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Pussyhaft oder pornös? Akustiksongs und Balladen

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“Das ist aber ein schönes Lied! Wenn die sowas können, warum machen die dann nicht NUR solche Musik?”

So oder so ähnlich waren die Worte meiner Mutter, als sie das erste Mal “The Bards Song – In The Forest” aus meinem Zimmer schallen hörte. Akustiksongs und Balladen im Metalbereich waren immer schon ein Knackpunkt der Kontroverse. Als METALLICA 1984 mit “Fade To Black” ihre erste Ballade releasten, war das für viele Musikrebellen von damals der Weltuntergang. Die Hardcore-Fans der aggressiven, jungen und energiegeladenen Thrash-Metal-Band gingen auf die Barrikaden (hätten die damals gewusst, was ihnen noch alles bevorsteht, hihi). Heute mag es einen zwar nicht mehr so sehr schocken, wenn eine Band einen ruhigen Song schreibt – ja, es gehört schon fast zum Standard-Repertoire dazu – aber immer noch scheiden sich die Geister diesbezüglich.

Das ist doch Musik für kleine Mädchen! Ich bin doch kein stolzer Anhänger harter Musik, damit man mir die Ohren vollschnulzt! Kotzwürg, ist ja ekelhaft!

Auf der anderen Seite kann man fast nicht abstreiten, dass die genannte infamöse Ballade ein wirklich, wirklich guter Song ist. Meiner persönlichen Erfahrung nach sind solcherlei Erzeugnisse von Metalbands fast immer eher groß- als abartig. Ich habe mich, seit ich ein kleiner Behbi-Metaller war, immer schon gefragt, woran es liegt, dass Akustiksongs und Balladen von bösen Metalmenschen so viel besser sind als solche, die einem Radio und MTV versuchen, den Hals runterzuwürgen. Qualität, würde ich mal dreist behaupten, ist in ca. 83% der Fälle unbestreitbar vorhanden. Auch wenn’s einem zur Abwechslung mal nicht beim Hören die Haut vom Gesicht bläst.

Nun ist es aber so, dass sich, notgedrungenerweise, auch Menschen angesprochen fühlen KÖNNTEN, die generell nichts mit Metal am Hut haben. Nicht, dass das an sich eine schlechte Sache sei, aber es besteht somit schnell der Reiz kommerzieller Ausnutzung der Musik. Dies nicht mal unbedingt seitens der Musiker, aber machen wir uns nichts vor – sobald man aus dem Underground-Bereich raus ist (sei es im Metal oder anderswo) geht es immer irgendwem um Geld bei der Sache. Es lauert die Gefahr, selbst irgendwann zu einer dieser “Künstler” zu werden, die Popsongs schreiben und auf MTV laufen. Und das kann man doch als seriöser Metaller nicht von seiner Lieblingsband wollen. Oder?

Themawechsel!

Was ist mit komplett metalfreien Alben? Darf man das? Ist das nicht noch viel schlimmer als ein gelegentlicher ruhiger Rumpopel-Song zwischen drölfmal Geballer? Ich meine hiermit etwas anderes als oben genannten massentauglichen Balladen. Eher Bands und Musiker, die entweder einen Ausflug in andere Gefilde machen, oder sich ganz aus dem harten Bereich verabschieden. Ein Phänomen, welches sich vor allem im Bereich Black und Pagan Metal ereignet. Man siehe etwa ULVER, DORNENREICH, GAAHL oder sogar BURZUM (falls man die Band erwähnen darf). Es zieht solche Musiker nicht selten in ruhigere, naturverbundene, musikalische Landschaften – und ich glaube, dass es hier kaum jemanden stört. Black Metal folgt anderen Gesetzen. Die Tiefe und das Gefühl gehen bei diesen Wandeln keinesfalls verloren, und mal ehrlich: Wer heutzutage diese Sparte nur hört, weil sie ja so böse, krass und aggressiv ist, der hat wahrscheinlich etwas falsch verstanden.

Von schnulzigen Power-Metal-Balladen über Akustik-Cover bis hin zu naturverbundenem Ex-Black-Metal bietet die aggressive Metallmusik also alles an Nettem und Ruhigem, was man sich so vorstellen könnte. Ob einem das nun gefällt, man den Untergang der geliebten und ach so unbestechlichen Musiksparte Metal darin sieht, oder sich einfach nur wünscht, Bands wie MANOWAR würden mal die Schwerter aus dem Wind und den Stock aus dem Popo ziehen, sei jedem selbst überlassen. Meiner Meinung nach ist an Metal-Balladen und Akustikpornos nichts falsch, solange nicht der Gedanke an Geld und Erfolg in den Vordergrund rückt. Aber für gewöhnlich sind wir doch eine Gruppe von Menschen, die ihrer Musik – welche es in dem Moment auch sein mag – immer mit viel Hingabe, Liebe und Zeit entgegentritt. Deswegen mache ich mir da mal keine Sorgen.

Was, liebe Leser, denkt ihr dazu? Lasst den Onkel Michi eure Meinung wissen und schrrrreibt’s in die Kommentare!


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5 Kommentare

  1. T.
    20. Februar 2017 bei 18:35 — Antworten

    Prinzipiell sollte ein Künstler doch machen dürfen, was er will, oder?
    Eins vorweg: Ich höre viel Doom und atmospheric/”Hipster” Black Metal, aber auch viel ruhigeres beinahe Akustikzeug. Chelsea Wolfe, Alternative 4, Antimatter, Soap&Skin, Dillon, Rome, Steve von Till, etc. und bin damit Akustiksongs sowieso nicht abgeneigt.
    Ich finde es sehr schade, wenn Metalheads ihre Musik nur über die Härte definieren. Klar, wir stehen alle irgendwo auf lautes Geschrammel, aber Musik ist doch etwas, was einem in jeder Lebenssituation begleitet. Und da ist “auf die Fresse” nun mal nicht immer angesagt und jeder, der von sich etwas anderes behauptet, sollte sich mal Gedanken über sein Leben machen. Warum sich selber so einschränken? Was guten Metal meiner Meinung nach auszeichnet ist seine Intensität, Direktheit und vor allem Authentizität. Ist es nicht viel authentischer, intimer und evtl. auch intensiver, wenn ein Künstler auch seine schwächeren, ruhigeren Momente in Songs verarbeitet?
    Das Problem, dass viele Akustiksongs und Balladen meiner Meinung nach haben, ist oftmals deren Produktion. Bestes Beispiel ist meiner Meinung nach das “Songs from the North 2” von “Swallow the Sun”. Da sind klasse Songs dabei, aber sie sind teilweise extrem überproduziert (wie ein Popsong) und damit weder authentisch noch itensiv. Man denkt, dass Gitarre und Stimme nicht ausreichen und es langweilig wäre und überläd es dann mit gedoppelten Stimmen, Autotune etc. Musik ist für mich Kunst und immer ein Ausdruck der Menschen und Instrumente die dahinter stecken. Selten perfekt, aber dafür mit Charakter. Warum also dem Song Charakter und Ausdruck rauben und dafür zu einem technisch unmenschlich perfektem Etwas aufblähen?
    Ein anderes Problem ist, wenn Balladen sich erzwungen anfühlen, aber das ist mir bisher nur selten begegnet.
    Kommerzieller Erfolg und sogar, wenn Songs im Radio gespielt werden, ist kein Problem für mich, solange ich das Gefühl habe, der Künstler schreibt den Song für sich und nicht für die Käufer. Und solange er ihn selber schreibt oder zumindest echt deutlich ist, wer die Songs schreibt (sollte eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein). Man kann natürlich sagen “Was die Masse will, muss gut sein”, aber die Masse schaut auch jede x-beliebige Hollywood Produktion, kauft ein Assassin’s Creed oder Call of Duty X und wählt einen Trump. Alles legitim, es unterhält ja auch (ja, alle drei davon), aber es bringt weder das Medium, noch die Kunst und erst recht nicht die Welt ein Stückchen weiter.
    Letztenendes geht es auch etwas um Innovation, Abwechslung und ein “sich von der Masse abheben”. Für viele mag eine Ballade einfallslos, langweilig und
    charakterlos klingen. Aber sind wir mal ganz ehrlich: 80% des momentanen Metals sind das ebenso.

  2. Christian
    19. Februar 2017 bei 16:58 — Antworten

    Ich finde Balladen/„softeren Songs“ wichtig, um das Album zu strukturieren, es gibt allerdings ziemlich große Qualitätsunterschiede. So kommt es mir bei der Plastikklavier-Ballade „Apricity“ von MPE auf ihrem vorletzten Album so vor, als hätten sie auf Teufel komm raus noch irgendetwas „ruhiges“ gebraucht, wohingegen Opeth auf Watershed etwa mit „Coil“ oder „Burden“ gekonnt mit den unteren Härtegraden spielen, wobei dann aber vollwertige Songs rauskommen, auf die man sich ebenso FREUT, wie auf den Rest. Oder Fleshgod Apocalypse, die mal eben zwei klassische Stücke raushauen, von denen das eine eine Bach-Fuge sein könnte und das andere einen Goethe-Text vertont. Mit einer richtigen Opernsängerin, die ordentlich was auf dem Kasten hat.
    Die meisten Bands hingegen halten es wie Nightwish, die Balladen sind zwar gut und durchdacht, begegnen den restlichen Songs aber nicht auf Augenhöhe und sind deutlich banaler.

  3. Doominatrix
    19. Februar 2017 bei 13:55 — Antworten

    Ich finde Metalballaden sind extrem wichtig für den Metal.

    Ich kenne niemanden aus meinem Freundeskreis, der mit Death Metal in die Szene eingestiegen ist.
    Wir alle haben irgendwo mit seichten Rockbands und seichten Metalbands angefangen oder es war eine Ballade, die uns berührte und uns auf eine Band aufmerksam machte.
    Dementsprechend haben auch die seichtere Musik und die Balladen ihre Existenzberechtigung, weil sie eben Nachwuchs ranschaffen.

    Andererseits verläuft das Leben nicht immer ideal.
    Es gibt Schicksalsschläge, man verliert geliebte Menschen etc.
    Ich denke viele Menschen bevorzugen in solchen Zeiten Musik, die ruhig ist und ihrer Stimmung gerecht wird.
    Zudem ist auch ein Künstler nicht immer in Stimmung hartes Gekloppe zu produzieren. Künstler haben schließlich auch Gefühle.

  4. Felix
    19. Februar 2017 bei 13:08 — Antworten

    Ich kann dem Autor nur zustimmen. Viele Metalbands, die solche Songs machen, haben da ein gewisses Maß an Leidenschaft und Herzblut einfließen lassen oder folgen einem künstlerischen Anspruch und unter diesen Umständen finde ich das ganz und gar nicht verwerflich.
    Ich bin aber auch der Meinung, dass selbst kommerziell erfolgreiche Bands nicht direkt etwas falsch machen. Immerhin sorgen diese dafür, dass einige Leute ihren Weg vom Pop hin zum Metal finden. Ähnlich wie es der Dunkle Parabelritter in seinem Video zu Slipknot erwähnt hat.
    Guter Artikel!

  5. Jürgen
    19. Februar 2017 bei 12:17 — Antworten

    Sollte einer was gegen fade to black haben: besser konnte ich meine Empfindungen nach der Diagnose Lungenkrebs nicht musikalisch untermalen. Absolut starkes Lied!

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