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Was bitte ist eigentlich Dungeon Synth?

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Obskure Klänge, dunkle Kunst
erblüht auf schwarzem Grund
alsbald verwelkt, vergessen gar –
Doch höret frohe Kund‘!

Aus kalter Asche, totem Laub
gedeiht in neuer Pracht
Musik, die man einst totgeglaubt
zum Leben abermals erwacht.

… sagte der Zauberer, und verschwand in den nebligen Gefilden eines düsteren Verlieses. Wo 90s-Keyboard-Sound, Dungeons And Dragons und rohe Black-Metal-Ästhetik aufeinandertreffen, spricht man heutzutage von Dungeon Synth. Was genau es damit auf sich hat und wieso das Genre seit ein paar Jahren plötzlich mehr Aufsehen erregt als je zuvor, das werde ich in diesem Artikel versuchen zu analysieren und zusammenzufassen.

Die Ursprünge

Als mir zum ersten Mal dieser Begriff zu Ohren kam, erklärte man mir folgendes:

„Du musst dir das ungefähr so vorstellen – Dungeon Synth ist das, was übrig bleibt, wenn man Black Metal nimmt und den Black Metal weglässt.“

Nach ein paar tiefergehenden Ausführungen fing dieser fragwürdige Satz dann auch irgendwann an, Sinn zu ergeben. Man nehme die düsteren, instrumentalen Intros, Outros und Zwischenspiele alter Black-Metal-Werke, und – naja, das ist es auch schon. Das ist Dungeon Synth. Aber das ist natürlich nicht alles.

Hier die Gründungslegende: Norwegen. Anfang der 1990er, inmitten der zweiten Black-Metal-Welle, verließ MORTIIS, der damalige Bassist von EMPEROR, seine Band, und widmete sich fortan seinem Soloprojekt (namens … MORTIIS. Woah!). Hier spielte er nicht mehr Bass, sondern komponierte am Keyboard düster-atmosphärische, lange Songs, die er dann analog auf Tape einspielte – und das ganz ohne Black Metal. Es folgten ihm alsbald einige andere Künstler, wie etwa WONGRAVEN (Nebenprojekt von SATYR), SUMMONING oder DEPRESSIVE SILENCE. Mit diesem Loslösen aus der Rolle reiner Unterstützungsmusik war Dungeon Synth als Genre geboren. MORTIIS gilt somit weitgehend als Vater der Musikrichtung (wenngleich ein gewisser JIM KIRKWOOD schon einige Jahre früher sehr ähnliche Klänge erzeugt hat).

Interessant ist, dass es den Namen Dungeon Synth damals noch überhaupt nicht gab. Er ist eine Schöpfung aus der neueren Ära dieses Musikstils, und maximal so um die fünf Jahre alt (Stand: 2020). Man benutzte zur Klassifizierung in der Anfangszeit eher den Begriff Dark Ambient.

Eine musikalische Analyse

Als Unterkategorie von Ambient-Musik ist Dungeon Synth für gewöhnlich vor allem eins: Atmosphärisch. Träumerisch, aber auch düster, einhüllend, aber auch irgendwie beunruhigend. Es wohnt ihm eine starke Eskapismus-Komponente inne, und so liegt auch der Vergleich zu Film- oder Videospielsoundtracks nahe. Mit dem Unterschied, dass diesmal die Tonkunst selbst im Vordergrund steht.

Das Arrangement kann dabei von „eine Person mit zwei Händen und einem schäbigen Keyboard“ bis hin zu komplexen, vielspurigen, programmierten Orchesterstücken reichen, wobei neben Synthesizern gelegentlich auch Vocals oder Samples zum Einsatz kommen können. Gerade in den Werken der alten Schule wird sich gerne der Repetition als wichtiges Stilmittel bedient. Repetition hilft, eine konstante, hypnotische Atmosphäre zu erschaffen und aufrechtzuerhalten. Darin zeigt sich zudem eine Parallele zum Black Metal, welcher auch gern mal von diesem Effekt Gebrauch macht.

Thematisch orientiert sich die Musik stark an Fantasy-Literatur (Tolkien lässt grüßen), mitteleuropäischer Mythologie und anderem Nerd-Zeug (auch D&D lässt grüßen). Es sind – wieder mal vor allem bei der Oldschool-Fraktion – jedoch auch finsterere Stoffe wie Einsamkeit, Depression und Trauer (Black Metal lässt grüßen) ein häufiger Bestandteil des Gegenstandsrepertoires.

Die Weiterentwicklung des Genres

Nach der anfänglichen Hochphase in den 90ern wurde es dann allerdings erstmal still in den musikalischen Dungeons. Viele der wichtigen Vertreter hatten dem Genre den Rücken zugekehrt und angefangen, andere Musik zu machen. Das Interesse daran, in muffigen Kellerverliesen düstere Akkorde auf verstaubten Synthesizern einspielen, schien nichts mehr als ein Relikt vergangener Tage.

Doch es folgte der Ebbe die Flut. Ab den 2010er Jahren schoss die Beteiligung an der Materie wieder in die Höhe: Neue Künstler hatten scheinbar Interesse an dieser alten Musikart gefunden, und so wurde langsam, aber sicher die moderne Renaissance des Phänomens Dungeon Synth in die Gänge geleitet. Ab ca. 2015 dann (ungefähr zum Zeitpunkt der Namensgebung) erfolgte ein unerwartet massiver Boom, der das Genre in seinen jetzigen Zustand fast täglicher neuen Online-Releases versetzte.

Ich habe im Folgenden eine Datenauswertung aller Veröffentlichungen vorgenommen, die sich auf dem Youtube-Channel „The Dungeon Synth Archives“ befinden (später mehr zum Channel). Mit Sicherheit beinhaltet diese Datenbasis nicht lückenlos alle Releases des Genres, und ich gehe davon aus, dass ich mich das ein oder andere Mal sicherlich um ein paar Ziffern verzählt haben dürfte (außerdem ist 2020 noch nicht vorbei – in diesem Jahr fehlen also noch Releases). Dennoch macht diese Tabelle offensichtliche Tendenzen sehr gut deutlich. Am auffälligsten ist dabei der überdimensionale Berg an neuer Musik ab 2015, falls das noch nicht klar gewesen sein sollte.

Wie kommt es?

Genau festzuhalten, wo dieser neue Hype um dieses (damals doch relativ simple und begrenzte) Genre plötzlich herrührt, ist schwer. Es hat aber mit Sicherheit etwas damit zu tun, dass Elemente wie Eskapismus und Nostalgie etwas sind, das niemals daran scheitern wird, die Menschen immer wieder in seinen Bann zu ziehen. Und als wiedergefundener Schatz aus einer anderen Zeit trägt das frisch getaufte Kind Dungeon Synth eine Art eigene magische Aura mit sich – es entsteht eine Art Meta-Mystik, die die Sache selbst in ähnlich fantastischem Schimmer erleuchten lässt wie es ihr Inhalt und Sound seit jeher anstreben. Dass die gängigste Form physischer Releases Audiokassetten sind, dürfte in der Hinsicht genug aussagen.

In einer Zeit, in der jeder digital die Möglichkeit hat, ohne viel Aufwand und ohne jegliche Ausgaben selbst Synthesizer zu bedienen und Lieder zu erschaffen (sowie mit einem Klick weltweit zu veröffentlichen), wird ein solches Medium für Fantasy-Nerds, Black-Metal-Nostalgiker und Kellerkinder jeglicher Art mit kreativem Samenstau natürlich leicht zu einer Art heiligem Gral eines gefundenen Fressens.

Hinzu kommt, dass es wahrlich nicht viele Regeln gibt, was das Komponieren von Dungeon Synth angeht. Neben den paar typischen (musikalischen wie thematischen) Tropen, auf die ich oben eingegangen bin – und selbst die sind deeehhhnnnbaaaar, wie wir im Folgenden sehen werden – sind hier der kreativen Auslebung kaum Grenzen gesetzt. Ein Grund mehr, die Sache ohne allzu große Angst vor Fehlschlag einfach anzugehen. Jeder kann und darf seine eigenen Gedankengänge, Ideen und Vorstellungen im Rahmen atmosphärischer Synth-Musik nach Lust und Laune umsetzen (mehr dazu unter „Eine mächtige Masse an Mikrogenres“). Ähnlich ist es mit den Album-Covern. Es hat sich hier eine stimmige, wenn doch sehr einfach reproduzierbare Ästhetik herauskristallisiert: Man nehme irgendein passendes Gemälde aus vergangenen Jahrhunderten und füge ein selbst gezeichnetes Logo ein. Alternativ geht auch eine gratis Schriftart aus dem Internet.

Das alles hat leider nicht nur Positives zur Folge. Denn leider führen diese Umstände auch dazu, dass – salopp gesagt – viel uninspiriertes, schmerzhaft schlecht produziertes oder einfach nur belangloses Zeug veröffentlicht wird, und man sich manchmal durch haufenweise Müll wühlen muss, um eventuell die ein oder andere Perle zu entdecken. Sich Mühe geben wird zum optionalen Faktor, wenn die Veröffentlichung weder Zeitaufwand noch finanzielles Risiko birgt. Genauso gut aber könnte morgen schon jemand den neusten modernen Klassiker erschaffen. Die qualitativen Schwankungen sind groß. Jeder Tag in der Dungeon-Synth-Szene ist wie eine Schachtel Pralinen. Man weiß nie, was man kriegt.

Folgendes Album wäre etwa ein gutes Beispiel für einen wohlklingenden, modernen Klassiker:

Eine mächtige Masse an Mikrogenres

Bei so vielen Möglichkeiten und so vielen mitwirkenden Künstlern sind rapide musikalische Entwicklungen als Folge üblich. Was im Metal-Bereich schon lange der Fall ist, passiert hier auf viel kleinerer Ebene in rasantem Tempo: Es bildet sich eine unübersichtliche Masse an neuen Subgenres und Strömungen. Von Fantasy Synth über Forest Synth, Winter Synth und Medieval Synth, Epic Dungeon Synth, Dark Dungeon Synth und mehr bis hin zu Dino Synth (bitte was?) und der neuesten, schnell wachsenden Strömung Comfy Synth (so etwas wie der nette Bruder von Dungeon Synth) – der Mensch hat die Tendenz, alles klassifizieren zu wollen. Und kann man bei den Metal-Genres auch meist relativ klar zwischen „richtigem“, musikalisch distinktem Genre und „random neue Genrebezeichnung weil ich mich verkleide und über xy singe“ unterscheiden, so fiele mir das bei den ganzen vorwiegend instrumentalen und auf Atmosphärenvermittlung basierten Dungeon-Synth-Abkömmlingsbezeichnungen doch relativ schwer. 

Der ironische Aufbruch

Ein Genre, das eine solche Entwicklung mit sich trägt, so leicht für jeden zugänglich ist, so wenig Qualitätskontrolle hat und hinzu noch seine Wurzeln in einer sich so ernst nehmenden Community wie dem Black Metal hat, schreit natürlich mit allen Kräften danach, parodiert zu werden. Und das vor allem aus eigenen Reihen. Wer beim Begriff Dino Synth schon komisch geguckt hat, der darf auch gern mal hier, hier oder *schauder* hier klicken. Des Weiteren kann ich die Facebook-Seite „Dungeon Synthposting“ empfehlen.

Die heutige Szene

Trotz der Wiedergeburt des Genres, trotz dem massiven Boom an Releases, handelt es sich auch heutzutage um eine relativ kleine Underground-Community. Die Dungeon-Synth-Gruppe auf Facebook hat knapp 7000 Mitglieder, der Dungeon-Synth-Archives-Channel hat um die 52.000 Abonnenten. Im Vergleich: EMPEROR allein haben auf Facebook 150.000 Likes.

Die Ratio von Dungeon-Synth-Künstlern zu reinen Fans der Musik scheint mir verhältnismäßig hoch zu sein. Was wiederum damit zusammenhängen könnte, dass die Produktion einer solchen EP (meist sind es nur EPs, keine ganzen Alben) so leicht realisierbar ist. Wenn du dich wirklich für das Thema interessierst, stehen dir alle Möglichkeiten offen, selbst kreativ aktiv zu werden. Außerdem gibt es nur selten so etwas wie Live-Auftritte (das wäre ja wieder mit mehr Aufwand verbunden). Vor allem darf aber nicht vergessen werden, dass es sich immer noch um obskure Nischenmusik handelt. Kommerzielles Potential ist kaum vorhanden.

Wo fange ich an?

Wenn du mir tatsächlich bis hierhin gefolgt bist und dir noch immer nicht die Lust an der Sache vergangen ist, schlage ich vor, diese Grafik zu Hilfe zu ziehen:

>>>Klicke hier für die Info-Grafik!<<<

Als wichtigste Quellen für Dungeon Synth werden außerdem für gewöhnlich zwei genannt: Der Youtube-Channel „Dungeon Synth Archives“, und, schlicht und einfach: Bandcamp. Auf dem Archives-Channel werden fast täglich neue Releases hochgeladen, während ein Großteil der Klassiker dort auch vorzufinden sind (wahrscheinlich alle außer denen, wo es Stress mit dem Label gegeben hätte). Und Bandcamp ist ganz einfach die präferierte Veröffentlichungsplattform für Dungeon-Synth-Künstler.

Mehr Details zur Geschichte des Genres findest du außerdem in diesem äußerst informativen Video (Credits: Krachmucker TV) 

Ich hoffe, ich konnte mit diesem Artikel eine einigermaßen interessante und wahrheitsnahe Einleitung in das Thema bieten. Falls du noch etwas hinzuzufügen, zu verbessern oder zu bemängeln hast, kreative Einwürfe oder Fragen hast – schreib’s in die Comments!


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