Uriger Thrash trifft auf EPICA? – INFECTED AUTHORITAH

INFECTED AUTHORITAH – Deliverance
Veröffentlichungsdatum: 14.01.2017
Dauer: 58 Min.
Label: Eigenproduktion

Thrash-Metal trifft auf EPICA und was kommt dabei raus? Die Melodic-Thrash-Metal-Band INFECTED AUTHORITAH und ihr selbstproduziertes Album „Deliverance“. Und jetzt mal ehrlich: das Cover-Artwork ähnelt dem des neuesten EPICA-Albums „The Holographic Principal“ schon ein bisschen. Ich bin neugierig, wie die Band aus Lichtenfels Thrash Metal melodisch machen will. Harren wir der Dinge, die da kommen.

„The Enem(i)“ ist der erste Titel der selbst produzierten Scheibe. Einprägsame Gitarrenriffs zu Beginn machen auf jeden Fall schon mal Bock auf mehr. Die einsetzenden Vocals sind deutlich und nicht so unverständlich, wie man es vielleicht von anderen Thrash-Metal-Bands kennt (SLAYER, hust). Dennoch bleibt das typische Thrash-Krakeele nicht auf der Strecke. Der Song ist zweifelsohne ein passabler Einstieg in die noch folgenden elf Titel des Silberlings, aber wo ist denn das Melodische geblieben? Naja, abwarten, das kann ja noch kommen.

Mal sehen, ob schon im nächsten Titel, „Rise Of a Golden Mind“, das Melodische zu erkennen ist. Ich muss sagen, nicht wirklich. Klassischer Thrash dröhnt aus den Boxen. Keine Schnörkel, aber einprägsam. Und Grounts kann der Sänger auch. Dazu kommt ein verspieltes Solo. Aber nix Melodisches.

Aber Moment: das Intro von „Broken“ lässt mich hellhörig werden. Sanfte Gitarrentöne, die mich ein bisschen an METALLICAs „Fade To Black“ erinnern. Das erste Mal etwas, was im Entferntesten melodisch sein könnte! Nach dem Intro geben die Jungs und das Mädel aber schon wieder richtig Gas, sodass durch geschicktes Riffing ein Circle-Pit vorprogrammiert ist. (Vorsicht, schlechtes Wortspiel) Es kann gut vorkommen, dass hier was zu Bruch geht.

Bei „Just a Way to Hate Somebody“ vermute ich wildes und heftiges Geschrammel, bei dem man seine ganzen negativen Energien freilassen kann, ohne sich selbst oder jemand anderem zu schaden. Und ich werde nicht enttäuscht. Alleine bei dem mitreißenden Intro dürften die langen Zottel die man Haare nennt schon ganz ordentlich in Wallung sein. Auch die Vocals passen sich den aggressiven Klängen an, ohne aber dabei zu einem unheilvollen Grunzen zu werden, wie man es vielleicht von anderen Bands schon gehört hat. Die eingängige Melodie macht den Track zu meinem ersten Lieblingssong auf der Scheibe.

Etwas weniger aggressiv, aber dafür umso brachialer beginnt mit „Leave You Alone“ der nächste Song. Auch hier scheint die Band auf eine Melodie Wert gelegt zu haben, die mir als Zuhörer einfach im Schädel bleibt. Der Song entwickelt sich im Verlauf zu einem gelungenen Zusammenspiel aus den anfänglichen brachialen Passagen und filigranen Solos, gepaart mit dem bekannten aggressiven Gesang des männlichen Sängers.

Klar, ihr hört, dass bis hierhin immer ein Kerl gesungen hat. Also warum erzähle ich euch das jetzt? Ganz einfach, die Emanzipation der Frau ist auch bei INFECTED AUTHORITAH angekommen. Deshalb darf auch Stefanie, die einzige Frau in der Band, ans Mikro. In dem Song „I Will Haunt You“ ist sie das erste Mal auf der Platte zu hören. Gleichzeitig ist dieser Titel auch der Beweis dafür, dass Thrash-Metal melodisch sein kann. Die Passagen in denen sie singt, klingen im Vergleich zu den rauen Thrash-Vocals fast schon melancholisch. Den Song könnte man fast schon als Duett sehen, denn der männliche und weibliche Gesang wechseln sich ab. Die Parts mit dem männlichen Gesang bleiben aber gleichbleibend aggressiv.

Von der anfänglichen Härte der Songs spüre ich jetzt nicht mehr ganz so viel. Das langsame Gitarrenintro von „The Final Drop“ bringt mich ins Grübeln. Worüber ich nachdenke, kann ich aber ehrlich gesagt nicht wirklich sagen. Aber es ist einfach schön zum Zuhören, wenn man sowas mal braucht. Nach dem Intro hätte ich mir gewünscht, dass der komplette Titel in dieser melancholischen Schiene bleibt, aber es ist, als beginnt nach dem Intro eine ganz neue Welt. Aus dem Melodischen wird wieder brachialer Thrash wie ich ihn mag, aber irgendwie passen diese beiden Tatsachen in diesem Song nicht wirklich zusammen. Wie Feuer und Wasser.

„That Is Living“ ist ebenso brachialer und uriger Thrash, wie die Songs auf dem ersten Teil der Scheibe. Neu allerdings ist, dass eine tiefe, fast schon Black Metal typisch grunzende Stimme den bekannten kreischenden Thrash-Gesang mit unterbricht. Diese kleine Abwechslung ist wirklich ganz schick gemacht, da ich es auf die Dauer etwas anstrengend finde, diesem Gekreische zuzuhören.

So, Ohren auf für den Titelsong des Albums! „Deliverance“ beginnt explosiv, anders als die Vorgänger. Kurz darauf wird das Explosive von mystisch klingendem Sprechgesang unterbrochen, was vielleicht für uns Hörer schwer nachzuvollziehen ist. Nach einer solchen abermaligen Unterbrechung, entwickelt sich wieder der typische Thrash Metal, wie ich ihn kenne. Ich muss sagen, dass ich mir von einem Titelsong etwas Einprägenderes erwarte. Etwas, dass mir nicht mehr aus dem Kopf geht.

Auch „DB“, der letzte reguläre Titel des Albums, hält keine wirklichen negativen oder positiven Überraschungen mehr für mich bereit. Einfach solider Thrash Metal. Punkt. Nicht mehr, nicht weniger. Nichts anderes ist auch der kurze Bonussong „Infections“.

Autorenbewertung

6
Also, ich muss sagen, meine anfängliche Skepsis gegenüber der Kombination von Thrash Metal und dem Melodischen war berechtigt. Es ist zwar nichts wirklich gravierend Negatives aufgefallen, jedoch ist mir bis auf den weiblichen Gesang in "I Will Haunt You" und einer Affinität der Band zu Rhythmus und Melodie (was andere Bands auch haben) nichts Melodisches zu Ohren gekommen. Das Album ist gut hörbar und grundsolide, muss aber nicht unbedingt in Dauerschleife laufen.
ø 4.8 / 5 bei 1 Benutzerbewertungen
6 / 10 Punkten

Vorteile

+ gute Melodien
+ filigrane Soli
+ Abwechslung von der eigentlichen Gesangsstimme durch weiblichen und tiefen Gesang
+ gute Qualität der Eigenproduktion

Nachteile

- kreischende Stimme wird auf die Dauer etwas nervig
- teils unpassende Kombination von Intro und eigentlichem Song
- nicht für das Spielen in Dauerschleife geeignet
- fehlende Überraschungen zum Ende des Albums

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