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Tränen bei DEFTONES in Berlin

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DEFTONES /w THREE TRAPPED TIGERS
15.06.2016. Berlin, Columbia Halle.

Es ist kurz nach 21 Uhr, ich stehe dicht gedrängt zwischen Leuten die ich gern hab und Menschen die ich nicht kenne, die mir allerdings etwas mit ihrer überlegenen Körpergröße den Blick auf die Bühne versperren. Während sich die Aufbau-Mäuschen – wie sie meine beste Freundin immer nennt – langsam von der Bühne entfernen, spürt man schon die Spannung und Vorfreude der Leute um einen herum. Ich kann sie verstehen, denn für mich wird gleich weit über eine Dekade des Wartens ein Ende haben, wenn die DEFTONES die Bühne betreten.

Gleich nun werde ich endlich die Band, nachdem ich diese schon seit 16-17 Jahren kenne und liebe, zum ersten Mal live erleben. Ich hoffe darauf Songs zu hören, die mich durch viele emotionale Hochs und Tiefs meines Lebens begleitet haben. Erstaunlicherweise bin ich allerdings ziemlich entspannt. Okay…meine Füße, Knie und Schultern tun inzwischen vom ewigen rumstehen und warten derbe weh. Insbesondere weil die Vorband THREE TRAPPED TIGERS eine geschlagene Dreiviertelstunde spielen durfte, was für die Band vielleicht ganz okay war, aber angesichts der Tatsache, dass die Jungs am nächsten Tag gleich nochmal in Berlin eine eigene Headline Show spielen dürfen doch etwas too much. Die drei Engländer haben jedoch als Opener in meinen Augen sehr gut funktioniert, „instrumentaler Noise-Rock“ behauptet Wikipedia hier, kann man so stehen lassen. Am besten hört man hier einfach selbst rein um sich eine Vorstellung dieser Band zu machen.

Stephen Carpenters Haare wehten wild im Wind des Ventilators

Nachdem die drei gefangenen Raubkatzen endlich fertig waren und der Umbau in vollem Gange war, wurde es langsam ernst. Wo ich vor 15 Minuten noch sehr bequem mit einigem Platz um mich herum stehen konnte, drängten sich auf einmal so viele Menschen in den Saal, dass ich unfreiwilligen Körperkontakt eingehen musste und es anfing ungemütlich eng zu werden. Doch bevor meine Ungeduld in Genervtheit umschlagen konnte, ging das Licht aus. Die Menge wurde laut und ohne großes Tamtam betraten die Kalifornier die Bühne. Stephen Carpenters Haare wehten wild im Wind des Ventilators als er das erste Riff auf die Menge los ließ: Rocket Skates! Stillstehen war ab sofort nicht mehr möglich, ob man wollte oder nicht! Der Mob vor der Bühne begann von der ersten Sekunde an, sich in ein tosendes Meer aus warmen und nassen Körpern zu verwandeln. Gott sei Dank war zu wenig Platz, als dass der Pit wirklich hätte eskalieren können. Die Band legte gleich mit zwei meiner Lieblingsnummern nach: My Own Summer und Be Quiet and Drive. Ich befinde mich im Himmel, die Luft dort ist zwar irgendwie stickig und alles um mich herum sehr schwitzig, aber egal. In seiner ersten Rede an die Nation lässt Chino uns wissen, wie dankbar sie seien, dass wir alle erschienen sind, obwohl das Konzert bereits im November hätte stattfinden sollen. Gern geschehen! Die ersten 4-5 Songs waren leider viel zu schnell vorbei und etwas schade fand ich, dass der Sound sich erst danach eingepegelt hat. Vorher empfand ich die Gitarre leider eine Spur zu leise aber das sind alles Peanuts.

Die Band ist in Topform und reist das Publikum von Song zu Song immer wieder mit und ich bemerke erste Ermüdungserscheinungen. Nicht bei den Musikern, sondern beim Publikum. Doch dann kommt der Teufelsdreier des Sets: Rosemary, Diamond Eyes und You’ve seen the Butcher sollten dir endgültig die Füße wegziehen. Unglaublich fette, tiefe Riffs werden uns entgegengeschleudert und wer hier nicht wenigstens mitnickt, hat sich offenkundig auf dem Weg zum Paul McCartney Konzert verlaufen. Munter wird sich weiter durchs Set gekämpft und auch neue Songs wie Prayers/Triangles oder Hearts/Wires aus dem aktuellen Album GORE finden ihren Platz. Als das Schlagzeug Digital Bath anspielt, zücke ich so schnell ich kann mein Handy und versuche diesen Song für mich festzuhalten. Es gibt viele Leute die sich darüber beschweren, dass Leute ständig mit ihren Handys dastehen und Fotos oder Videos machen. Tatsache ist: Das ist mein Lieblingssong! Die moderne Technik erlaubt es mir diesen Moment zu speichern und immer wieder anzusehen, warum also nicht? Immerhin brauche ich nur den Arm hochhalten. Mein Blick bleibt trotzdem weiter zur Bühne gerichtet bzw. zum Hinterkopf des Typens vor mir. Danach verschwand das Handy sofort wieder in der Hosentasche als plötzlich mächtig Bewegung in den Pit kam und alle lauthals bei Knife Party mitsangen.

„Today is Chi’s Birthday…“

Dann kam der Moment in dem es mich kälter erwischte als ich angenommen hätte. Es folgte keine lange Rede von Chino Moreno, nur ein paar Worte in denen er erklärt, dass ihr vor 3 Jahren verstorbener Bassist Chi Cheng immer bei ihnen sein wird. Doch bei dem Satz „Today is Chi’s Birthday…“ blieb mir ein kleiner Kloß im Hals stecken und es folgte der melancholische Song Change (In the House of Flies). Ich bin bei Leibe kein Mensch der nahe am Wasser gebaut ist und ich kann mir auch nicht genau erklären warum, aber als ich da stand und den Text mitgesungen hatte, entwichen mir ungewollt einige Tränen gegen die ich absolut machtlos war. Vielleicht war es die Gesamtheit des Augenblicks, in dem die Band ihrem Freund ausgerechnet diesen Song widmete, das Publikum Chinos traurig klingende Lyrics mitsang und ich unbewusst an meinen kürzlich verstorbenen Großvater denken musste. Das sind Konzerte die dir ewig in Erinnerung bleiben, weil sie irgendwo in dir einen Nerv treffen und sich dort einbrennen.

Noch ein paar Songs und das Set der DEFTONES ist so gut wie vorbei, doch der vorerst letzte Song soll Rubicon heißen, welcher ebenfalls das Schlussstück des aktuellen Albums bildet.
Aber welches Konzert endet ohne eine gute Zugabe? Ein letztes Mal kommen sie auf die Bühne und hauen uns Engine No. 9 vom Debut-Album ADRENALINE um die Ohren. Ich wollte nicht dass dieses Set jemals endet, aber es sollte nur noch ein Song folgen bevor der Heimweg angetreten werden musste. Den krönenden Abschluss sollte Headup bilden, und auch wenn hierzu keine Ansage erfolgte, konnte ich beobachten wie Chino seinen Bandkollegen durch Zeichen und kurze Absprachen zu verstehen gab, dass er diesen Song offenbar eher ungeplant spielen möchte. Dieser bestach damals dadurch, dass auf ihm auch SOULFLY Frontmann Max Cavalera zu hören war, denn die beiden hatten das Stück geschrieben um den Verlust von Dana Wells zu verarbeiten der nicht nur Cavaleras Stiefsohn, sondern auch ein enger Freund von Chino war. Das Konzert ist vorbei und inzwischen sind nicht nur die Leute völlig durchnässt, sondern es beginnt auch schon von der Decke zu tropfen. Also ab nach Hause, die Eindrücke des Abends verarbeiten und in einem viel zu langen Artikel niederschreiben. Rückblickend betrachtet war es ein intensives sowie emotionales Ereignis und für mich schon jetzt eines der absoluten Highlights meiner bisher erlebten Live-Events..

PS.: Laut Wikipedia, is Chi Cheng am 15. Juli und nicht Juni geboren. Keine Ahnung wer hier falsch liegt, aber es ändert für mich eh nichts am Konzerterlebnis.

Für alle Neugierigen hier die vollständige Setlist:

  1. Rocket Skates
  2. My Own Summer (Shove It)
  3. Be Quiet and Drive (Far Away)
  4. MX
  5. Swerve City
  6. Rosemary
  7. Diamond Eyes
  8. You’ve Seen the Butcher
  9. Prince
  10. Prayers/Triangles
  11. Hearts/Wires
  12. Digital Bath
  13. Knife Prty
  14. Change (In the House of Flies)
  15. What Happened to You?
  16. Around the Fur
  17. Rickets
  18. Rubicon
  19. Engine No. 9
  20. Headup

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