Home»Reviews»Folk»Noch nicht genug Winterdepression? Gib dir NOÊTA!

Noch nicht genug Winterdepression? Gib dir NOÊTA!

0
Shares
Pinterest Google+

NOÊTA – Beyond Life And Death
Veröffentlichungsdatum: 17.02.2017
Dauer: 43:23 Min.
Label: Prophecy Productions
Genre: Black Ambient

NOÊTA – mit ihrer vorhergehenden Veröffentlichung “psykhe” hatten sie mich schon letztes Jahr sehr gut ködern können. Tatsächlich ist es mal kein Metal, kein Krach mit Geschrei und hektischem Bumm-Bumm. Ganz im Gegenteil. Eher wie BJÖRK auf einer Beerdigung. Oder CHELSEA WOLFE im Gruselwald. NOÊTA sind ruhig, nachdenklich, melancholisch und sehr, sehr düster. Wer nach Musik zum Headbangen und Feiern sucht, kann an dieser Stelle aufhören zu lesen. Wer allerdings gern den Blick in den tiefen, dunklen Abgrund der menschlichen Emotionen riskiert und wer einen beklemmenden Schmerz in der Brust auch mal zu schätzen weiß, sollte dem Duo aus Schweden dringend eine Chance geben.

Depressionsbeschleuniger mit packender Atmosphäre

Bevor du hier reinhörst, mein Serviervorschlag: Setz dir Kopfhörer auf, nimm Platz in deinem Lieblingssessel. Dunkle dein Zimmer ab und wickel dich in eine Decke, denn jetzt wird eine furchtbare Hoffnungslosigkeit deine Seele heimsuchen. Zünde dir vielleicht noch eine Kerze an, in der sich dein Blick verlieren kann, während die Gedanken schweigen und eine düstere Beklemmung dein Herz erfasst.

Zu Beginn der Platte leitet mich ein schwerer, pochender, langsamer Beat – gleich einem Puls – in Trance. In seiner Deutlichkeit verliert er sich im Laufe der folgenden Songs. Nur noch die Harmoniewechsel, der Gesangsrhythmus oder sanfte Arpeggien führen ihn unter der minimalistisch gestalteten und doch dichten Atmosphäre weiter. Beklemmung macht sich breit – so richtet sich der Blick in die Weite des eigenen Inneren, stimmt nachdenklich, ohne Gedanken vorzugeben. Darüber liegt die verträumte, runde und fast sonore Stimme Êleas‘.

Als stünde ich in einem Moor in der Abenddämmerung …

Ja, NOÊTA zwingen mit ihrer ruhigen und meditativen Klangwelt in die Introspektive. Thematisch teilt sich das Album in drei Abschnitte: Emotion als tragendes Element des Lebens, Resignation und Beklemmung während der endlosen Suche nach Sinn und Bedeutung sowie die furchtsame Achtung vor der übermächtigen Natur. Alles keine leichte Kost. Jeder Song für sich hat eine eigene Atmosphäre inne, die sich leicht divergent und zugleich in ähnlicher Weise der gleichen bedrückenden Grundstimmung bedient. Die instrumental oder elektronisch erzeugten Sphären liegen übereinander – ohne schnelle Wechsel, ohne viel Spiel. Eigentlich schon fast minimalistisch in seiner Gestalt. Êleas Stimme wirkt, als sei sie nur dünn darauf gesponnen, fein und fragil. Vor allem “Dead Soil” hinterlässt diesen Eindruck. Mit “Darkest Desires” erscheint ihr Stimmklang, als wäre sie direkt vor mir, nah und authentisch. Anscheinend wurde darauf verzichtet, die Stimme bis zur Perfektion glatt zu bügeln. Dieses Gefühl der unmittelbaren Nähe jagt mir permanent Schauer über den Rücken.

Das Zusammenspiel des sphärischen Klangteppichs und des Gesangs ist fantastisch gelungen. “In Void” möchte ich hier herausheben. Durch Gitarrenarpeggien löst sich der Hintergrund aus der Schwere, der Gesang verspricht Weite und dennoch ist die Melancholie ein steter Begleiter. Es ist ein Song, der in sich genau so wenig bewegt ist wie auch die anderen und doch über seine Dauer von mehr als 5 Minuten nicht langweilig wird. Als stünde ich in einem Moor in der Abenddämmerung, fasziniert in die Dunkelheit starrend und doch beklemmt und voller Furcht, welche grausigen Kreaturen sich in den Schatten tummeln könnten.

Mein nicht-Warten auf einen finalen Knall, mein bedingungsloses Versinken in die Szenerie, zahlt sich spätestens mit dem letzten Track so richtig aus. Nach einem mehr als halbstündigen genussvollen Leidensweg zeigt sich “Urkaos” als mein persönlicher Höhepunkt dieses Albums. Der eingesprochene Text treibt mir schubweise Gänsehaut über jeden Zentimeter meines Körpers. Das Gefühl von Einsamkeit, Verlorenheit, Kälte und aufkommendem Wahn lässt mir den Atem stocken. Absoluter Wahnsinn!

Hol dir eine große Kelle Spät-Winterdepression in Albumlänge hier ab!

Autorenbewertung

8
Wow! Prophecy hat sich hier wieder einen vielversprechenden nicht-metallischen Zögling an Bord geholt. Wer in dieser Musik nach einem großen Knall sucht, wird enttäuscht zurückgelassen. Es werden Emotionen aufgebaut und gehalten. Sie sieden vor sich hin, kochen jedoch zu keinem Zeitpunkt über. Sie fesseln und reißen dich hinab. Überzeugend und authentisch!
ø 4.6 / 5 bei 2 Benutzerbewertungen
8 / 10 Punkten

Vorteile

+ authentisches und nahes Klangerlebnis
+ packende Atmosphäre
+ Depressionsbeschleuniger

Nachteile

- "leider" nur zum Genusshören geeignet - man braucht unbedingt Zeit und Ruhe dafür

Du liest diesen Beitrag, weil unsere Autoren lieben, was sie tun - wenn du ihre Arbeit liebst, kannst du uns, wie andere schon, unterstützen. Wie? Mit einem kleinen monatlichen Beitrag über silence-magazin@patreon Patreon
Vorheriger Beitrag

Core Classics #27 - ENTER SHIKARI

Nächster Beitrag

TORTURIZED ist was für Allesfresser

Keine Kommentare

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.