Thrash-Revival und was jetzt? – WARBRINGER

WARBRINGER – Woe To The Vanquished
Veröffentlichungsdatum: 31.03.2017
Länge: 40:59 Min.
Label: Napalm Records
Stil: Thrash Metal

HAVOK, EVILE, SUICIDAL ANGELS usw. – die Liste der relativ jungen Thrash-Metal-Bands, die an der Wiederbelebung der alten Szene beteiligt sind, ist lang. Was aus all diesem anfänglichen Aufschwung wird, zeigt sich jetzt: die Hype generierenden Bands müssen sich beweisen und damit sind auch WARBRINGER gemeint. Wahrscheinlich wird jeder einen anderen Zeitraum nennen, indem die Freude über neue große Thrash-Metal-Bands groß war. Für mich war der Höhepunkt dieses Aufruhrs 2011 mit HAVOKs „Time Is Up“ erreicht. Inzwischen haben alle beteiligten Bands schon locker zehn Jahre auf dem Buckel, was eine Bestandsaufnahme umso interessanter macht. Wer hat 2017 seinen ursprünglichen Charme beibehalten?

Part I

Das Thrash-Jahr wurde durch KREATOR, OVERKILL und HAVOK bereits eingeläutet und letztere haben die sechs Jahre seit ihrem ersten kleinen Meisterwerk gut überstanden. Als kleine Anmerkung möchte ich einbringen, dass viele Fans jedes großartige Album im neuen Jahrtausend mit MEGADETH vergleichen müssen. Egal ob „Terminal Redux“ (HAVOK) oder „Time Is Up“ – alles wird zum „Rust In Peace“ dieser Generation. Damit sollte man vielleicht aufhören, schließlich ist auch nicht jedes OBSCURA-Album ein neues „Sounds Of Perseverance“. Von DEATH schauen sich neue Bands zum Glück viel ab, WARBRINGER sind da keine Ausnahme. Das neue Album ist jedoch bei Weitem kein „Worlds Torn Asunder“-Teil 2. Was die Single-Auskopplungen unter den Fans bestätigten, war lediglich die Überzeugung, John Kevill den besten Sänger im modernen Thrash anhimmeln zu müssen. Nicht unbeachtlich sind die Röhren des Sängers auf „Silhouettes“. Ein Opener der es in sich hat und von einer Dystopie nach dem Atomkrieg erzählt. Besungen werden die von Menschen hinterlassenen Schatten an den Wänden. Was in Hiroshima und Nagasaki beobachtet werden konnte, wird dann Realität für alle: von uns und dem geliebten Köter bleibt nur noch ein permanentes Abbild an der Wand unseres Eigenheims.

Eine erstaunliche Untermalung der ersten paar Lieder gelingt dem riffwütigen Rückkehrer Adam Carrol und dem Neuling Chase Becker allemal, Soli inklusive. Durch den exzellenten Mix treten sie nicht zu sehr in den Vordergrund und lassen Schlagzeug und Bass ihre technisch einwandfreie Arbeit verrichten. Der unnachgiebige Groove auf „Remain Violent“ hätte anders auch nicht in Szene gesetzt werden können.

Genauso brutal wie das Cover vermuten lässt, geht es in den betont gewaltigen Texten immer zu: „Shellfire“ berichtet von einer in den Krieg hineingeborene und durch ihn verlorene Generation. „Remain Violent“ handelt von Aufständen gegen den Staat, „Descending Blade“ steht symbolisch für jede von Menschen gesteuerte Tötungsmaschine. Die Liste könnte man weiterführen, aber freundlich ausgedrückt kann ich nur sagen, dass es genau das ist, was ich mir von Thrash erhoffe. Generisch aber gut ausgeschmückt sind hier nicht nur Gesang und Text. Die Instrumentalisierung lässt sich in den ersten paar Liedern ganz gut dort einordnen, wo es auch hingehört. Kleine Feinheiten in der Produktion machen mich jedoch oft gespannt auf das nächste Schmankerl.

Part II

Experimentierfreudig präsentiert sich die zweite Hälfte der Scheibe. So werden alle Möglichkeiten von Stereo-Sound bei „Spectral Asylum“ ausgenutzt um die Erzählung des Songs zu verfestigen. Ich trete kurz weg und bin erst nach dem Lied ansprechbar, da sich die psychedelischen Riffs in meinen Kopf gebohrt haben. „Divinity Of Flesh“ bleibt wahrscheinlich mein Favorit auf dieser Scheibe, wegen der starken Anlehnung an Melodic Black Metal und die ausgiebige Gitarrenarbeit. Diese beiden Lieder sind jedoch nur der Vorbote für einen Batzen namens „When The Guns Fell Silent“. Achtung, der Titel ist ernst gemeint und umschreibt den langsamen Marsch, auf den mich WARBRINGER schicken. Von der Handlung und der generellen Struktur der Erzählung her, würde jeder Laie ohne die Thrash-Elemente SABATON hinter diesem Song vermuten.

Was den Vergleich nicht so einfach macht, ist die Atmosphäre des Liedes. Während gewisse Power-Metal-Helden versuchen, alles so episch wie möglich zu beschreiben, gibt dieses Lied mit seinen schleppenden instrumentalen Pausen die grausame Realität eines jeden Soldaten wieder. Mit dem Tod haben jedoch nicht nur die Soldaten bezahlt, sondern auch meine Nerven, die – nach dieser unerwarteten elf-minütigen Exkursion in die Abgründe von Krieg – einfach blank lagen. Im Kontext des Albums ist der Text nicht verwunderlich, aber der Grundton klingt schon stark selbstironisch. Ein mahnender Zeigefinger in Richtung Krieg ist ja auch schon etwas ausgelutscht. Daher konnte ich diesem essentiellen Teil der Langspielplatte nicht viel abgewinnen. „Silhouettes“ hingegen hat es geschafft, ohne Klischees und kreativ mit der Thematik eines drohenden letzten Krieges umzugehen.

Fazit

Was mich wurmt ist, dass die Langzeitmotivation der Platte noch nicht wirklich ersichtlich ist. Natürlich verschmelzen hier großartige Ansätze und es ist durchaus mehr als nur nebenbei hörbar. Aber den Test der Zeit muss dieses Album definitiv noch bestehen, bevor ich es mit Lob überhäufen kann. „When The Guns Fell Silent“ ist der einzige Song, der sich aus dem sonst sehr sicheren Schema traut. Wenn ihr Glück habt, könnt ihr WARBRINGER zusammen mit HAVOK bei ihrer Club-Tour durch Europa erwischen, falls ihr euch in das Thrash-Getümmel stürzen wollt!

Tour-Dates und vieles mehr findet ihr hier:

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Autorenbewertung

7
WARBRINGER liefern ein solides neues Album und trauen sich im Gegenzug aber nicht viel. Das Endergebnis ist geeignet für jeden Thrash-Metal-Fan, der nicht auf Klischee-geladene Texte wie bei HAVOK steht, aber Aufmüpfigkeit erwartet. Einen kleinen Rest an typischen Motiven haben die US-Amerikaner trotzdem verarbeitet, damit jeder auf seine Kosten kommt.
ø 3.8 / 5 bei 6 Benutzerbewertungen
7 / 10 Punkten

Vorteile

+ spielsicher
+ sehr guter Gesang
+ eingängige Soli und Riffs
+ guter Mix

Nachteile

- Experimentierfreudigkeit beschränkt sich auf drei Lieder
- noch keine erkennbare Langzeitmotivation
- das monumentale "When The Guns Fell Silent" überzeugt mich nicht

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