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Panphage-Schwedisches Breitwandkino

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PANPHAGE – Derengskapr
Veröffentlichungsdatum: 18.11.2016
Dauer: 41:38
Label: Nordvis Produktion
Genre: Black Metal

Nichts ahnend verabrede ich mich mit unserem Chef vom Magazin (nein, nicht Cthulhu) zu einer Runde Risiko. Da noch ein wenig Zeit bis zur Schlacht ist, verbringe ich die restliche Stunde mit dem Suchen von Neuerscheinungen. Ausgerechnet in einer großen Handelskette für Technik und Medien entdecken meine kurzsichtigen Äuglein die neue CD von PANPHAGE: „Drengskapr“. Auf dieses Kleinod warte ich schon seit Monaten, hatte aber vergessen, dass es bereits über eine Woche erhältlich ist.

Nach der äußerst glorreichen Partie Risiko, die sich bis in die frühen Morgenstunden zog, schmiss ich am nächsten Tag sogleich das gute Stück in meine Anlage und ließ mich überwältigen. Wer übrigens PANPHAGE nicht kennt, dem wird HIER ein kurzer Einblick in die Bandgeschichte geboten.

Der Einzelkämpfer Fjällbrandt hat es tatsächlich geschafft, in nur 2 Jahren bereits den Nachfolger des Debütalbums „Storm“ unters Volk zu bringen. Nun beschäftigt er sich mit der Sage von Grettir Asmundarson, auch Grettir der Starke genannt, welche aus dem 14. Jahrhundert stammt und zu den wichtigsten (und am besten geschriebenen) Sagen Islands zählt. Damit ist eine textliche Nähe zu Interpreten wie ÁRSTIĐIR LÍFSINS gegeben, die sich lieber mit historischen/kulturellen Ereignissen beschäftigen, als stupide dem Teufel zu huldigen.

grettir-the-strong
Illustration aus dem 14. Jahrhundert von Grettir dem Starken

Jung, Stark und doch Geächtet

Nach besinnlichem Meeresrauschen wird der Hörer sofort in das kalte Grab geworfen, denn „Grettir Asmundarson“ brettert ohne Rücksicht auf Verluste los. Klirrende Gitarren und hartes Drumming vereinen sich mit ergreifendem Keifen. Achtet besonders darauf, wie ab Minute 1:30 die Gitarren sich verhalten. So was wird sich noch über das gesamte Album ziehen. Der Titel besticht durch sein stürmisches Auftreten, den Sprechgesang ab der Hälfte und passt wunderbar mit seiner Dramatik an den Platz des Einklangs. Absolut überzeugend ist auch die komplett in isländisch vorgetragene Epik. Nordische Sprachen haben irgendwie das gewisse Etwas.

HÖRPROBE

Exil in Norwegen

Grettir wurde wegen seiner Taten, für die er verehrt und gehasst wurde, von Island verbannt. Er begab sich auf die Suche nach dem Draugr Kar in Sunnmöre, um ihn zu töten. Diesen Teil der Geschichte fängt „Landrensningen“ perfekt ein. Gebirgsklar wie ein Bach fließen die heldenhaften Melodien zu erneutem Wellenrauschen in den zackigen, fast schon punkigen Rhythmus ein. Fantastisch wie EIN Mensch so viele Instrumente effektiv nutzen kann, um eingängige, und dennoch ehrliche Musik zu erschaffen. Mit dezenten Chören begleitet Fjällbrandt das Kapitel des Exil-Isländers. Der fast schon unverschämt rockige Beat mit seinem, ich gebe es zu, nicht sehr einfallsreichen Akkorden zündet aber dennoch an meinen Synapsen wie Dynamit. Da meldet sich mein Tanzschrittmacher prompt und das Twistbein zuckt unaufhörlich. Der beste Beweis, dass Black Metal näher am Punk liegt, als so mancher wahr haben möchte.

Wilde Hatz nach neuen Draugr

Trotz konstantem Härtelevel, das sich im unermüdlichen Takt niederschlägt, sorgt die Saitenfraktion für einen angenehm wankenden Charakter („Glam rider husen“). PANPHAGE waren für mich seit Jahren schon ein Garant für atmosphärisches Breitwandkino. Ohne Keyboards, die alles zukleistern. Der geringe Flanger-Effekt auf der Gitarre untermalt das Ganze nur noch mehr. Bei den kehlig intonierten Chorpassagen kriege ich jedes Mal einen Adrenalinrausch. Ich brauch wohl noch lange, bis ich diese Passagen greifen kann, denn es reißt meine Seele jedes Mal ein Stückchen mehr mit. Toll, ich werde alt und weich. Scheiß drauf!

panphage-logo

Verflucht seiest du!

Jede Schlacht findet ihr Ende, und so belegte Glam vor seinem Tod den tapferen Grettir mit einem Fluch. Während dieses Abschnitts von „Glamsyn“ begleiten ruhige Gitarren zu leisen Windgeräuschen das Urteil.

Bisher hast du Berühmtheit durch deine Taten verdient, aber künftig wird auf dich Exil und Kampf fallen. Deine Taten sollen sich dem Übel zuwenden, und dein Wächtergeist soll dich verlassen. Sie werden verjähren, doch wirst du für immer einsam sein. Du wirst dein Leben alleine leben und es als hart empfinden. Es soll dich zu Tode schleppen.

 

Da muss ich erst mal den fast schon fröhlichen Anfang von „Utlagr“ verkraften, das ist mir zu bunt. Gut, dass Fjällbrandt sofort mit rockigem Songwriting und hymnischem Solo kontert. Man beachte gegen Ende das moderne Geschredder auf den Klampfen. Hier ein „Uh!“, dort ein brunftiges „Oohh“. Da kommt paganes Feeling ohne Pseudoepik auf.

Drangey

Nach dem die Prophezeiung des Unholds Glam Grettir erfasste, zog es den Mann in seine Heimat zurück, wo er schließlich einem weiteren Fluch zum Opfer fiel. Von einer verwunschenen Wurzel, welche vom Widersacher Torbjörn listig als Feuerholz dargeboten wurde, sprang Grettirs Axt von dem Holzstück ab und traf sein Bein. Von dieser Infektion sollte er sich nie mehr erholen und es war nur noch eine Frage der Zeit, bis die Kraft gegen Torbjörn und seine Männer nicht mehr ausreichte und Grettir mit seinem Schwert fest in der Hand umklammernd starb.

Wie? Was? Die Musik? Entschuldigt, aber in dieser Geschichte kann man sich schon ein wenig verlieren. Diese nimmt nun dramatische Züge an, schließlich ist der Held ja im Begriff zu sterben. Blastbeats bilden mit dem Bass dieses mal einen interessanten, aber dennoch komischen Part, den man nicht unbedingt vermissen würde. Die leidende, aggressive Leadgitarre hingegen ist ein Volltreffer, der ein weiteres Mal zeigt, dass Black Metal harsch UND melodiös zugleich sein kann.

Blodshämd-Panphage ist Bestform

Mit stolzen 9 Minuten Länge verabschieden sich PANPHAGE fulminant mit allen Trademarks, die bis hier hin diese Band so einzigartig machen. Gefühlvolle Momente, wütende und kehlige Gesänge sowie die gut dosierte Portion an Eingängigkeit. Der Klang hat mir über die ganze Zeit hinweg gefallen und ich habe tatsächlich kaum Vergleiche zu anderen Bands gefunden. PANPHAGE stehen für sich alleine.


Nachtrag des Autoren: Eine Erhöhung auf 8 Punkte ist möglich, wenn genügend Zeit verstrichen ist und sich „Drengskapr“ oft genug in meiner Anlage dreht.


 

Bilder mit freundlicher Genehmigung von Haukurth, Wikipedia und Panphage

Autorenbewertung

7
Nach 11 Jahren Bandhistorie so hungrig und frisch zu klingen ist eine Kunst, die nicht jeder beherrscht. Das klingt sogar ein wenig nach ARKANUM. Mit einem interessantem Textkonzept beweisen PANPHAGE, dass nicht jedes historische Ereignis gleich schmalzig und kitschig intoniert sein muss. Ich bin mir sicher, dass sich meine Bewertung zu dieser Platte noch steigern wird, denn mit "Drengskapr" steckt Fjällbrandt 90% der diesjährigen Alben im Black Metal locker in die Tasche.
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7 / 10 Punkten

Vorteile

+ pure Epik
+ derb und schön zugleich
+ klasse Songwriting mit Wiedererkennung

Nachteile

- die Geräusche vom Meer ähneln sich stark - nur ein Sample?

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