Home»Lifestyle»Kolumnen»Wo ist die Grenze zwischen Metal und Ballermann?

Wo ist die Grenze zwischen Metal und Ballermann?

Der Untergang des Metal in tanzbarer Gute-Laune-Mucke?

1
Shares
Pinterest Google+

Erstmal vorneweg: Alkohol und Feierei waren schon immer ein Teil der metallischen Subkultur. Das will ich hier nicht verleugnen, und das ist auch toll so. Auch böse, Satan verehrende, langhaarige Bartträger wollen ihren Spaß haben – und man muss sich ja schließlich um seine Bierplauze kümmern. Aber das soll auch gar nicht die Thematik dieses meines heutigen Skriptums sein.

Vielmehr geht es mir um einen Aspekt, der über die letzten 10 Jahre immer mehr zum Trend geworden zu sein scheint. Es handelt sich dabei um den Aufstieg einer modernen Feier- und Partykultur, die sich langsam aber beständig auf musikalischer Ebene zu manifestieren begann. Und das mit großem Erfolg bei den Massen. Gemeint sind die lustigen, fröhlichen Partylieder und -bands, meist kommend aus dem Pagan- und Folk-Metal-Bereich, welche mittlerweile einen nicht zu unterschätzenden Platz in der Metal-Szene eingenommen haben.

Klar, früher gab es auch schon Kapellen wie TANKARD und Konsorten, deren (funktionierendes) Rezept schon immer auf alkoholischen Substanzen und der Ausschaltung des Großhirns basierte.

Aber damals war dies eher die Ausnahme – ein Randphänomen!

Immer größere Spots nehmen heutzutage jedoch Bands wie ALESTORM, EQUILIBRIUM oder KORPIKLAANI auf Festivals ein, immer erfolgreicher scheint das Konzept zu werden. Dass jener Erfolg hier vorprogrammiert ist, liegt auf der Hand: einfache Songstrukturen, meist lustige Texte (nicht selten übers Feiern und Trinken), tanzbare und mitgrölbare Melodien – solche Musik ist leicht zugänglich für jedermann und hat von erster Sekunde an eine starke, oberflächliche Anziehungskraft. Aber waren Metal-Musiker nicht eigentlich mal die Menschen, die sich damit rühmten, dass ihre Musik eben gerade nicht aus massentauglichen 3-Minuten-Radiosongs bestand? Gab es da nicht früher mal Werte, für die man als gestandener Metaller einstand?

Es ist wie mit allem: Die einen hassen es, die anderen lieben es. Genauso gut kann es einem scheißegal sein.

Allerdings schwingt auch hier wieder das Problem der, von vielen befürchteten und scheinbar immer schneller herannahenden, Kommerzapokalypse der Metal-Welt stark mit. Denn auch bei Menschen, denen die metallische Kunst ansonsten vielleicht zu „krass“ oder zu „hart“ wäre, findet diese Art der Liedermacherei durchaus Anklang.

„Check das mal, diese Band macht PIRATEN-METAL! Hast du so was schon mal gehört? LOL!“

Ein lustiges Gadget, kombiniert mit leicht verdaulicher, zum Tanzen und Trinken einladender Musik. Darauf scheinen auch die Mainstream-Kiddies von heute zu stehen. Sorgen müssen wir uns dann machen, wenn nur noch die Frage bleibt, wann, und nicht mehr ob, die Grenze zwischen Metal-Festivals und Ballermannzelten nicht mehr existent sein wird.

Es endet doch immer gleich.

Doch man darf eines bei der ganzen Diskussion nicht außer acht lassen:

Und zwar, dass man den Großteil dieser vermeintlichen Feier- und Saufbands bei Weitem nicht auf diesen einen Aspekt reduzieren darf und kann. Selbst wenn viele solcher Songs das Werk einer Band schmücken, geht oft verloren, dass bei diesen Musikern eigentlich eine ganz andere Seite im Vordergrund steht. Was ist etwa mit den meisterlichen Kompositionen von EQUILIBRIUM, welche sich mit unterschiedlichsten Folk-Einflüssen aus allen Ecken der Welt, tausenden Tonartenwechseln und unzähligen verschiedenen Parts zu viertelstündigen Instrumentalstücken erstrecken? Auch ALESTORMs Diskographie enthält zum Großteil eher Soundtracks zu epischen Seeschlachten, als Rumgetränkte Strandmusik. KORPIKLAANI arbeiten seit Jahren daran, sich ein etwas ernsteres Gesicht zu verschaffen, doch auch deren naturverbundene, wahrlich schöne Folksongs scheinen im Vergleich mit ihren Trinkliedern die wenigsten zu kennen.

Ragnarök-Festival 2017. FINSTERFORST-Konzert. So mancher erwartet wohl vor allem lustigen #YOLO-Quatsch (denn ja, so heißt die neue Platte). Weit gefehlt. Die Pagan-Metaller begrüßen das Publikum erstmal mit zwei ihrer langsamsten, schwerstverdaulichen 20-Minüter aus den tiefsten Tiefen des Schwarzwaldes. Dankeschön!

Fresst 22 Minuten Schwarzwald-Doom!

Man darf also zwei Dinge auf keinen Fall miteinander verwechseln:

Das sind einerseits Produzenten von auf Massentauglichkeit abgestimmter Partymusik, und andererseits Metalbands, die ihre Musik ernst nehmen und sie mit großer Sorgfalt und Respekt behandeln – dazu aber auch gerne mal Spaß haben und den ein oder anderen Song zum Abfeiern vor und auf der Bühne schreiben.

Ob man es nun mag oder nicht, seitens der Musiker scheinen also zumindest Hopfen und Malz bei Weitem nicht verloren. Das Gleiche trifft, so glaube und hoffe ich zumindest, auch für den Metalfan zu. Ich glaube nicht, dass sich die Art von Mensch, die sich nur für die oberflächlichen Aspekte partytauglicher Trinkmusik interessiert, dauerhaft innerhalb einer solch breitgefächerten und interessanten Musikszene manifestieren wird. Im Idealfall bietet diese leicht zugängliche Art von Metal sogar eher einen einfachen Einstieg für Menschen, die später auf diesem Wege das wahre Gesicht dieser Musiksparte kennen und lieben lernen.



Persönlich muss ich sagen, dass ich den ganzen Party-Metal durchaus mag. Besonders live macht so etwas immer wieder Spaß. Dass er eventuell eine Rolle in meiner Konvertierung zum Evil Metal Guy spielte, kann ich wohl auch nicht komplett leugnen. Dennoch ist dieser Aspekt heutzutage weit von dem entfernt, was mich an der Musik essentiell begeistert und fasziniert.

Was haltet ihr denn davon?

Supergeil? Scheiße, aber ignorierbar? Ist dieser Teilbereich eine reale Gefahr für die gesunde Metal-Welt? Oder ist das nur dummes Gerede konservativer Metal-Elitisten? Schreibts in die Kommentare!


Du liest diesen Beitrag, weil unsere Autoren lieben, was sie tun - wenn du ihre Arbeit liebst, kannst du uns, wie andere schon, unterstützen. Wie? Mit einem kleinen monatlichen Beitrag über silence-magazin@patreon Patreon
Vorheriger Beitrag

Mehr als nur Panik - F41.0 im Interview

Nächster Beitrag

Ist denn schon Winter? – VIALS OF WRATH

2 Kommentare

  1. minuslik
    29. Juni 2017 bei 17:30 — Antworten

    Ich seh das locker. Der Metal gilt ja als ausgesprochen vielfältiges Musikgenre und daher hat ausgelassene Rambazamba-Musik für mich genauso einen Platz wie hinausgeschrieene Schwermut.

    Wenn man sich so umsieht, sind bspw. im Folk Spaßbands deutlich in der Überzahl, es ist fast alles lustig und tanzbar und heiter (es gibt sogar ein Festival namens »Tanzt!«) und trotz dem, dass für einige Bands bereits im Fernsehen Werbung gemacht wird (u. a. »Oonagh«, »Santiano«) ist auch dort die große Kommerzschwemme nicht eingetreten. Beispielsweise ist die wegen ihres Sängers wohl bekannteste Band »Eisbrecher« auf Last.fm mit ihren unter 200.000 Zuhörer noch meilenweit vom Kommerz-König »Unheilig« mit seinen 10 Millionen Zuhörern entfernt (auf Facebook sieht’s nicht anders aus).

    Und selbst wenn das Geld winkt: Sobald eine Band zu kommerziell wird, kriegt sie sofort von den Bands eine auf den Deckel, falls sie nicht gleich weglaufen. Das sieht man wunderbar bei Volbeat und deren »Outlaw Gentlemen & Shady Ladies«. Das brachte zwar den Durchbruch im Radio, hat der Band aber Rüffel eingebracht und zu »Seal the Deal & Let’s Boogie« geführt, dem meiner Meinung nach besten Volbeat-Album bis jetzt.

  2. TheRedTower
    29. Juni 2017 bei 8:18 — Antworten

    Mir persönlich kommt es eigentlich nur darauf an, dass die Musik mich anspricht und dass sie noch deutliche Metal-Merkmale hat (weshalb ich selbst mit “weichgespülterem” Rock oder auch Hardrock meist kaum was anfangen kann). Dabei mag ich aber sowohl den “Party-Metal” mit ultra-eingängigen Songs (die eher seichteren Songs von Alestorm, Battle Beast, Powerwolf, HammerFall…) als auch Party-untaugliches, Anspruchsvolleres mit ernsten Texten (Helrunar, Moonsorrow, Katharsis, Watain…). Jeder Stil hat seine Zeit, alles fühlt sich zu einer bestimmtem Zeit genau richtig an.

    Auf den großen/mittleren Festivals – nicht auf den kleineren, die ohnehin ein paar wenige ausgewählte Subgenres bedienen (z. B. Dark Easter Metal Meeting) – sollte allerdings schon auf eine gesunde Mischung aus partytauglicher Musik zum Feiern und ernstem Metal geachtet werden, sonst kriegt das ganze halt den faden Ballermann-Beigeschmack.

    Ich finde, es ist nicht wirklich eine riesige Gefahr für die Metalwelt, aber nur Elitisten-Gelaber ist es definitiv auch nicht. Irgendwo dazwischen liegt die Wahrheit…
    Leider dreht sich die Welt ums Geld, deshalb ist die Grundeinstellung von Bands, die die Musik um der Musik Willen machen, kaum hoch genug zu einzuschätzen.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.