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Über Mainstream, Depressionen und das Tourleben | VOLA im Interview

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Robert hatte zum diesjährigen Euroblast das Vergnügen, mit VOLA zu sprechen. Die Dänen haben sich für einen Tag von ihrer Tour mit KATATONIA und AGENT FRESCO abgesetzt, um auf dem Kölner Festival zu spielen. Im Interview berichten sie von ihren ersten Lektionen des Tourlebens, ihren Einflüssen und die Frage, wie Prog-Metalbands in den Mainstream geraten können. Außerdem unterhielten sie sich darüber, wie sich Metal-Stereotypen momentan auflösen. Bühne frei für: VOLA!

Robert: Wann seid ihr hier angereist? Heute morgen?

Asger: Eigentlich sind wir schon gestern angekommen. Wir haben uns kurzzeitig von der KATATONIA-Tour getrennt, um hier in Köln auf dem Euroblast Festival zu spielen. Nach unserer Show werden wir auch morgen in Berlin wieder zu Katatonia stoßen.

R: Ein Kollege von mir hat euch erst in Leipzig gesehen und fand’s ziemlich klasse. Wie läuft die Tour bislang? Ihr hattet schon ein paar Gigs zusammen, aber es stehen ja noch einige aus, stimmt’s?

Asger: Ja, genau. Neun sind es noch. Wir haben erst heute früh darüber gesprochen. Es fühlt sich an, als wären wir schon seit einem Monat auf Tour, weil so viel passiert. Dabei ist es gerade mal die erste Woche von sechs. Wir sind bisher noch nie getourt, sondern haben immer nur einzelne Shows gespielt. Deswegen ist das Tourleben – vor allem im Tourbus unterwegs zu sein und generell Routine zu bekommen – absolut neu für uns. Das verbraucht ziemlich viel Energie. Aber langsam lernen wir, wie das so alles geht. Nicht jeden Tag Alkohol zu trinken, das ist zum Beispiel eine Lektion, die wir gelernt haben. [alle lachen] Nur Wasser für uns!

R: Ist das tatsächlich eine persönliche Erfahrung oder etwas, das euch die alten Hasen verraten haben?

Nicolai: Nein, das wurde uns natürlich nicht so erzählt. Wir haben das für uns selbst herausgefunden, aber das macht es eben nicht einfacher. Vor allem, wenn du singst – ich singe die Backing Vocals und Asger die Leads – musst du deine Stimme schonen. Es wäre wohl das Unangenehmste, wenn du kurz vor deinem Auftritt keine Stimme hast. Wenn deine Stimme weg ist, dann ist das ziemlich peinlich. Du musst schon wenigstens etwas gesund leben.

R: Euer Album „Inmazes“ ist ja erst vor zwei Wochen erschienen. Ich frage mich da: wie sehr haben die Zuschauer auf euch überhaupt reagieren können? Ich vermute, dass es nicht so einfach ist, mit einem gerade erschienenen Album auf Tour zu gehen. Die meisten Leute kennen das Material vermutlich ja noch nicht. Wie sind da eure Erfahrungen?

N: Eigentlich haben wir das Album schon vor einem halben Jahr ein erstes Mal rausgebracht. Also konnten die Leute es auch schon vorher anhören. Das jetzt war eine Re-Release. Das ist in der Tat eine seltsame Sache. In unserem Fall haben einige das Material natürlich zum ersten Mal gehört. Es ist ungewohnt für uns, aber wir spielen jetzt hauptsächlich vor KATATONIA-Fans, die uns noch nicht kennen. Eigentlich kann man schon erkennen, ob es ihnen gefällt. Sie versuchen eben, die Musik in sich aufzunehmen, zu verstehen und sich eine Meinung darüber zu bilden. Dabei singen natürlich noch nicht alle mit, aber immerhin ein paar.

R: Eure erste EP kam 2011 raus, ist das richtig?

A: Wir hatten auch vorher schon eine EP herausgebracht. 2008 war das. Aber ja, die EP „Monsters“ kam 2011.

R: Was habt ihr so in der Zwischenzeit gemacht? Ihr habt gesagt, dass „Inmazes“ sowohl 2015 als auch jetzt ein zweites Mal veröffentlicht wurde.

A: Wir haben ungefähr ein Jahr dafür gebraucht, unsere Songs für „Inmazes“ zu schreiben, nachdem „Monsters“ fertig war. Wir haben das komplett selbst gemacht. Das heißt, dass wir auf dem Weg zur Fertigstellung einiges lernen mussten. Außerdem mussten alle entweder noch arbeiten gehen oder studieren, weswegen wir nicht die ganze Zeit daran arbeiten konnten. Der Prozess zog sich also eine Weile. Ein Jahr brauchten wir fürs Songwriting und zwei weitere für das Recording, Mixen und Mastern sowie die Versendung an Reviewer. Letztendlich haben wir es dann endlich am 15. Februar veröffentlicht. Dadurch haben wir jetzt einiges an Erfahrungen sammeln können. Das nächste Mal wird es mit Sicherheit schneller von der Hand gehen.

N: Tatsächlich könnten dieses Mal auch einige Leute darauf warten. Auch nach „Monsters“ haben schon einige neues Material erwartet, aber da war quasi kein Druck vorhanden… Allein, als wir hier zu unserem Raum gelaufen sind, wurden wir von einigen Leuten nach dem neuen Material gefragt. Ich glaube, dass die Tatsache, dass jemand darauf wartet, uns noch in unserer Arbeit beeinflussen wird.

Robert: Das ist ja ziemlich cool. Ich habe auch so das Gefühl, dass ihr euch jetzt mit dem Re-Release auf einer neuen Stufe befindet. Das nimmt jetzt alles schon größere Dimensionen an.

N: Ein paar Master-Tapes haben wir gerade erst rausgeschickt. Wir hatten keine Ahnung, was wir damit machen sollten, … Aber glücklicherweise half uns dann John, unser Manager. Er ist grad mal zwei Tage vor der ersten Release des Albums zum Management dazugestoßen. Er hatte also nicht so viel Zeit, um es überhaupt zu versenden.
A: Zur Zeit unserer ersten Veröffentlichung sind wir sehr abhängig von Social Media gewesen. Glücklicherweise gab es da ein paar Seiten, die über uns geschrieben haben.

R: Ihr habt tatsächlich ziemlich viele Likes auf Facebook. Das war mir gar nicht bewusst. Über 10.000 Likes sind es sogar. Das wird von einigen als ‚magical mark‘ bezeichnet… [alle lachen].

Noch eine Frage zu einem Gebiet, welches mich durchaus mehr beschäftigt: die Lyrics und Themen, die von euch abgearbeitet werden. Ich habe über euch gelesen, dass die Texte sich sehr damit beschäftigen, gefangen zu sein, und über Situationen, die emotional nicht händelbar sind. Als ich dann das Album gehört habe, erschien es mir aber ganz und gar nicht deprimierend oder so. Natürlich habt ihr melancholische Parts in euren Songs, aber auch positivere Passagen und Atmosphären. Wie geht das mit den Texten einher? Wie habt ihr das Konzept eures Albums entwickelt?

A: Wir sind ziemlich stark von melancholischer Musik beeinflusst, die sowohl düster ist als auch eine Art Lichtblick in sich trägt. Also die Gewissheit, dass es nicht immer ein schlimmes Ende nehmen muss und dass es einen Weg hinaus aus den Problemen geben kann. Das ist es beispielsweise, was ich an Steven Wilson so sehr mag. Viele mögen sagen, dass das depressive Musik sei, aber eigentlich ist es auf eine gewisse Art und Weise auch aufbauend. Denn wenn du dich schlecht fühlst, damit vielleicht allein bist, hast du ein gemeinschaftliches Gefühl durch die Musik. Ich würde behaupten, dass wir diese Szenerie über unsere Musik auch erzeugen wollen. Wir wollen düstere Themen behandeln, aber letzten Endes auch Hoffnung vermitteln.

Mich selbst fasziniert sehr, was glücklich sein eigentlich ausmacht. Für mich ist dieses Gefühl etwas, das einen gute Erinnerungen erschaffen lässt, auf die man später zurückblicken kann. Natürlich kannst du sehr glückliche Momente erleben – aber diesen Moment an sich, an den kannst du dich nicht erinnern. Er wird keinerlei Wert für dich haben. Das hat er nur, wenn du auch wirklich dabei warst. Wenn dein Kopf nur voll mit bedrückenden Gedanken ist, wirst du dich eher an die Gedanken als an die Situation erinnern. Danach wird deine Vergangenheit ausschließlich aus Bildern bestehen, die durch diese Gedanken geprägt sind. Es geht also letztendlich darum, aus diesen negativen Mustern auszubrechen und reine Erinnerungen zu erschaffen, die einen wirklich glücklich machen können.

R: Also könnte man sagen, dass sich das Album weniger darum dreht, gefangen zu sein als dass es vielmehr davon handelt, aus dieser Gefangenschaft zu fliehen?

A: Genau. Deswegen heißt es ja auch „Inmazes“. Weil es darum geht, herauszukommen, zu versuchen, das Gewirr aufzulösen.

R: Ich habe mitbekommen, dass ihr euch draußen über Rammstein und Meshuggah unterhalten habt. Vermutlich wird euch die Frage ständig gestellt…

N: Ich habe nur Späße gemacht. Ich habe über ein Album gesprochen und alle fragen, wovon wir speziell inspiriert worden sind oder wodurch diese Leute inspiriert wurden. Und dann antworten wir einfach … Überleg mal, eine Mischung aus PINK FLOYD, RAMMSTEIN und ein bisschen MESHUGGAH.
A: Das ist eben das, was das Label geschrieben hat – und damit muss es wohl richtig liegen.

N: Es war einfach witzig… Wenn du deine eigenen Texte liest und du feststellst, dass die Leute sich manchmal über deine vermeintlichen Einflüsse so sicher sind, dass sie definitiv diese Bands gehört haben müssen – aber du selbst eben nicht. Aber Menschen erleben und bemerken einfach unterschiedliche Sachen, wenn sie die Musik hören – abhängig davon, wie ihre Hörgewohnheiten sonst so sind.

R: Also sind diese Bands nicht unbedingt eure wichtigsten Einflüsse?

N: Genau. Wenngleich wir vielleicht auch in einem ähnlichen Gewässer fischen.

R: Ich war davon ausgegangen, weil ich den Eindruck hatte, dass euer Riffing dem von Meshuggah sehr ähnlich ist, aber vermutlich ist das einfach die Art eures Spiels. Das muss ja nicht unbedingt mit Meshuggah verbunden sein. Es hat auch viel vom Vibe der 70er, die ich ja auch mag. Einige Parts haben mich weniger an Pink Floyd erinnert als dass ich vielmehr King Crimson hier und da durchscheinen sah.

Wenn wir uns nun speziell das Euroblast ansehen, dann ist das ja ein sehr experimental-lastiges Festival. Denkt ihr, dass die Zukunft der harten oder extremen Musik vor allem im experimentellen Sektor liegen wird?

A: Ja, das ist eine wirklich gute Frage. Ich vermute, dass es diese techniklastige Musik immer schwer haben wird, eine breite Hörerschaft zu erreichen. DREAM THEATER sind zum Beispiel eine Band, die sehr technisch spielen und trotzdem die vermutlich größte Fangemeinde aufgebaut hat, die man mit dieser Musik überhaupt haben kann. Andererseits gibt es Bands wie THE MARS VOLTA, die ebenfalls sehr technisch sind und dennoch Zugriff auf den Mainstream haben. Das ist wirklich schwer auszudifferenzieren.

N: Letztendlich haben auch unbekanntere Genres dank des Internets gute Chancen, weltweit wahrgenommen zu werden und ihre Hörerschaft zu vergrößern. Wenn wir mal von unserer Musik ausgehen, ist es ziemlich sicher, dass wir in Dänemark selbst nichts tun könnten, um irgendwie bekannter zu werden. Die Leute, die Musik, wie wir sie spielen, mögen, kennen uns bereits. Das Internet gibt uns die Möglichkeit, einfacher Leute auf der ganzen Welt für unsere Musik zu begeistern. Es gibt so die Möglichkeit, überhaupt in kleineren Städten zu spielen, selbst wenn man seltsame Musik macht.

A: Aber noch mal zurück zum Mainstream. Vermutlich sind melodische Gesangslinien das, was dafür essenziell ist. VOLBEAT könnte man beispielsweise als Metalband sehen, die aber Melodiegesang mit hohem Wiedererkennungswert hat. Deswegen konnten sie eine so größe Hörerschaft für sich gewinnen, wie es einer Deathmetalband wohl nicht möglich wäre. Es geht vermutlich wirklich darum, den Gesang so zu produzieren, dass er angenehm anzuhören ist.

N: Abgesehen davon wollen doch gar nicht alle Bands Mainstream sein. Jeder findet seinen Platz in der Bandlandschaft.
A: Besonders schön zu sehen ist, dass eine Band wie GOJIRA ziemlich bekannt werden konnten und trotzdem immer noch extrem brutal und aggressiv sind. Das zeigt, dass eine große Bekanntheit erreicht werden kann, selbst wenn man harte Musik macht. Sie sind eben sehr melodiös in ihrem Gesang, auch wenn alles andere sehr brutal ist. Die hohen Screams sind natürlich auch ziemlich cool.

R: Ich habe den Eindruck, dass sich die Genregrenzen hinsichtlich dessen, was in der Musik selbst thematisiert wird, langsam lockern. FALLUJAH ist z.B. eine der Bands, die das emotionale Spektrum dessen, was sie behandeln und was damit auch Einzug in den Metal hält, deutlich erweitern.

Zum Vergleich würde ich da mal CANNIBAL CORPSE heranziehen, die nur Hass und Aggression als Leitthemata haben. Mir gefällt das, dass Bands wie eben FALLUJAH oder BLACK CROWN INITIATE die klassische Metal-Thematik um andere Gedanken erweitern, anstatt immer auf denselben Stereotypen herumzureiten.

A: Wir sind tatsächlich dessen überdrüssig, dass Metal immer irgendwie mit der Farbe Schwarz, mit Totenschädeln oder der Hölle assoziiert wird. Natürlich ist das gerade sehr sehr verallgemeinert, was ich hier sage. Aber auch wir bemerken momentan einige Bands, deren Musiker aussehen, wie die normalen Typen von nebenan und trotzdem echt harte Musik spielen. Damit zeigen sie ja, dass es im Metal eben nicht nur darum geht, lange Haare zu haben oder sich ausschließlich schwarz zu kleiden. Das ist in der Tat ziemlich erfrischend.

R: Ich glaube ja, die Szene sollte sich noch weiter bewegen. ANIMALS AS LEADERS ist so eine Band, die einen ausgeprägten Einfluss aus dem Jazz haben. Damit ist es eben eine Art von Musik, die sich in eine musikalischere Richtung bewegt. Eher Mainstream-orientierte Hörer nehmen das tendenziell wohl als Musik wahr, als die Leute, die vorwiegend im Deathmetal unterwegs sind. Deren Reaktion ist vermutlich viel eher: Was soll das denn? Das ist doch nur technisches Rumgewichse!

N: Ja, es kann schon wirklich schwierig sein, wenn man sein Instrument seit langer Zeit spielt und sich dann versucht zu erinnern, welche Musik einen eigentlich zu Anfang getriggert hat. Irgendwann wird man in seinem Spiel so technisch und so schnell, weil man das ganze abgefahrene Zeug übt. Man hört dann einfach neue Musik, hört anders hin und entdeckt ganz neue Qualitäten. Es fällt schon schwer, sich darauf zurückzubesinnen, was man wirklich gut fand als man mit dem Spielen angefangen hat.

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R: Eine letzte Frage habe ich noch. Ich bin immer sehr daran interessiert, unbekanntere Bands zu entdecken. Welche Bands, Künstler oder Alben haben euch dieses Jahr richtig beeindruckt?

VOLA: Zum einen die neue Platte von MODERAT. Das ist für mich eine sehr interessante Herangehensweise an elektronische Musik, ist aber auch sehr düster und melancholisch. Eine Kombination, die ich mag. BLAUBLUME aus Dänemark, die sehr melodisch sind, aber so gar keinen Metal spielen, sind mir noch aufgefallen. Der Sänger singt sehr hoch und hat dabei eine wunderbare Stimme. Vermutlich werden sie in der Zukunft etwas bekannter werden. Bislang sind sie das nur in Dänemark.

Außerdem gibt es eine norwegische Band namens RENDEZVOUS POINT, bei denen Baard Kolstad von LEPROUS trommelt. Das sind allesamt sehr talentierte Musiker, die gern mal Quintouplets oder solche Späße spielen. Die sind GOJIRA dahingehend ziemlich ähnlich, weil sie dasselbe Riff über vier Minuten spielen. Für die sehe ich auch gute Chancen auf einen Aufstieg. Ansonsten fallen mir nur größere Bands wie TAME IMPALA ein. Aber die kennt man wohl schon…

R: Okay, cool! Danke für eure Tipps und das nette Gespräch. Ich wünsche euch nachher einen guten Gig und weiterhin eine tolle Zeit auf eurer Tour mit KATATONIA.

 

Interview: Robert
Übersetzung & Text: Nina


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