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Zur fortwährenden Verstrickung

HAKEN öffnen Turen zu Vergangenheit und Zukunft des Prog

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HAKEN – Affinity
Veröffentlichungsdatum: 29.04.2016
Dauer: 61min
Label: INSIDE OUT MUSIC

Die Prog-Metaller HAKEN haben am 29. April ihr viertes Studioalbum namens „Affinity“ auf den Weg gebracht und mit ihren vorhergehenden Auskopplungen „Initiate“ und „The Endless Knot“ in mir eine emotionale Gefühlsachterbahn ausgelöst.

Während der erste Song absolut meinen Erwartungen an modernen Prog-Metal erfüllte und mich nur im Moment des Ersthörens an der Fortsetzung ihrer bemerkenswerten vorhergehenden Alben zweifeln ließ [„… hat der Sänger schon immer so sehr gejault? Oh nein, bitte, lass sie nicht softer geworden sein“], hatte ich schon sehr mit dem endlosen Knoten zu kämpfen.
Hier schimmerte mir viel zu viel des Modernen hindurch. Nun, woran mache ich das Moderne fest? Vor allem an einer sehr sauberen Produktion. Der glasklare Sound ist eins der Merkmale. Zum Zweiten – und daran habe ich mich gestoßen – der Einsatz von elektronischen Elementen.

Nein, nein, nein! Das geht zu weit.

Im Falle von „The Endless Knot“ wurde zu Dubstep gegriffen. Genau. Dubstep, dieses grausame Gequietsche und Geknatter, das an einen in die Jahre gekommenen Drucker erinnert. Ja, und so etwas im für mich so traditionsbehafteten Prog. Nein, nein, nein! Das geht zu weit.

In meinem ersten Schock habe ich sogar das sich anschließende, sehr versöhnlich stimmende Gitarrensolo überhört. Meine Erwartungen an das Album hatten einen fetten Knacks davon getragen und ich traute mich kaum mehr, der Release entgegen zu fiebern. Ich tat es dennoch. Zu Recht. Denn im Gesamtpaket ist mir das bisschen Elektrogehacke nicht einmal aufgefallen – es scheint sich sogar außergewöhnlich gut in das Konzept eingewoben zu haben. Ein Konzept, das moderne elektronische Elemente genauso in sich aufnimmt, wie auch die Synthie-Sounds der 70er und 80er Jahre, welche den Hörern des traditionellen Prog-Rock eine Gänsehaut über den Rücken jagen. Neben diesen Elementen sind sich HAKEN durchaus treu geblieben – sehr klare und gut nachvollziehbare, schwebende mehrstimmige Melodielinien gehen Hand in Hand mit äußerst rhythmischen, treibenden Passagen, die durch den darüber liegenden hohen Gesang von Sänger Ross Jennings den melodischen Zusammenhalt der Songs garantieren. Natürlich ist es damit nicht getan, denn die verschobenen Rhythmen, die sich die Jungs an einigen Stellen wieder zusammen geschustert haben, sind nicht von schlechten Eltern.
Dem geneigten Hörer wird hier ein zu erratendes Potpourri möglicher Zählweisen präsentiert.

Ich möchte vor allem den dritten Song des Albums, „1985„, herausheben, der mir als leidenschaftlicher Hörer des traditionellen Prog-Rock ganz besonders gut gefällt. Könnte der soft-poppige Synthie-Einstieg des Songs von einem Album der 1970er GENESIS stammen, geht es in dem zehnminütigen Wälzer ziemlich flink deutlich treibender, rhythmischer und vertrackter zu. Unterbrochen wird dies durch eine wunderbare Passage, die dem Fernsehserien-Theme von MacGyver Konkurrenz macht und sich langsam – mit einem Umweg über ein ausgiebiges Keyboardsolo – in einen modernen metallischen, für HAKEN ganz typischen, Song entwickelt. Für mich ohne Frage der Spitzenreiter des Albums!
Die Kombination aus Synthi-Drum-Sounds und Keyboard-Sounds der „guten alten Zeit“ und dem klaren Sound von Gesang und orchestralen Elementen bildet auf diesem Album für mich die perfekte Mélange aus altem und modernem Prog. Im Laufe des Albums entwickeln sich die zunächst noch recht soften Songs immer mehr zum Metal. „The Architect“ weist beispielsweise eine herzerwärmende Mischung aus Blast Beats und verspielt-vertrackten Melodie- sowie Rhythmuslinien auf, die sich immer wieder in atmosphärische, luftige, zum Teil instrumentalen, zum Teil geangsgeleiteten Passagen auflöst. Der sich anschließende Song „Earthrise“ lässt sehr an STEVEN WILSONs Scheibe „Hand.Cannot.Erase“ denken, jedenfalls in den Strophenteilen – klare Melodie, wenig rhythmisches Spiel, eigentlich schon astreiner Pop.

Dies wechselt sich jedoch recht schnell mit metallischeren Phrasen ab, die im Laufe des Songs auch die Oberhand gewinnen. Wie metallisch auch der Rest der Scheibe ist, fällt mir wieder und wieder mit dem letzten Song „Bound by Gravity“ auf, der schon fast erlösend minimalistisch und luftig daherkommt, die vorher aufgebaute Spannung in sich zusammen sacken lässt und den Zuhörer gekonnt auffängt.

Bild mit freundlicher Genehmigung von HAKEN

Autorenbewertung

8
Wessen Weg die bisherigen Studioalben der Briten gekreuzt hat, kann wohl kaum abstreiten, dass diese sich recht ähnlich sind. Mit „Affinity“ betreten Haken zwar auch kein musikalisches Neuland, schaffen aber mit einer meiner Meinung nach sehr gelungene Mischung verschiedenster Elemente, die der Prog in den letzten 40 Jahre fur sich beanspruchen konnte, ein inspiriertes Album, das sich von anderen Veröffentlichungen des Genres klar abhebt. Dem einen oder anderen mag dieser stilistische Bruckenschlag von alt auf neu sicher konstruiert vorkommen. Meinetwegen. Langweilig ist diese Kombination aber nicht - und das ist es doch, was den Prog ausmachen sollte.
ø 3.9 / 5 bei 3 Benutzerbewertungen
8 / 10 Punkten

Vorteile

- gewohnt starke Leistung hinsichtlich abwechslungsreichem Songwriting und herausfordernden Rhythmen
- keine Berührungsängste gegenuber neuen sowie altbekannten Elementen des Progressive Rock
- organische Einbindung elektronischer Elemente, die sich zu keiner Zeit nervig in den Vordergrund drängen

Nachteile

- auf Dauer wurde dem Gesang etwas mehr stilistische Variabilität nicht schaden, das heißt jedoch nicht, dass dieser nicht wie gewohnt überzeugen kann. Im Herzstück des Albums, „The Architect“, zeigt sich mit dem Einsatz von Gastsänger Einar Solberg immerhin schon der Wille zu härteren Tönen

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6 Kommentare

  1. […] stumpfe Draufkloppen, um Brutalität nur der Brutalität halber. Hört euch zum Beispiel die neue HAKEN Platte an. Oder eine meiner absoluten Lieblinge in diesem Bereich: INTRONAUT. Was ich bei diesen […]

  2. Jared G.
    5. Juni 2016 bei 21:18 — Antworten

    Ich war einfach nur weggeblasen. Nicht unbedingt, wegen der Durchgängigen Härte des songs sondern mehr wegen der vielfallt an ideen und fazeten.
    Das Lied ist (ohne das schlecht zu meinen) einfallsreich und abstrakt wie die Band „Muse“ nur halt in Härter und weniger Mainstream. Also Top. 9/10 (wobei ich noch nicht das gesamte Album kenne, das kommt noch dran!!!)

  3. Maximilian Birkl
    23. Mai 2016 bei 0:06 — Antworten

    Ok, ich kann die Punkte dieses Reviews verstehen, finde aber dennoch, dass sie sehr nachgelassen haben. Was Haken für mich (hier geht es wirklich nur um meine subjektive Meinung) ausgemacht hat, war dieses… wie soll ich sagen… Sie waren over the top. In Celestial Elixir zum Beispiel: Diese eingeschobenen Zirkus Melodien. Der rhythmische Gesangspart in Visions.
    The Mountain war für mich so ein Höhepunkt ihres Stils.
    Atlas Stone, Cockroach King, Falling Back to Earth. All diese Songs haben mindestens einen Part, der beim ersten mal hören völlig verstörend wirkt. Vertrackter Rhythmus, Disharmonien, verworrener Gesang. Aber auf Affinity ist das kaum noch zu finden. Es wirkt viel glatt gebügelter. Flacher.
    Aber wie schon erwähnt, das ist nur meine Meinung.

    • Nina
      Nina
      26. Mai 2016 bei 13:50 — Antworten

      Hi Max,

      stark waren die vorangegangenen Veröffentlichungen auf jeden Fall, und Celestial Elexier ist auch ein absoluter Knaller für mich. Irgendwie waren sie auch atmösphärischer, haben noch etwas stärker „Parallelwelten“ aufgebaut, ja.
      Was du da anführst – da bin ich ganz bei dir. Und dennoch freue ich mich, dass sie sich an neue alte Aspekte herangewagt haben und ihren Stil auf Affinity mal variiert haben. Ich bin auf die Fortführung gespannt, wer weiß, wo sie sich noch so hinbewegen…?

      Auf jeden Fall vielen Dank für deinen Kommentar! Man kann eben auf verschiedene Aspekte der Musik achten und ich finde es sehr bereichernd, dass du deinen Blickwinkel mitgeteilt hast 🙂

  4. Tante Hedwig
    19. Mai 2016 bei 23:14 — Antworten

    Habe diese Band zufälligerweise kurz vor dem hier erschienen Artikel aufgrund einer anderen Review Probe gehört. Ich würde meinen, dass man sich reinhören muss, aber mir machen die unterschiedlichen Facetten des Albums sehr viel Spaß 🙂
    Ich gehe da mit den 8/10 mit!

    Grüße,
    eure Tante

  5. Herr Karl
    19. Mai 2016 bei 16:57 — Antworten

    Mir persönlich ist das ganze diesmal zu verkopft. The Mountain war super, aber entweder muss ich mich hier noch reinhören oder es kommt nie. Vorläufig 6/10

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