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Aus den Unweiten des polnischen Klang-Kosmos

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Label: Long Branch Records / SPV
Release: 6. Mai 2016
Dauer: 43:52 min

Weniger ist manchmal mehr? Stimmt nicht. Mehr ist mehr! In diesem Fall: mehrmals hören ist mehr hören. Und häufiger hören ist häufiger hören wollen. Verwirrt? Tut mir leid. Bringen wir mal Stück für Stück Ordnung ins Geschehen.

Du hörst einen neuen Silberling komplett durch. Du wartest und wartest, dass etwas passiert, das dich wegbasht, doch der Funke springt einfach nicht über. Nach dem ersten Mal denkst du dir: „Waren zwar coole Momente dabei, aber so richtig wars nix.“ Das gilt übrigens meist grundsätzlich für erste Male – nicht nur in der Musik.

Tja, entweder, weils einfach so ist, oder weil du wie Google, Yahoo und Bing einfach nur gesucht hast, was das Zeug hält.

Schade. Hm, und nun? Naja, erstmal sacken lassen – später nochmal reinhorchen. Vielleicht wirds ja noch was. Gesagt – getan. Du versuchst, bewusster Einzelheiten und Hintergrundgeräusche wahrzunehmen, die du beim ersten Durchlauf überhört hast. Und du stellst fest: „Oha! Es gibt echt noch viel zu entdecken!“ Du leierst dir die Scheibe weitere drei, vier, fünf Mal rein und erfreust dich jedes Mal mehr an ihr, weil du immer neue Dinge entdeckst, die vorher an dir vorbeigewandert sind…irgendwie. So weit – so gut. Jetzt hattest du zwar Spaß, „Finde die versteckten Elemente!“ zu spielen, aber so richtig haut dich die Platte immer noch nicht um. Warum? Tja, entweder, weils einfach so ist, oder weil du wie Google, Yahoo und Bing einfach nur gesucht hast, was das Zeug hält. Und dabei hast du einfach nichts auf dich wirken lassen.

Tides from Nebula

Also: Ein weiteres Mal auf Abspielen drücken (auf Neudeutsch: „Play“), Augen zu – und bitte! Nach anfänglichen Startschwierigkeiten funkts nun irgendwie doch. Hä? Ja, wirklich, und zwar derbe! Es ist eben manchmal wie im wahren Leben – es gibt Platten, in die verliebt man sich auf den ersten „Blick“, und es gibt Platten, da dauerts, bis man merkt, dass man hier an der richtigen Adresse ist. Und so ein wenig gedauert hats für mich auch bei der aktuellen TIDES FROM NEBULA – Scheibe mit dem Namen Safehaven“.

Hohe, weit entfernte Synthies und Elektro-Einflüsse treffen auf tiefe Gitarren und Bässe mit dicken Eiern.

Die polnische Post Rock-Truppe schafft schon verdammt viel Atmosphäre. Man muss sie nur etwas bewusst wahrnehmen und auf sich wirken lassen. An sehr vielen Stellen fühlt man sich, als würde man im Orbit durch die Botanik flattern. Es entsteht eine derbe Breite – hohe, weit entfernte Synthies und Elektro-Einflüsse treffen auf tiefe Gitarren und Bässe mit dicken Eiern. Oft passieren dabei Dinge, die für unser von vornherein stumpf gestricktes Taktgefühl à la „Einmal mitklatschen im deutschen Fernseh-Garten, bitte!“ anfangs ziemlich unvorhersehbar und undurchdringlich sind. Abgefahrene Wechsel in der Rhythmik und der Wechsel von ruhigen Parts mit unverzerrten Gitarren und solchen, die recht mächtig scheppern, macht das Ganze so verdammt einzigartig und spannend.

Bei dieser Platte hast du nicht ein einziges Mal das Gefühl, dass der Gesang fehlt.

Was noch dazukommt: Das gesamte Werk (und ich glaube TIDES FROM NEBULA generell) kommt ohne Gesang (!) aus. Oft findet man ja die Instrumental-Versionen von Bands bei Youtube, die eigentlich einen Sänger haben. Und dann denkt man sich: „Mann, du! Was Gesang so ausmacht! Ohne Gesang ist das ja nur halb so spannend.“ Lasst euch gesagt sein: Bei dieser Platte hast du nicht ein einziges Mal das Gefühl, dass der Gesang fehlt. Und das ist ohne das Gebrüll, das man fast schon erwartet, ziemlich beachtlich. Respekt!

Einer der besten Songs des Albums ist für mich „Knees To Earth“. Und das, obwohl mir das „Gedudel“ anfangs sogar etwas auf den Nerv ging (ein weiteres Indiz dafür, dass die Platte etwas mehr Zeit benötigt, ehe sie wirkt und ankommt). Der Titeltrack „Safehaven“ sowie der Song „The Lifter“ gehören für mich ebenfalls zu den absoluten Höhepunkten des Albums.

 

Das vierte Album der Warschauer Post Rocker empfehle ich jedem, der auf echt guten, progressiven Post Rock steht. Wer beispielsweise die aktuellen Lantlôs-Geschichten mag, wird hiermit definitiv vollauf zufrieden sein. TIDES FROM NEBULA sind einfach um einiges spannender als manch andere Truppe aus diesem Genre. Keine unnützen langen Wiederholungen, die endlos langweilen, sondern einfach auf den Punkt.

Webseite: Tides from Nebula

Facebook: Tides from Nebula FB

Bild mit freundlicher Genehmigung von Tides from Nebula

Autorenbewertung

7
Tides from Nebula sind einfach um einiges spannender als manch andere Truppe aus diesem Genre. Keine unnütze langen Wiederholungen, die endlos langweilen, sondern einfach auf den Punkt.
ø 3.3 / 5 bei 3 Benutzerbewertungen
7 / 10 Punkten

Vorteile

+ verdammt viel Atmosphäre
+ oft sehr proressiv und unvorhersehbar
+ viel Abwechslung

Nachteile

- man muss es mehrmals hören, ehe es wirkt

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