SYLVAINE – Eine Wiedergeburt

SYLVAINE – „NOVA“

Veröffentlichungdatum: 04. März 2022
Länge: 49:51
Label: Season of Mist
Genre: Post Metal

Kann man noch träumen?

Kann man? Und wozu das alles? Immer wieder scheint es ein klein wenig bergauf zu gehen, nur damit anschließend die nächste Katastrophe am Horizont ihren Auftritt haben kann. Derartige Gedanken habe wahrscheinlich nicht nur ich schon seit über 5 Jahren regelmäßig, ja insbesondere aktuell, wenn Begriffe wie „Weltkrieg“ auf Twitter trenden…

Kann man denn nun noch träumen? Sollte man? Nun, diese Frage werdet ihr wohl für euch selbst beantworten müssen. Ich kann euch aber sagen, dass SYLVAINEs (alias Kathrine Shepards) Album „Nova“ euch hierzu auf jeden Fall einlädt und dass es euch vielleicht in einen Zustand zu versetzen vermag, in dem ihr und eure Emotionen euch verstanden, akzeptiert und reflektiert fühlt.

Sofern ihr also bereit seid, euch dem Album zu widmen: Was erwartet euch?

Nova – Elfengleicher Gesang

Im ersten Stück – dem Albumtiteltrack „Nova“ – empfängt mich der Gesang einer Stimme, der unweigerlich an den Gesang der Elfen aus Herr der Ringe erinnert. Die Multiinstrumentalistin präsentiert uns hiermit das persönlichste aller Instrumente: den eigenen Gesang. In klarer, nachhallender und sich im Chor überlagernder Weise werden keine konkreten Lyrics, sondern lediglich die Silben „NO“ und „VA“ auf verschiedenste Weise gesungen und sanft begleitet.

Das Stück ist Ausdruck neuen Selbstbewusstseins für die eigene, klar hörbare Stimme als Kern des Songs. Jenes Selbstbewusstsein, das sich als Ergebnis der Kämpfe, Verluste und der Wiedergeburt herausgebildet hat – klar, nackt und verletzlich wie die Künstlerin selbst auf dem Cover des Albums. Die Verletzlichkeit, welche die Nacktheit so puristisch vermittelt, steht gleichsam als Zeichen der Wiedergeburt. Als würde sie sagen „Hier bin ich. Das ist alles. Mir ist alles genommen worden außer dies. Nun sieh und erkenne, dass es – dass ich – genug bin“.

Dies erkennend ergibt sich gleichsam die Erkenntnis, dass die Auferstehung, das Zurückerlangen aller Kraft hiermit vollzogen ist.

Alleingelassen

… in einer sich wiederholenden Dauerschleife von Hochs und Tiefs fühlt sich die Protagonistin beim darauf folgenden „Mono No Aware“. Der Songtitel lässt sich wörtlich nur schwer sinnvoll übersetzen und dennoch ist seine Bedeutung angesichts der Lyrics und der Stimmung des Songs kaum zu verkennen. Alleingelassen und nicht gewahr, wo sie sich eigentlich gerade befindet, fragt sie sich und schreit hinaus in die Einsamkeit, ob Sinn ihrer Existenz nur ist, jene Vergeblichkeit und Unstetigkeit zu fühlen und zu erkennen.

„Mono No Aware“ ist für mich persönlich der „stärkste“ Song auf dem Album. Er bleibt schon nach dem ersten Hören im Ohr und wirkt abwechslungsreich-packend. Dies mag daran liegen, dass ich ein großer Fan der vorangegangenen, doch größtenteils härteren Alben SYLVAINEs bin und der Song diesen ähnelt. Hier wird jedoch ungeachtet dessen deutlich, welch enormes Gesangsspektrum die Künstlerin aufweist und entwickelt hat. Von klarem Gesang in unterschiedlichen Tonlagen bis hin zum fies keifenden, typischen „trve norwegian black metal“ Geschrei wird hier alles geboten. Ebenso vielfältig gestaltet sich der Rhythmus und die Stimmung der Musik, welche von schnellen double-bass und blast-beat Passagen wieder zu träumerischen Parts und zurück wechseln.

im Nirgendwo.

Die gleiche Grundstimmung – das eigene Verlorensein – wird im sich anschließenden „Nowhere, still Somewhere“ fortgeführt. Die Protagonistin findet sich im gleichen Gemütszustand wie im vorigen Song wieder: irgendwo, aber unwissend, wo genau; nicht hier, aber auch nicht dort; die Kluft zwischen dem was ist und dem, was sein sollte zu sehen, aber unfähig zu sein, etwas dagegen zu tun. Allgemein wird anhand der Songs und ihrer Thematik für die geneigte Hörer*in klar, dass SYLVAINE hier das bisher persönlichste Album ihrer Karriere liefert und damit persönliche Verluste und ihren Umgang damit aufarbeitet.

Musikalisch ist „Nowhere, still Somewhere“ deutlich ruhiger, verträumter und mit poppigerer/eingängigerer Grundmelodie versehen als sein Vorgänger, was auch an der Dauer von gerade einmal etwa 4:34 Minuten liegen mag. Gleichzeitig ist es hierdurch jedoch auch schneller und leichter zugänglich als der fast 10-minütige Vorgänger.

 

Verloren.

Das sich anschließende „Fortapt“ (norwegisch: „(hat) verloren“) toppt die von „Mono No Aware“ aufgestellte Marke jedoch und stellt mit 11 Minuten und 55 Sekunden Spielzeit das längste Stück des Albums dar. Allein aufgrund meiner sporadischen Übersetzung seiner Lyrics auf Norwegisch, seiner Positionierung im Album sowie auch seiner musikalischen Vielschichtigkeit interpretiere ich „Fortapt“ als das Herzstück des Albums – auch in seiner Bedeutung für die Künstlerin selbst. Ich kann mich irren, aber ich denke, dass hier ein persönlicher Verlust der Künstlerin Hauptthema ist und der Song auch deshalb als einziger komplett in ihrer Muttersprache gesungen ist.

Musikalisch muss wohl kaum erwähnt werden, dass man einem fast 12-minütigen Song etwas Zeit und Gehör schenken muss. Fest steht aber: Er wird definitiv nicht langweilig. Ich neige sogar dazu, zu sagen, dass er so abwechslungsreich und vielschichtig ist wie das Album selbst. So wie die das „Album im Album“ – das Novum von Nova in Kompaktform. Hier ist alles dabei – der elfenhafte Gesang, akustische, seichte Gitarren, Black Metal-Schreie, sägende Riffs und schnelles Drumming, sowie ausufernde Post-Rock-Landschaften.

Zeit für Besinnung

„I Close My Eyes So I Can See“ schließt sich an und gibt bereits mit seinem Titel viel von dem Preis, worum es geht: die Augen vor allem verschließen zu können/wollen und auch darum, eben dadurch wieder (irgendwann) sehen zu können. Alle Geräusche zu ignorieren und alle gebauten Brücken abzureißen; die Funken, die waren, in der Ferne verglühen zu lassen, um sich zu schützen – das ist der Kern des Songs.

Der etwas über 5-minütige Song ist für mich einer der Songs des Albums, auf dem ich den klaren Gesang Kathrine Shepards als besonders intensiv und einnehmend empfinde. Auch hier fügen sich schmerzerfüllt klingende Schreie ein, die jedoch in der sich hineinsteigernden Musik und dem im Hintergrund anhaltenden Klargesang keinesfalls für Disharmonie sorgen. Der Mitte-Ende-Part ist definitiv sehr stark und ein weiterer Beweis der musikalischen Meisterhaftigkeit dieser Komposition, die unglaublich gekonnt intensive Emotionen atmosphärisch vertont.

Alles muss enden

… und so auch dieses Album – zumindest fast. Denn abgesehen vom Bonustrack ist – wie könnte es treffender sein – „Everything Must Come To An End“ das größtenteils nachdenklich-ruhige und letzte Stück von „Nova“. Es erinnert noch einmal daran, dass alles ein Ende hat, auch die Trauer – und sei es, dass die Endlichkeit der Existenz selbst bedeutet, dass sich an diese wiederum eine neue Existenz anschließen wird, lediglich nicht die eigene. Man mag hier individuell entscheiden, ob man den Song als Ode an die Vergänglichkeit des Lebens (des Fühlens) oder des Leids interpretiert.

Musikalisch wird das Stück jedenfalls wundervoll untermalt vom schottischen Geiger Lambert Segura von SAOR sowie den Cellisten Nostarion alias Patrik Urban, den sie 2019 bei einer ganz besonderen Akustikshow in Belgien kennenlernte. Insgesamt wird hierdurch eine herrlich authentisch-melancholische Atmosphäre erzeugt, in die ich mich direkt sentimental-wohlig eingebettet fühle.

Das stimmige Album und der Bonustrack

Als Bonustrack schließt sich noch das Stück „Dissolution“ mit einer Dauer von fast 6 Minuten an, der sich musikalisch insgesamt gut in das Album einfügt, wenngleich ich seine Stimmung als „positiver“ wahrnehme. Nach meinem Gefühl endet „Nova“ jedoch stimmiger, wenn ich diesen Song weglasse ODER ihn mir bewusst „nur“ als Bonustrack vor Augen führe.

 

Autorenbewertung

8
Für Hörer*innen, die SYLVAINE bereits kannten, bleibt als Kurzzusammenfassung, dass sich hier nichts wirklich "Neues" im Sinne von etwas Unerwartetem bietet. Das Album ähnelt musikalisch doch sehr seinen Vorgängern und wirkt allenfalls etwas "ruhiger". Dennoch sollte dies nicht darüber hinwegtäuschen, geschweige denn unbeachtet lassen, dass eine zunehmende Weiterentwicklung auf musikalischer Ebene hörbar ist – sei es im Bezug auf die Professionalität des gesamten Arrangements als auch insbesondere auf den noch besser und deutlicher hervorgetretenen Gesang. Für mich jedenfalls als alten Liebhaber sentimentaler, melancholisch-atmosphärischer Klänge im Post-/Shoegaze /Blackgaze/Black Metal ist und bleibt SYLVAINE aka Kathrine Shepard eine authentische, selbständige und großartige Künstlerin des Genres. Ihr musikalisches Wirken und ihre wahrscheinlich weiter voranschreitende stilistische Selbstfindung bleiben für mich hochinteressant und werden unter Garantie weitere Meisterwerke hervorbringen.
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8 / 10 Punkten

Vorteile

+ Wundervoller Gesang verschiedenster Art
+ Atmosphäre
+ Musikalisch abwechslungsreich
+ Sehr persönliches Werk
+ Fängt mich auf

Nachteile

- stilistisch vorhersehbar (keine absolute Überraschung)
- lange, dadurch teils schwerer zugängliche Songs

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