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Vom Baumknutschen zum Dialog

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IF THESE TREES COULD TALK – The Bones Of A Dying World
Veröffentlichungsdatum: 03.06.16
Dauer: 54min
Label: Metal Blade

Atmosphärisch, brachial, instrumental!

IF THESE TREES COULD TALK ist sicher kein typischer Name für eine normale Metal-Band. Aber eine normale Metal-Band sind IF THESE TREES COULD TALK auch nicht – zum Glück, könnte man fast sagen. Die Musik der US-Amerikaner aus dem Staat Ohio lässt sich vermutlich am ehesten in das Spannungsfeld von Post-Rock und Post-Metal einordnen. Eine Verortung, die der Band aber eher zuwider ist. Sie selbst geben als ihr Genre „Post-Whatever“ an und halten sich so aus dem Sortierwahn gänzlich heraus und überlassen es dem Hörer – wie mich eben – dies zu entscheiden. Fest steht aber: hier treffen ruhige, atmosphärische Passagen auf harte Ausbrüche. Bisweilen zu hart für Post-Rock, bisweilen aber eben einfach zu ruhig für Metal.

Musikalisches Reifen und Wachsen

„The Bones Of A Dying World“ heißt das mittlerweile vierte Studioalbum der im Jahr 2000 gegründeten Band aus Akron, Ohio. Haben die Bäume der Artworks im Vergleich zum Zweitling „Above The Earth, Below The Sky“ auf dem dritten Album „Red Forest“ bereits ihre Nadeln verloren, ist auf dem neuesten Album nun endgültig der Winter eingebrochen. „Das Hier und das Jenseits“- „the here and the hereafter“, „Eiserner Gletscher“- „Iron Glacier“ – Album und Songtitel sind neben dem Artwork die einzigen inhaltlichen Anhaltspunkte, die die Band dem Hörer mit an die Hand gibt, denn Gesang sucht man hier vergeblich. Die Band lässt den Zuhörer mit den Klängen allein und gibt ihm so alle Möglichkeiten. Jedoch auch die Qual, sich und seine Gefühle zwischen zarter Zupferei und harten Gitarrenwänden wiederzufinden. Das Album und die Musik von ITTCT (wie sie wegen ihres langen Namens meist abgekürzt werden) ist sicher keine Musik für zwischendurch, keine Musik für den Shuffle Modus. Keine Musik für reine Metal-Partys und erst recht kein Sommeralbum. Weswegen der Release mitten im Juni doch etwas eigenartig anmutet, ist dieses Album doch der perfekte Soundtrack für den kürzesten Tag des Jahres: Die (Winter-) Sonnenwende oder eben „Solstice“. „The Bones Of A Dying World“ will als Ganzes wahrgenommen werden. Die Songs gehen zu weiten Teilen fließend ineinander über und bauen über die gesamte Spielzeit von fast einer Stunde eine dichte Atmosphäre auf.

…sie bleiben sich und ihrem Genre „Post-Whatever“ treu…

Diese Dichte überträgt sich auch auf den Sound des Quintetts, in dem drei Gitarristen mitwirken. Sie sorgen auch in den ruhigen Passagen dafür, dass die Musik immer dynamisch und vielschichtig wirkt. Die Soli überlagern sich und greifen immer wieder perfekt ineinander. Bei jedem Durchgang entdeckt man weitere Details in den komplexen Songstruckturen, die ähnlich wie der Eisberg, der das Cover des Albums schmückt, mehr bieten, als sich – oberflächlich betrachtet – vermuten lässt. Die vielen Rhythmuswechsel, die Verschleppung und Verschärfung von Tempo und die Mischung aus hart und weich. Dies sorgt dafür, dass beim Hörer – auch ohne Gesang – keine Langeweile aufkommt. Immer wieder sorgen die drei Gitarristen für einen eisigen Gitarrensound, der sich Schicht für Schicht aufbaut, um sich in massiven Ausbrüchen zu entladen. Diese Dominanz der Gitarren sorgt aber keinesfalls für Einseitigkeit. Vielmehr bietet diese exzessive Gitarrenarbeit dem Schlagzeuger Zack Kelley die Möglichkeit, mehr zu sein, als nur Taktgeber. Vielmals werden Takt und Rhythmus allein von Gitarren und Bass vorgegeben.
Der Schlagzeuger hat so den Freiraum, die Songs durch akzentuiertes Spiel um neue Facetten zu bereichern.

Albumcover ITTCT - The Bones Of A Dying World

Dass sich dieser Freiraum auszahlen kann, zeigt mein persönlicher Favorit auf dem Album, „The Given Tree“, der in seinen 6 Minuten beinahe alles liefert, was ITTCT zu einem Vorreiter des Genres macht. Nach dem ruhigen, sehr melodiösen Intro, welches nur durch Bass und Gitarre getragen wird, dauert es fast anderthalb Minuten, bis Schlagzeuger Zack Kelly erste Akzente setzt. Mit ihm entwickelt der Song mehr Zug, während sich im Hintergrund langsam die Gitarrenwände aufbauen. Doch statt nun, wie vielleicht zu erwarten, auszubrechen, wird das Tempo noch einmal verschleppt. Dieser Band schreibt niemand vor, wie sich Songs zu entwickeln haben. Erst als der Schlagzeuger wieder das Tempo anzieht und sich ein Gitarren-Solo in den Vordergrund drängt, schwingt sich der Song zum großen Finale auf.

Highlights – so viele Highlights!!!

Als weiteres Highlight entpuppt sich der mit über 8 Minuten längste Song des Albums „Iron Glacier“, welcher mit seiner Kontrastierung zwischen harten Drums und Gitarren und den geradezu leichten Melodien zu überzeugen weiß. Und damit geradezu prototypisch für den Stil der US-Amerikaner ist. Ein Kontrast, von dem beide Seiten des Sounds profitieren, und demzufolge bringen sie sich erst gegenseitig wirklich zum strahlen. Etwa nach der Hälfte des Songs drückt die Band den Reset-Button, das Intro wird wieder aufgegriffen und der Song wird neu aufgebaut. Ohne sich dadurch im Folgenden zu wiederholen und dadurch zu langweilen.

Auch wenn das Jahr noch jung ist und mit RUSSIAN CIRCLES ein weiteres Schwergewicht für dieses Jahr ein neues Album angekündigt hat, kann man davon ausgehen, dass „The Bones Of A Dying World“ zu den Genrefavoriten in den Jahresend-Bestlisten gehören wird. IF THESE TREES COULD TALK haben mit einem sehr starken Album nun aber erst einmal vorgelegt und können abwarten, ob die Genrekollegen diese hohe Hürde überspringen können.

Metal Blade Records
ITTCT@Facebook


Dies ist ein Gastautorenbeitrag von Josef

Bild mit freundlicher Genehmigung von Metalblade Records

Autorenbewertung

8
Mit ihrem vierten Studioalbum zeigen If These Trees Could Talk warum sie zu den absoluten Genregrößen gelten. Ruhige Melodien treffen auf harte Riffs und sorgen mit insgesamt 3 Gitarristen für eine sehr dichte Atmosphäre und vielschichtige Songs.
ø 4.1 / 5 bei 1 Benutzerbewertungen
8 / 10 Punkten

Vorteile

+ vielschichtige Arrangements
+ dichte Atmosphäre
+ sehr kontrastreich

Nachteile

- innerhalb des Genres nicht sehr innovativ
- nichts für gelegentliches Hören

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1 Kommentar

  1. minuslik
    27. Juni 2016 bei 22:55 — Antworten

    Wow, einfach wow.

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