Startseite»Live»Konzerte»OBSCURA in Leipzig – Transatlantische Notenflut

OBSCURA in Leipzig – Transatlantische Notenflut

Oder: Lass mal alle Noten spielen, die es so gibt!

0
Geteilt
Folge uns auf Pinterest Google+

So, da isser nun. Mein Erstkontakt zum Conne Island. Ein etwas abgerockter Laden. Und dabei auch noch deutlich kleiner als gedacht. Also mir sehr sympathisch! Es gab einige Unklarheiten zum Showbeginn – sagte die eine Quelle, es sei 21 Uhr Showstart, meinte eine andere 20 Uhr. Naja, also habe ich meine Begleitung etwas angefeuert, damit wir auch bloß pünktlich ankommen.

Ich will ja nichts verpassen!

Zu Beginn sind vielleicht 50 Gäste da, was den Auftritt von FIRST FRAGMENT in meinen Augen etwas traurig beginnen lässt. Der Club ist nicht mal zur Hälfte gefüllt. Ich sehe mich noch ein bisschen um, entdecke Garderobe und Tränke und erledige das Wichtigste. Die Getränkepreise sind mit 2,80€ im Rahmen und was mich verfressenes Stück besonders freut: Es gibt auch Snacks in Form von Baguettes.

Was ich vorausschicken möchte: Insgesamt ist es den kompletten Abend sehr laut. Das ist total schade, weil zumindest bei mir die “Wohlfühl-Lautstärke” überschritten wird und der Genuss etwas auf der Strecke bleibt. Zumindest beim Fotografieren habe ich jedoch sowieso Gehörschutz drin. Da geht ja schon viel Feeling flöten. Also jeweils nach der Foto-Zeit Ohren wieder frei machen und gucken, wie es so ungefiltert klingt.

Was hier heute Abend läuft ist Mucke für Mucker. Klar, will man alle Feinheiten hören. Das auch noch gut abgemischt und am besten mit ausreichend Druck. Aber bitte nicht zu laut. Ja, ja. Die eierlegende Wollmilchsau. Wer sich beschwert, wird mit: “Dann hör halt Zuhause aus der Konserve deine Musik!” abgewatscht.  Spielt heute aber keine Rolle. Wir wissen ja, wieso wir jetzt hier sind. Weil Livemusik. Punkt. Da macht man einfach manchmal Abstriche. Andererseits gewinnt man Einblicke in Bandgefüge und Spieltechnik.

Ich sehe es vor allem als ‘Fortbildung’

FirstFragment_SilenceMagazin-9971-3FIRST FRAGMENT stehen ab 20:30 Uhr auf der Bühne. Eine recht junge Band, die sich im schneidend-glasklaren Sound spieltechnisch nicht die Butter vom Brot nehmen lässt. Dank neoklassischer Strukturen wie Walzereinschüben frickelt es nicht nur, sondern groovt und schunkelt auch vor sich hin. Darauf werden Growls und Screams im Wechsel serviert, die die ganze Geschichte in die Death-Schiene drücken. FIRST FRAGMENT lassen es sich nicht nehmen, nach ca. zwei Dritteln ihrer Spielzeit ausführliche Soli zu präsentieren, sich gegenseitig dafür zu feiern und anzufeuern. Ich sehe, sie haben einen Mordsspaß! Und das steckt an.

Auf die Schippe nehmen sie auch ihre eigenen Gitarrenläufe, die sie teilweise doppeln und in höchst ironischer Manier darbieten. Ein Seitenhieb auf Power-Metal? Vielleicht. Ich muss jedenfalls sehr lachen. Das Set ist – so frickelig und anstrengend es ist – gleichsam unterhaltend. Nach 30 Minuten sind die Jungs fertig mit ihrem Auftritt. Inzwischen hat sich auch das Conne Island etwas gefüllt und empfängt die nächste Kapelle mit Spannung. Der Soundcheck verspricht eines, nämlich Musik der Marke

Staubsauger.

Allegaeon_SilenceMagazin-_SilenceMagazin-0017-3ALLEGAEON rumpeln ordentlich los und verleugnen ihren Hang zum Death nicht. Dabei wird der Bassdrum ein dermaßen dicker Trigger verpasst, dass der Sound sämtliche Härchen zum Flirren bringt. Neben Growls werden höhere Shouts eingebaut, die etwas Abwechslung bringen. Der Rest ist eher uninspiriert und vorhersehbar. Die Gitarrensoli recht generisch, wie auch deren Songs generell. Einzig die eine oder andere Beckenfrickelei lässt mich kurz aufhorchen. Und doch – es kommt so gar keine Atmosphäre auf. Für mich zumindest nicht. Leichtes Unterhaltungspotenzial birgt das Engagement eines ihrer Kollegen, der mit einer Whiskeyflasche und Handkamera über die Bühne springt, filmt und die Gitarristen mit Alkohol versorgt.

Posing liegt ihnen sichtbar am Herzen

Wenn es nicht schon so abgedroschene Moves wären … Na, Hauptsache die Jungs haben ihren Spaß. Und den haben sie sichtlich. Mich lässt das Theater eher müde lächeln. Schrot wechselt zu Uffda wechselt zu Staubsauger über Föhn zurück zu Schrot. Dabei will ich nicht die Spieltechnik oder Präzision von ALLEGAEON in Frage stellen. Aufkommende Patzer werden routiniert überspielt. Nur treffen sie nicht mein Gusto in ihrer Musikalität. Vielleicht werden Feinheiten auch durch die durchweg herrschende, extreme Lautstärke tot gemacht. Und dennoch, der Club füllt sich weiter. Den Leuten scheint zu gefallen, was sie da sehen und hören. Noch bevor das halbstündige Set endet, gehe ich raus, um meinen Kopf etwas zu entspannen – bis FALLUJAH die Dampfwalze auf die Menge loslassen.

Fallujah_SilenceMagazin-0161-2Für mich ist der Bruch nach deren Spielstart sofort spürbar. Die Kalifornier legen los und sind vom ersten Moment der Show deutlich differenzierter und abwechslungsreicher unterwegs als ihre Vorgänger. Die Stimme ist kraftvoll und passt gut zum Rest der Band. Die Growls setzen sich durch und bringen eine angenehme Rauheit in die Sache. Wie bereits im Vorbericht erwähnt, kann ich bis dato nichts mit FALLUJAH anfangen. Hier kristallisiert sich nun aber heraus, dass die Änderung im Sound, die mit dem Vokalistenwechsel einhergeht, mich gut abzuholen weiß. Aber auch an der Gitarrenfront gab es eine Neuerung. Nachdem Brian James die Band kürzlich verließ, ist ALKALOID-Gitarrist Danny Tunker für die Tour eingesprungen. 

Mir gefällt tatsächlich, was ich höre.

Der Schlagzeuger ist einfach nur ein präzises Biest am Set und fräst in einem höllischen Tempo alles weg. Er schiebt unter dem flächigen Grundsound ordentlich. Die Band weiß eine gute Mischung zwischen Schrot und Atmosphäre zu halten. Dass Letztere überhaupt Luft hat zu entstehen, freut mich außerordentlich. Und dass dabei nicht nur gedjentet wird ebenfalls. Ich hatte ihre Strukturen deutlich eingleisiger in Erinnerung. Was mir aber dann doch etwas meine Hingerissenheit dämpft, ist der Umstand, dass die atmosphärischen Parts teilweise sehr weit ausgedehnt werden und ich mir ein leichtes Gähnen verkneifen muss. Und, dass im Conne Island nach wie vor eine ohrenbetäubende Lautstärke herrscht.

Obscura_SilenceMagazin-0327-2Von Leuten, die mehr in der Materie der Band stecken, lasse ich mir den Hinweis geben, dass im Set vor allem Songs des zweiten und dritten Albums gespielt werden. Dazwischen präsentieren sie zwei neue Songs, welche auf dem kommenden Album ihren Platz gefunden haben. So, wie sich die Band heute live gibt, könnte das mit mir und dem neuen Album tatsächlich was werden. Ich bin gespannt! Zumindest hinterlassen sie mich nach ihrem fast dreiviertelstündigem Set durchaus zufrieden. Gleiches könnte ich auch über den Headliner sagen – wenn ich nicht allzu genau hinschauen und -hören würde. Und, wenn ich mir nicht ihre deutliche bessere Show der “Akroasis”-Tour ins Gedächtnis rufe.

Das liest sich jetzt schlimmer, als es ist.

Bevor OBSCURA die Bühne betreten, campen zwei Konzertbesucher schon vor der Bühne. Etwas albern, betrachtet man die recht locker gefüllte Location. Aber vielleicht ist dies ja ein passendes Bild, um die Zuneigung, die so mancher für die Jungs empfinden mag, darzustellen. Wie dem auch sei. Diese beiden jungen Menschen sollen während des Sets nicht die einzigen bleiben, die die Kapelle ob ihrer spielerischen Leistungen anhimmeln. Ebenfalls bemerkenswert sind die Herren mittleren Alters vor der Bühne. “Ich hab’s dir doch gesagt! Der Junge ist klasse! Der hat’s richtig drauf!” und dabei wird mit der Kamera vor Linus Klausenitzer hantiert, der sein Posing danach ausrichtet und interagiert. Ja, er ist wohl einer der guten Beweise, dass Basser nicht immer am unteren Ende der Show-Nahrungskette stehen.

Obscura_SilenceMagazin-0266-2Insgesamt wird nach meinem Empfinden viel mehr gepost und gealbert als noch vor zwei Jahren. Doch irgendwie scheint die Band nicht ganz bei der Sache zu sein. Vielleicht ist es Frustration über die Anzahl der Besucher, deren Trägheit oder etwas anderes. Frontmann Kummerer beschwert sich schnell, dass es zu ruhig vor der Bühne sei. Es wirkt auf mich weniger anstachelnd und aufmunternd als vielmehr frustriert. Vielleicht irre ich mich aber auch mit der Einschätzung. Im Laufe der Show beginnt er dann doch zu bauchmietzeln. Er freue sich, wieder in Leipzig zu sein und überhaupt, dass unter der Woche die Leute zum Konzert kämen.

Ja, es ist wohl ein vielbewandertes Pflaster, dieses Leipzig. Selbst heute gibt es zwei Gegenveranstaltungen. Im ausverkauften Werk II spielen MADRUGADA und im Bandhaus gastieren HEXVESSEL. Nicht schlecht für einen Dienstagabend!

Doch irgendetwas stimmt heute Abend nicht. Schießbuden-Lanser träumt wohl vor sich hin, muss angesprochen werden, weil er einen Song einfach nicht beginnt. Und zeitweise sind er und der Rest der Band meilenweit auseinander – passiert den Besten und wird neben ein paar verwirrt-amüsierten Blicken zwischen den anderen Kapellmeistern einfach überspielt. Außerdem werden auch Gitarrensoli verzockt. Vielleicht geht an dieser Stelle die Erweiterung des Posierens auf Kosten der Qualität. Eventuell handelt es sich hier aber auch nur um einen Kniff, eine weitere Stufe der Progressivität. Wer weiß?! 

Oder die Band hat einfach nur einen schlechten Abend.

Obscura_SilenceMagazin-0286-2Neben diesen offensichtlichen Patzern bringt die Band die bekannte Leistung auf die Bühne. OBSCURA schaffen Atmosphären. Schwebende Basslinien fließen unter diffizilen Gitarrenfrickeleien – Rafael Trujillo ist dabei wieder wunderbar anzusehen – und einer rauen, aber noch angenehm hörbaren Stimme. Ich mag die Mischung einfach, die sie präsentieren. Von “Diluvium” packen sie nur vier Songs ins Set – weniger als die Hälfte der insgesamt elf gespielten Songs. “Emergent Evolution” wird direkt als Opener genutzt und funktioniert gut als straighter Showbeginn. Mancher würde sagen: Hit für Hit ein Hit.  Zwischen “Akroasis”-Knallern wie “Ten Sepiroth” und “Perpetual Infinity” finden “Omnivium”-Opener “Septuagint” (leider der einzige Song dieses Albums am heutigen Abend) und ein ausgedehntes Bass-Solo ihren Platz im Set. Den Brecher “Anticosmic Overload” heben sie sich für die Zugabe ihrer immerhin 90-minütigen Spielzeit auf und damit meine Laune merklich an.

Ich fahre etwas euphorisiert nach Hause (wann hört man schon mal gefühlt an einem Abend alle Noten, die es gibt?!) und freue mich darüber, wieder ein gelungenes Band-Paket erlebt haben zu dürfen. Dass es den ganzen Abend so furchtbar laut sein musste, ist ein Wermutstropfen. Und ich bin gespannt, ob dieser Eindruck beim nächsten Konzert im Conne Island wieder aufkommt – oder ob es dem Genre oder mitgereisten Tontechnikern verschuldet ist. Dass OBSCURA rückblickend hinter meinen Erwartungen zurückblieben, ist Jammern auf höchstem Niveau. Ein Vergleich zur 2016er Tour sei jedoch erlaubt. Und immerhin wussten FIRST FRAGMENT bestens zu unterhalten und FALLUJAH mich nun doch mitzunehmen.


Du liest diesen Beitrag, weil unsere Autoren lieben, was sie tun - wenn du ihre Arbeit liebst, kannst du uns, wie andere schon, unterstützen. Wie? Mit einem kleinen monatlichen Beitrag über silence-magazin@patreon Patreon
letzter Artikel

HEXVESSEL - finnische Baumknuddler

nächster Artikel

Lords of Chaos - Wieviel Wahrheit steckt in der Lüge?

Keine Kommentare

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.