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Scheißt auf unsere Meinung!

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Was mag jeder der Autoren beim SILENCE so gerne, dass er seine Freizeit dieser Tätigkeit opfert? Ein paar Stunden in der Woche ohne Vergütung Artikel schreiben, Fotos suchen oder schießen, Interviews vorbereiten, auf Konzerte fahren, gute und schlechte Musik bewerten. Im Grunde geht es nur um die von uns allen so geliebte und gelebte Musik.

Manchmal komme ich dabei in einen Trott, den es zu vermeiden gilt. Das ist nicht verwunderlich, schließlich ist es für die Rezensenten jede Woche der gleiche Spaß: die nächste Rezension, die nächste neue Band, die nächste Demo bewerten und das alles fair, aber immer stark subjektiv. In die eigene Meinung schleicht sich dann oft das ein, was mir auch privat immer wieder in den Vordergrund tritt: Negativität und Pessimismus.

Nicht jedes Album kann ein “2112” sein.

„Nicht schon wieder die gleiche Black-Metal-Soße.“

Genauso kritisch wie ein einst begeisterter Bücherwurm wird, wenn er vermeintlich alles schon gelesen hat und die Umschlagtexte nur das Gesicht länger werden lassen, wird auch ein Musikfan irgendwann. Begeisterungslos scrolle ich durch die Liste der uns vorliegenden, zu bewertenden Alben, ohne das mir dabei auffällt, wie das Aussehen eigentlich schon alles entscheidet. „Nicht schon wieder die gleiche Black-Metal-Soße.“, „Wenn die genauso viele Breakdowns wie Piercings haben, schlaf ich bestimmt ein.“, „Der Bandname ist ja Kitsch pur.“, „Das Cover ist wahrscheinlich genauso amateurhaft wie die Musik.“ sind alles Aussagen, die mir dann durch den Kopf schwirren. Sind daran die Bands schuld? Sicherlich nicht, würde ich sagen. Doch im nächsten Atemzug fallen mir zehntausend Gruppen ein, die sich alle gleich anhören und tatsächlich nichts Weltbewegendes abliefern. Die Mitschuld tragen die Fülle und die ständige Verfügbarkeit von Musik. Ich kann mir überall quasi alles anhören, was ich will, und die Flut an neuen Veröffentlichungen bedarf eigentlich einer Vorsortierung.

Und damit kommen wir zum größten Faktor in dieser Gleichung, an deren Ende weniger Rezensionen und eine miesepetrige Bewertung von grundsätzlich nicht verkehrter Musik steht. Dieser Faktor sind nämlich Schreiberlinge wie ich, die das vielleicht auch in ihrer Freizeit machen und viel zu viel erwarten oder sich zu kritisch mit all dem beschäftigen, was sie nicht mehr begeistert. Musik umgibt mich – und euch wahrscheinlich auch – täglich und ein Musical Detox kommt da gar nicht in Frage. Ich hätte bestimmt eine andere Sicht auf die Dinge und eine abweichende Einstellung gegenüber neuen Veröffentlichungen, wenn ich die Kopfhörer einfach mal zu Hause lassen würde. Das mache ich aber nicht, weil ich ziemlich stark von Musik abhängig bin. Ab wann das eine Sucht ist, kann wahrscheinlich nur derjenige entscheiden, der den Schweden die Konzertsucht attestierte.

Was würdet ihr anhand des Covers für Musik dahinter vermuten?

Music overkill

Übrigens lässt sich das Prinzip der Verdrossenheit und Begeisterungslosigkeit auf fast jeden Beruf übertragen. Wenn du seit langer Zeit Politiker, Grafiker oder Pfarrer bist, kommt dir das Ganze irgendwann sinnlos vor. Die ständige Wiederholung von Abläufen frustriert auch im Arbeitsalltag, dafür sind die positiven Überraschungen umso intensiver. Genauso fühlt es sich auch an, wenn ich eine für mich neue, gute Band entdecke und mich verliebe. Da kann man so alt sein wie man möchte, irgendeine Musik packt einen dann doch. Und genau dafür gräbt sich das Silence-Magazin auch durch die riesige Wulst an Veröffentlichungen. Damit Schmuckstücke nicht unentdeckt bleiben.

Was ich mir immer dann wünsche, wenn ich gelangweilt und mit musikalischem Burn-Out durch mein Dorf laufe, ist ganz simpel: Ich will endlich wieder Begeisterung verspüren! Erneut das großartige Gefühl im Bauch haben, das meine erste Kostprobe von MISS MAY Is „A Dance With Aera Cura“ begleitet hat. Die Riffs und den Gesang von PROTEST THE HERO auf ihrem Erstling „Kezia“ unvoreingenommen aufsaugen und darin untergehen. „Backbone“ von GOJIRA in meinen Nacken eindringen zu lassen oder dank CONVERGE und „The Saddest Day“ zu heulen, geht immer noch. Die Begeisterung des ersten Moments hält sich leider nur selten und neue Musik löst diese manchmal nicht einmal ansatzweise aus.

Scheißt auf unsere Meinung!

Ich höre jetzt auf in Erinnerungen zu schwelgen und erinnere euch an den wichtigsten Inhalt dieses kleinen Textes:
Am Ende leiden die Bands an dem übersättigten Markt, in dem sie sich beweisen müssen. Herausstechen wird schwieriger und negative Kritiken werden mit jedem verstreichenden Jahr immer häufiger. Vieles hat es schon gegeben und wird lediglich weiterentwickelt, argumentieren Musikkritiker dann. Um ehrlich zu sein, bleibt die einzige Option eines jeden Musikfans, sich selbst ein Bild zu machen. Wir können zwar Einblicke und Vorgeschmäcke geben und dennoch bleibt das immer unser subjektiver Blick auf die Dinge. Scheißt demnächst einfach mal auf unsere und meine Meinung und kauft euch das Album doch, wir sind genauso leicht gelangweilt und manipuliert wie ihr!

Bilder mit freundlicher Genehmigung von Rush und Mastodon, Radiohead

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4 Kommentare

  1. LochNess
    19. April 2017 bei 13:09 — Antworten

    Ihr seid auch nur Menschen? 😨 Verdammt 😉
    Spaß bei Seite. Recht hast du schon. Aber man sollte sich ja allgemein nicht zu sehr einreden lassen. Trotzdem sei hier angemerkt, dass ich eure Rezessionen und Erfahrungen immer gerne lese. Schon alleine als Leseratte aber auch um nicht in meinem eigenen Trott zu versinken.
    Deshalb Daumen hoch für eure Arbeit hier!

    • Jonas
      20. April 2017 bei 13:52 — Antworten

      Wir danken dir für das Lob und klopfen uns imaginär gegenseitig auf die Schultern!

  2. Lodenschwein
    13. April 2017 bei 11:59 — Antworten

    Das heißt du ziehst die nötigen Konsequenzen und hörst auf mit schreiben ?

    • Jonas
      17. April 2017 bei 15:31 — Antworten

      Ne, das wäre mir zu einfach und langweilig 🙂

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