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Stoner Rock gegen polnischen Todesblei

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Schon blöd, wenn zwei coole Gigs am gleichen Tag stattfinden. Blöd für die Bands, zwischen denen sich das Publikum aufteilt, blöd auch für die Zuschauer, die sich entscheiden müssen. Am 21. Oktober haben es die Luxemburger besonders schwer: Lieber zu BEHEMOTH und ihrem immens interessanten Anhang gehen, oder doch eher beim Stoner Rock von KING OF THE NORTH, STONEWALL NOISE ORCHESTRA und den lokalen THE FILTHY BROKE BILLIONAIRES feiern? In diesem Fall ist die Entscheidung für die weniger finstere Mucke gefallen.

Reichlich spät, nämlich um zehn Uhr, eröffnen THE FILTHY BROKE BILLIONAIRES den Abend. Die luxemburgische Truppe ist noch recht frisch, die einzelnen Musiker haben dagegen schon ordentlich was auf dem Kerbholz. Insbesondere Bassist Yves van Oekel hat jüngst von sich reden gemacht, indem er als Live-Musiker mit Orianthi durch die Staaten gezogen ist, während Drummer Michel Spithoven in gefühlt jeder zweiten luxemburgischen Band schon hinter den Kesseln gesessen hat. Entsprechend routiniert läuft der Auftritt ab, und man merkt der Truppe definitiv den Spaß auf der Bühne an. Hier treten nicht vier einzelne Musiker auf, sondern eine gut geölte Einheit, die schnell für Stimmung sorgt.

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Zwar ist das Publikum in der Rock-Box in Luxemburg-Stadt wegen der eingangs erwähnten Überschneidung etwas dünn gesät, dafür wird das Konzert schnell zum launigen Miteinander. Das Fehlen eines zweiten Gitarristen wird durch das famose Spiel am Bass mit Leichtigkeit aufgefangen, abgerundet wird die Sache von Frontfrau Priscila Da Costa. Die Dame am Mikrofon besitzt Ausstrahlung und fährt von ruhigen, rauchig vorgetragenen Passagen bis zu giftigen Ausbrüchen die ganze Bandbreite auf. Insgesamt ein schön kompakter Einstieg in den Abend, der nur ein Mal kurz an Faszination verliert: das ausufernde Gitarrensolo nach dem vorletzten Song zeigt Gitarrist Yannick Stein zwar als Kenner seines Fachs, unterbricht aber die zuvor so gut funktionierende Dynamik innerhalb der Band.

Die Schweden von STONEWALL NOISE ORCHESTRA legen nach einer kurzen Umbaupause nach, und schnell wird klar: die fünf Herren haben Bock und lassen nichts anbrennen. Sympathiepunkte erntet der stets zurückhaltende und grimmig dreinblickende Bassist, denn nicht minder grimmig blickt die Kultfigur Kapitän Haddock auf seinem T-Shirt drein. Innerhalb der Lieder gibt es viele Wiederholungen, sodass auch Nicht-Kenner schnell mitsingen und in die hypnotischen Grooves einstimmen können, während die Songs untereinander deutliche Unterschiede aufweisen. Langeweile kommt also gar nicht erst auf.

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Kontaktscheu sind die Schweden auch nicht gerade, so sucht etwa Sänger Tony ständig den Kontakt zum Publikum und steigt zwischendurch auch immer wieder von der Bühne. So ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass STONEWALL NOISE ORCHESTRA an diesem Abend den besten Draht zum Publikum aufbauen. Die fünf Herren sind reichlich bemüht, die Gunst der Schaulustigen für sich zu gewinnen, auch wenn sie sich zum Teil etwas übermotiviert zeigen. Das schlägt sich auch in den Ansagen nieder, denn die inflationäre Nutzung des Wortes „Motherfucker“ wirkt ungewollt komisch. Schwamm drüber, ordentlich gerockt ist und bleibt ordentlich gerockt!

Allein von der Konstellation her sind die Headliner KING OF THE NORTH ziemlich interessant, handelt es sich bei dieser Band doch um ein Duo. Gerade nach den fünfköpfigen STONEWALL NOISE ORCHESTRA stellt sich die Frage, ob zwei Musiker an eine solche Soundwand anknüpfen können. Na gut, ein paar technische Kniffe haben KING OF THE NORTH dann doch im Ärmel, um ihrem Spiel den nötigen Wumms zu verpassen. Besonders auffällig ist hierbei die Nutzung von Loops, durch die sich Frontmann Andrew Higgs selbst unterlegt. Dies kommt meist in ausschweifenden Instrumental-Passagen zum Einsatz, die sich als klare Stärke der nordischen Könige herauskristallisieren.

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Weniger gelungen sind dagegen die statischen Ansagen, die teilweise in unbequemen Pausen münden. Während Drummer Steve Tyssen sichtlich Freude am Spiel hat, gibt sich der Frontmann reservierter. Gerade nach der vorhergehenden Sause bei STONEWALL NOISE ORCHESTRA vermisst man schnell die Interaktion mit dem Publikum. Während das superbe Songmaterial mit Hits wie „The Mountain“ überzeugt, schleichen sich ab und an ein paar kleinere Patzer bei der Umsetzung ein, durch die KING OF THE NORTH im Zusammenspiel mit den mauen Ansagen einen Teil ihrer Faszination einbüßen. Ist man dann aber erst einmal drin, glänzen die beiden Australier trotz des ausdünnenden Publikums zu später Stunde.

Hat sich der Besuch also gelohnt? Auf jeden Fall! BEHEMOTH und Kollegen wären zwar sicher auch dufte gewesen, trotzdem haben sich genug Schaulustige eingefunden, um die drei Bands zu Höchstleistungen anzutreiben. Immerhin ist auch alles, was nur entfernt mit Stoner zu tun hat, gerade ziemlich im Trend. Die Bands scheinen sich an der intimen Runde nicht gestört zu haben – die Zuschauer erst recht nicht.

Fotos: Anastasia Iampolskaia


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