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Staubige Saloons und Klecksbilder

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KATLA – Embryo
Veröffentlichungsdatum: 30.09.2016
Dauer: 44:20 Min.
Label: Svart Records
Stil: Psychedelic Rock/ Stoner Rock

Das Retro Rock so ein großes Revival in den letzten Jahren erfährt, hätte ich kaum erwartet. Seitdem Größen wie GRAVEYARD (leider aufgelöst!) oder BLUES PILLS eindrucksvoll bewiesen haben, dass Musik aus den 60er beziehungsweise 70er Jahren noch lange nicht tot ist, sprießen auf dem ganzen Erdball neue Bands wie Pilze aus dem Boden und bieten eine gehörige Portion Vielfalt, die es zu entdecken gilt. 2010 gründete sich die Stockholmer Viererkombo KATLA und bietet nunmehr 6 Jahre lang eine feine Mixtur aus krautiger Schrägheit, fuzziger Stonerkante und einem leichten Touch an heimischen Folk-Rock. Als ich die Platte starte und mir sehr erheitert die Promobilder ansehe, überzeugt mich sofort der analoge Klang und meine eh schon großen Ohren öffnen sich noch mehr, als eine verträumte, dennoch vollmundige Stimme ertönt.

katla band photo

KATLA spielen nämlich keinen drögen Hippiekram, welcher mit Alibi-Okkultismus und typischer Trällerelse auf sich aufmerksam machen möchte, sondern liefern ein reifes Stück an Musik ab, das durch sphärische Bilder und fantastische Gitarrenmelodien besticht. Frontfrau Lisa schafft es sofort mit ihrem Organ mich zu betören und beschert mir eine Gänsehaut vom allerfeinsten. Die Formel „Schneller, höher weiter“ kann somit gekonnt ausgehebelt werden, denn diese Vocals überzeugen mehr mit ihrem warmen Spektrum der eigenen Stimmbänder, als Weingläser und Glasscheiben erzittern zu lassen und erinnern frappierend an Jessica Thoth von JEX THOTH. Stattdessen werden lieber die Wurzeln des schwedischen Folk-Rocks freigelegt und überraschen den Schreiberling mit dezenten Streichern in „Circles“ und „Illusion“.

Apropos „Illusion“: Liebe Freunde des Retro/Psychedelic Rocks, hier habt ihr eine Blaupause davon, wie man einen Hit schreibt! Allein das Ende mit seinen ausufernden Leadgitarren schickt dich auf einen Trip, von dem du dich nicht so schnell erholen wirst. Eine Granate wie „Horsehead“ hingegen überzeugt als härtester Kandidat auf diesem Release und lässt das Herz des Stoner Rock-Jüngers höher schlagen, aber danach sinkt das Härtelevel bei „Endless Journey“ ziemlich nach unten. Das verwirrt mich zunächst ein wenig, denn erst nach ca. 3 Minuten schwillt der Song wieder an. Das ändert sich auch auf den nachfolgenden Liedern nicht großartig, denn die Rezeptur bleibt oft gleich. So startet auch „Embryo“ als Titelsong sehr verhalten, hat aber ein sehr fesselndes Kopfkino parat, in welchem ich mit meinem Gaul durch den Staub reite, auf der Suche nach dem nächsten Saloon, damit meine trockene Kehle bewässert werden kann, während „I’m Your Queen“ mich erneut mit einem Zauberspruch belegt.

 

Genug geschwelgt, ihr wollt ja auch wissen, ob es an der Platte etwas zu bemängeln gibt und nicht nur meinen Lobhuldigungen folgen.

Wenn ich etwas bemängeln kann, dann vielleicht die „fehlende Härte“. Es gibt einfach zu viel von diesen Ensembles, die sehr poppig agieren und dadurch eine Sättigung hervorgeführt haben, die bei mir bis heute größtenteils anhält. Trotz der erdigen Gitarren mit ihren bekifften Soli muss ich sagen, dass „Endless Journey“ oder „Circles“ mir zu radiotauglich sind. Immerhin wagen KATLA das Experiment, ein Teremin in die Songs hineinzuweben, und bauen dadurch spacige Kulissen à la HAWKWIND.

Bevor ich es vergesse: Das Frontcover ist auch jetzt noch für mich ein Rätsel. Sehe ich manchmal eine Art Vogel in bunten Klecksen oder einen lächelnden Wal, geht mir Minuten später der Gedanke „eines Niesanfalls aus Farbtropfen“ nicht mehr aus dem Kopf (und nein, ich habe keine kosmischen Visionen). Kunst kann einen schon stutzig machen, eventuell seid ihr ja schlauer und könnt mich über das Bild aufklären.

katla_cover (Large)

 

Bild mit freundlicher Genehmigung von Katla

Autorenbewertung

7
Für ein Debütalbum legen KATLA die Messlatte sehr hoch und beweisen, dass das Thema Retro-Revival noch lange nicht gegessen ist. Statt altbackenen Riffs werden gekonnt Instrumente wie Geige oder Teremin mit den Songs verwoben. Das gibt frischen Input für alle, die sich in diesem Genre wohlfühlen und nach dem nächsten Leckerbissen Ausschau halten.
ø 0 / 5 bei 0 Benutzerbewertungen
7 / 10 Punkten

Vorteile

+ natürliche Albumproduktion
+ eine Stimme zum Dahinschmelzen
+ viele Songs haben Wiedererkennungswert

Nachteile

- einige Stücke sind zu poppig/radiotauglich

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