NUMEN – Konzentrierter baskischer Black-Metal-Spirit

 

NUMEN – „Iluntasuna Besarkatu Nuen Betiko“

Veröffentlichungsdatum: 27.09.2019

Dauer: 46:37 min.

Label: Les Acteurs de l´Ombre

Genre: (Pagan) Black Metal

 

Pagan Metal gibt es nicht nur im hohen Norden

Paganistische und folkloreorientierte (Black) Metal-Bands sind (spätestens) in den 2000er-Jahren in nahezu allen Kontinenten und Kulturkreisen unserer Welt heimisch geworden. Besonders die europäische Szene verfügt fortlaufend über weitreichende Kontingente an kilttragenden, kriegsbemalten und äxte-/schwerterschwingenden Formationen, welche die Mythen und Sagen ihrer Altvorderen musikalisch konservieren und an den Mann bzw. die Frau bringen.

Das klimatisch warme Spanien ist in diesem Sinne vornehmlich bekannt für fröhlich bis verträumt verspielte Party-Folk-Metal-Kombos wie MÄGO DE OZ und CELTIBEERIAN. Doch dieses mallorquinisch-ballermannesk beschränkte Bild von spanischem Folk- und Pagan-Metal täuscht. Während auf einer Art Zwischenebene Bands wie NORTHLAND, DRAKUM, GWYDION, LLVME oder INCURSED  teilweise durchaus heiteren Pagan Folk Metal mit variantem Extreme Metal mischen und sich auch ernsteren Themen wie Mythen, Sagen, Seefahrten, Schlachten oder Naturimpressionen hingeben, gibt es auch Kombos, welche vornehmlich ausschließlich härtere, rohere und ernstere Töne anschlagen.

Wer sind NUMEN, was spielen sie für Musik und woher haben sie das Cover-Art ihrer neuen CD?

Eine dieser Formationen ist das 1997 gegründete Fünfergespann NUMEN aus dem Baskenland. Bekannt sind sie mir schon länger. Vor etlichen Jahren hörte ich einen ihrer Tracks in einem Compilation-Video zu iberischen Folk-Metal-Bands. Von einer weiteren Auseinandersetzung mit ihnen, sah ich bisher leider ab. Schlussendlich befeuerte mich das Cover-Art  ihrer neusten Scheibe „Iluntasuna Besarkatu Nuen Betiko“ doch, mich den Pagan-Black-Metallern einmal anzunehmen. Denn dieses Cover erinnert mich von der allgemeinen Farbgebung sowie in puncto der angebrachten Motivelemente sehr stark an das Album „Ascetic Eventide“ von PURE WRATH (Ein-Mann-Atmo-Black-Projekt aus Indonesien). Grandios, wie ich finde. Ich mutmaße, dass hier derselbe Cover-Art-Designer am Werk gewesen sein muss. Mir bleibt nichts anderes übrig, als schon einmal eine inoffizielle Nominierung für den Titel „Album-Cover des Jahres“  dafür auszusprechen.

In NUMENS ersten beiden Alben „Galdutako Itxaropenaren Eresia“ (2001) und „Basoaren Semeak“ (2004) experimentierten sie noch mehr mit folkloristischen Anleihen, welche an mitteleuropäische Klänge des Mittelalters erinnerten. Die dadurch hervorgerufene Atmosphäre schafft dabei jedoch keine Analogien zu stereotypischen Tavernensaufexzessen oder mitschunkelkonformer Marktmusik. Eher kann von hymnischer bis nachdenklicher Vagabunden- und Schlachtenmusik die Rede sein. Weiterhin versahen die Herren ihre Kompositionen auch episodisch mit Growls und Cleangesang. Auch Melodieträchtigkeit und soliartige Einschübe von Akustikgitarren prägen den Sound der beiden ältesten Full-Length-Veröffentlichungen.

Im dritten Album „Numen“ dagegen, wurde eher eine Konditionierung auf melodiösen und tonsprunghaften Pagan Black Metal deutlich. Besonders die schnellen Tonsprünge, welche etwas an DARK FUNERAL erinnern, reißen mich beim Hören mit. Zur Genese dieses Mitreißpotenzials trägt auch der Fokus auf schnelle Tempi mit. Der musikalische Konsens der Platte ähnelt den Alben von CRYSTAL MOORS und AES DANA, nur halt mit wegrationalisierten Folk-Komponenten. Auch das neue Album der Nordspanier ist von feierwütigem Folk Metal ungefähr so weit entfernt, wie zeitgenössische Popmusik von künstlerischem Ideenreichtum.

 

Das neuste Werk in Kürze und Würze

Der Einstieg in das Album erfolgt mit „Iluntasuna soilik“  in sofortiger Weise von Null auf Hundert. Stimmungsvolle, mitreißende und hemmungslose Gitarrenriffs überrumpeln die Hörerschaft, während man ebenfalls spürt, wie sich Aritz, der Vokalist der Truppe, sichtlich anstrengen muss. Er krächtzt und schreit aus Leibes Kräften, um nicht Gefahr zu laufen, im Verbund aus dem Gitarrengewitter und den vor Aggressivität schnaufenden Drums unterzugehen. Letztere knüppeln nämlich zeitweise was das Zeug hält. Die prägnanten Melodiebögen und Tonsprünge in den Riffs können m.E. durchaus als Indikatoren für kompetentes Songwriting angesehen werden. Sie wirken weder fehl am Platz noch tragen sie zu einer Komponentenüberladung bei.

Diesem strukturellen Prinzip wird weiterhin in Laudata izoztuetan gefolgt, wobei die Vocals nun etwas aus dem Schatten treten, welche die felsformationsartigen Gitarrenriffs ihr spenden. Auch in den folgenden Titeln finden sich kaum Abweichungen von diesem Songkonzept:  – Aggressive Einstiege, häufige Tonsprünge, Geschwindigkeitstempomat immer auf voller Fahrt, wehklagende, durchsetzungswillige, treibende und harsche Vocals sowie allerhöchstens in den Bridges figurale bzw. thematische Variationen – Aus diesen Elementen setzt sich das musikalische Konzentrat des Albums zusammen. Auf Dauer erscheint die rasende Dynamik in den Songs allerdings etwas unkoordiniert und überdosiert. Folgend reihen sich zwischen den schmetternden Gitarrenwänden, der episodischen Drum-Artillerie und den Gutturalgesang-Predigten kaum Ruhepausen zur Reflexion ein.

Unleugbare Referenz

Im fünften Titel  „Nire arnasean biziko da gaua“ erfolgt eine kleine Varianz durch eine kurze, leicht sphärische Bridge mit einem ihr vorgelagerten hohen Keif-Gesang, wie man ihn von AASKEREIA oder dem Ambient-/Epic-Black-Metal- und Dungeon-Synth-Projekt ELFFOR kennt. Vewunderlich ist das nicht, denn Eöl, Mastermind um ELFFOR, ist ebenfalls Mitglied bei NUMEN. Mit hoher Wahrscheinlichkeit hören wir an dieser Stelle ihn. Eine kurze Wiederholung dieses eigensinnigen und gewöhnungsbedürftigen Gesangsstils findet auch im vorletzten Track „Iraganeo errautsak“ statt.

Den einzigen Ruhepol des Albums bildet das Outro „Itzaltzukobardoari“. Hierbei erzählt ein Mann mittleren Alters auf Spanisch wahrscheinlich von alten Sagen, Fährten oder Ähnlichem. Begleitet wird er von einer Akustikgitarre, welche eine mediterrane Melodie zum Besten gibt. Punktuell markiert ein kurzes Lagerfeuerknistern den Einklang sowie den Ausklang des letzten Tracks und auch ein holzblasartiges Instrument erhascht sich zwischenzeitlich kurz seine Daseinsberechtigung in dem ansonsten eigentlich folk-befreiten Black-Metal-Album.

Autorenbewertung

8
Der vorliegende Longplayer überzeugt durch seine starke Klangkunst sowie seiner konservativen bis reißerischen Grundattitüde und dem markanten Spiel mit schnellen Tonsprüngen auf ganzer Linie. Auch wenn ich persönlich mehr traditionelle Folklore-Instrumente durch meine Kenntnisse zum Debüt-Album erwartet habe, hat dieser Trugschluss meinen Hörgenuss nicht geschmälert. Das Album lädt zu nachdenklichen Spaziergängen durch morgendlich-nebelgetränkte oder vorabendlich-dämmernde vegetationsreiche Wälder und Naturreservate des Baskenlandes gleichermaßen ein, wie zum einfach mal so durchhören. NUMEN beweisen mit ihrem vierten Album erneut, warum sie neben XERION, HORDAK, AIUMEEN BASOA und CRYSTAL MOORS zur Speerspitze des spanischen Pagan Black Metal gehören.
ø 0.5 / 5 bei 2 Benutzerbewertungen
8 / 10 Punkten

Vorteile

+ heftige, dichte und bezogen auf das homogene Grundkonzept des Albums sinnstiftende Produktion
+ Blast Beats sehr ungestüm und ausladend in den Zwischenspielen
+ Tonsprünge und Melodieträchtigkeit als Konzentrat der Songstrukturen

Nachteile

- in den Strophen gehen die Drum-Elemente oft unter
- im Verlauf zu geringe melodiebezogene und instrumentale Varianz in den Songkonzepten/-strukturen

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