar nicht ran. Der wird beim Hören definitiv geskippt. Aber damit ist er auch der einzige von insgesamt fünfzehn (!), und das ist sowas von verkraftbar für mich.

Ich kann gar nicht auf jedes Lied einzeln eingehen, denn dann würde ich nicht fertig werden mit Schreiben, weil in jedem Titel so viel gesagt wird, und es daher auch für mich viel zu sagen gibt. Man versinkt in den besinnlichen Liedern und will bei den energiegeladenen Titeln einfach nur mehr, mehr und immer mehr, weil es solchen Spaß macht, diese Musik zu hören. Wenn man sich einfach die Zeit nimmt, diese Musik BEWUSST zu hören, und nicht nur einfach laufen zu lassen, dann kommt man nicht umhin, diese Kapelle sehr schätzen zu lernen.

Ich weiß, dass ein paar meiner Freunde mit WALDTRAENEs Musik gar nichts anfangen können. Und das ist völlig in Ordnung, denn Geschmäcker sind verschieden. Mir selbst ist jedoch unbegreiflich, wie man an diesem starken Stück Thüringer Klangkunst vorbeikommt. Jeder, der gern Pagan Metal hört und diese Musik für mehr liebt, als ihre zahlreichen Sauflieder, der sollte sich, wenn nicht schon geschehen, diese Band unbedingt zu Gemüte führen. Horda und Knoepfchen sind mit so viel Hingabe bei der Sache, das hört man einfach.

Webseite: Waldtraene Official

Facebook: Waldtraene FB

Autorenbewertung

8
Man versinkt in den besinnlichen Liedern und will bei den energiegeladenen Titeln einfach nur mehr, mehr und immer mehr, weil es solchen Spaß macht, diese Musik zu hören. Wenn man sich einfach die Zeit nimmt, diese Musik BEWUSST zu hören, und nicht nur einfach laufen zu lassen, dann kommt man nicht umhin, diese Kapelle und dieses Album sehr zu schätzen zu lernen.
ø 4.3 / 5 bei 1 Benutzerbewertungen
8 / 10 Punkten

Vorteile

+ sehr hohes Level an Abwechslung, trotz der wenigen Instrumente
+ leichter Zugang, ohne zu langweilen
+ im Vergleich zum Vorgänger wieder eine Steigerung
+ neue Elemente (gutturaler Gesang) werden ausprobiert und wirken sehr passend
+ hohe Hitdichte
+ Platte wirkt durch die "Brückentracks", in denen der Häuptling durchs Album führt, wie eine ganze Geschichte

Nachteile

- Song "Rauhnacht" kommt nicht ansatzweise an die anderen Lieder heran
- vielleicht fehlt dem einen oder anderen Hörer auf Dauer ein starkes Rhythmus-Instrument (Drums, ...)

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