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Über Natur, den Untergrund und Politik im Black Metal. Ein Interview mit Chris von WINTERFYLLETH

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Soeben haben die Briten von WINTERFYLLETH ihr neues Album „The Dark Hereafter“ veröffentlicht. Doch nicht nur aufgrund dessen sammelten sich bei mir einige Fragen an, die ich Gitarrist und Sänger Chris Naughton stellen wollte. Äußerst eloquent und umfangreich antwortete mir der Brite zu dem aktuellen Stand von Themen zwischen Weltgeschehen und Black Metal-Szene. Viel Spaß!

Robert: Hallo Chris!
Danke für deine Zeit und dafür, dass du dieses Interview mit uns machst!
Glückwunsch zur neuen Platte, ich mag sie sehr! Allerdings war ich etwas überrascht, als ich sie mir zum ersten Mal angehört habe. Denn sie fühlt sich ziemlich kurzweilig an. Und tatsächlich ist es auch kürzer, als eure vorherigen Alben, die fast alle die 60 Minuten-Marke geknackt haben. Habt ihr „The Dark Hereafter“ bewusst kürzer gestaltet?

Chris: Ich würde nicht sagen, dass das eine bewusste Entscheidung war. Es hat uns gefallen, wie die Songs zueinander gepasst haben und was für einen Fluss die Platte hat. Wir versuchen immer sehr selbstkritisch zu sein und jedes Mal gute Songs zu schreiben, wenn wir etwas erschaffen. Wir schreiben eigentlich immer, auch zwischen Alben und haben die nächsten zwei Alben schon so gut wie fertig.
Bei dieser Veröffentlichung wollten wir, dass die Songs teilweise eine andere Stimmung aufbauen können und haben es zugelassen, dass manche von ihnen wesentlich länger und ausufernder sind, als je zuvor. Das bedeutete für uns, dass wir unterschiedliche Herangehensweisen an das Songwriting ausprobieren konnten und die Songs viel mehr wachsen, sich aufbauen und schichten konnten. Auf der Kehrseite ist der Titelsong vermutlich der kürzeste und einer der schnellsten, die wir jemals aufgenommen haben, sodass es innerhalb des Materials insgesamt einen interessanten Kontrast erzeugt.

Robert: Der Song „Pariahs Path“ war bereits ein Bonustrack auf dem „Divinations“-Album. Wann habt ihr denn angefangen, Ideen für „The Dark Hereafter“ zu sammeln und gab es Dinge, die ihr schon immer mal ausprobieren wolltet, für die jetzt aber der optimale Zeitpunkt gekommen war?

Chris: Dieses Album ist eine Fortsetzung und Erweiterung der Themen, die wir auf „Divinations“ bereits angefangen haben und soll diese nun abschließen, bevor wir mit dem folgenden Album dann ein neues Kapitel eröffnen. Momentan hoffen wir, dass das Album nach „The Dark Hereafter“ in ungefähr einem Jahr folgen kann.
„Pariahs Path“ sollte ursprünglich sowieso nur hierauf erscheinen. Aber die Labels wollen immer irgendwelches Bonusmaterial für die Spezialausführungen, obwohl der Song niemals für „Divinations“ bestimmt war. Ich wäre auch überrascht, wenn der Großteil der Fans den Song schon kennen würde, also haben wir ihn als vollwertigen Song nochmal hierauf gepackt, um ihm die Stellung zu geben, die ihm gebührt.

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Robert: Welche anderen Bands oder welche Musik inspiriert euch? Seid ihr eine Band, die sich in ein bestimmtes natürliches oder emotionales Umfeld begeben muss, um schreiben zu können?

Chris: Wir hören alles mögliche von Black Metal über Dark Ambient bis zu Folk Musik. Ich denke, dass es wichtig ist, in die Natur einzutauchen und eine Art spiritueller Verbindung dazu aufzubauen und daher Inspiration zu bekommen. Der Song „Green Cathedral“ behandelt genau dieses Thema. Unser guter Freund und Autor Ben Myers hat das für unser Booklet zusammengefasst. Da er besser mit Worten kann, als ich, werde ich ihn nun zitieren:

„Die grüne Kathedrale ist jener unchristliche Ort, den man dort findet, wo die Straßen enden.
Es sind die Moore, die Berge, die Sümpfe. Es ist ein Ort an dem sich verworrene Wurzeln tief in den Erdboden graben und sich Zweige in Richtung einer ungewissen Zukunft erstrecken. Es sind die Tümpel, die Felsen und die Wälder, wo sich Wasser seinen Weg bricht, Füchse ihr geflecktes Maul mit Blut tränken und nistende Raben all das von ihren Horsten in den Baumwipfeln beobachten.
Die grüne Kathedrale überschreitet Politik oder Religion. Sie liegt hinter Grenzen und Schranken. Ihre Tore sind offen für all jene, die die Fähigkeit haben, innezuhalten, zu beobachten und ihrem Atem zu lauschen. Ihr Herz in ihrer Brust schlagen zu hören, das Salz einer einsam fallenden Schweißperle zu schmecken.
Für viel zu lange Zeit hat die Menschheit versucht, die Landschaft zu zähmen, zu verstümmeln und zu kolonisieren. Es ist an der Zeit zu begreifen, dass wir nur Besucher sind. Schönheit in der Natur und Heiligkeit in dem, was uns umgibt zu finden, und sie zu schätzen, wie andere sklavisch fiktionale Gottheiten schätzen, das ist unsere einzige Hoffnung, um die totale Zerstörung der Umwelt zu ermöglichen. Wir alle müssen unsere eigene grüne Kathedrale finden und zu ihr gehen.
Unter den gepflasterten Straßen liegt die Erde. Die Würmer erwarten uns.“

Robert: Die Black Metal-Szene wächst und gedeiht meiner Meinung nach. Wie siehst du die gegenwärtige Entwicklung, sofern du sie denn verfolgst? Schon allein auf eurem Label Candlelight gibt es ja viele Bands, die das stumpfe Black Metal-Einmaleins hinter sich lassen, da stellt ihr keine Ausnahme dar.

Chris: Das würde ich gerne in zwei Teilen beantworten, wenn ich darf.
Zunächst: Es gibt in den letzten Jahren immer mehr Bands aus Großbritannien, was mich sehr freut. Vor 10 Jahren, als wir gerade anfingen, gab es kaum eine jüngere Black Metal-Band aus UK.
Seitdem gab es eine Handvoll entscheidender Bands, die den Weg für die nächste Generation geebnet haben. Dazu würde ich uns zählen, WODENSTHRONE, FOREFATHER, FEN und A FOREST OF STARS. Das sind die Bands, die ein neues Feuer für das Interesse an UKBM entfacht haben. Da viele von den Genannten immer weiter und öfter auf Tour waren und ihren Einfluss erweiterten, denke ich, dass es den jüngeren Bands ermöglicht wurde, zu wachsen und ernst genommen zu werden. Es kommen immer wieder neue Bands ans Tageslicht und das ist großartig für die Szene hier. Neben den bereits erwähnten Bands solltet ihr definitiv noch die folgenden anhören, sofern ihr sie noch nicht kennt:

ARX ATRATA, SAOR, CROM DUBH, CNOC AN TURSA, HAAR, NECRONAUTICAL, FYRDSMAN, KULL, EASTERN FRONT, NINE COVENS, THE INFERNAL SEA, HRYRE, MOUNTAINS CRAVE, NINKHARSAG, WODE, nur um mal ein paar wenige zu nennen.

Weiterhin denke ich, dass es auch außerhalb Britanniens Bands gibt, die Black Metal in den letzten Jahren nach vorne treiben und getrieben haben, indem sie einfach in neue Richtungen gestoßen sind und die Grenzen davon überschritten haben, was ein Black Metal-Album kann oder darf. Bands wie MGLA, BATUSHKA, WIEGEDOOD, CULT OF FIRE, MISTHYRMING sind da ganz weit vorne, wobei ich auch die Veröffentlichungen von Bands wie NASHEIM, ANTLERS, BÖLZER, THE COMMITTEE, GEVURAH und MACABRE OMEN sehr mochte. Also hört da überall mal rein, falls ihr es noch nicht getan habt!

WINTERFYLLETH

Robert: Ich bin kein Muttersprachler, wenn es um die englische Sprache geht, dennoch ist mir aufgefallen, dass die Sprache, die ihr in euren Texten verwendet, eine Art klassischen Charme hat. Welche Rolle spielt die Literatur eurer Heimat in eurer Musik und euren Texten?

Chris: Viele unserer Texte beziehen sich auf klassische Poesie von den Britischen Inseln und unserer Geschichte, so ist es unvermeidbar, dass die Sprache etwas altertümlicher anmutet und anders klingt. Aber das ist auch sehr atmosphärisch für die Geschichten, die sie, und nun wir, erzählen. Literatur ist ein großer Bestandteil unserer Musik, aber auch des Lebens generell. Belesen zu sein und sich in Themen einzuarbeiten ist meiner Meinung nach sehr wichtig. Eine gebildete Bevölkerung zu haben kann für uns alle nur von Vorteil sein und uns dabei helfen, die Unterdrückung abzuschütteln, die viele von uns sehen (oder nicht sehen) und die in vielen verschiedenen Formen auf uns wirkt. Mag es nun in sozialer, finanzieller oder politischer Hinsicht der Fall sein. Informierte Menschen sind nicht unbedingt passive Menschen, somit würde ich jeden darin bekräftigen wollen, sich in möglichst vielen Richtungen auf die Suche nach Fakten zu machen und zu eigenen Wahrheiten zu gelangen. Wir können nur versuchen, der Funke dafür zu sein. Der Rest liegt an den Leuten selbst.

Robert: Kannst du uns etwas mehr über die Texte des Albums sagen? Ich habe gelesen, dass sie sich mit den aktuellen Befindlichkeiten von Politik und Gesellschaft befassen. Ich habe euch jedoch nie als streng politische Band wahrgenommen, die mit dem Zeigefinger wedelt.

Chris: Wir als Band haben textlich immer eine sehr enge Bindung zur Natur gehabt, was auf diesem Album nicht anders ist, mal davon abgesehen, dass es nun aus einer etwas anderen Perspektive geschieht. Darüber hinaus thematisierten wir schon immer soziale und politische Aspekte im Kontext dessen. Metaphorisch sozusagen, als weitere Bedeutungsebene.
Der Titeltrack „The Dark Hereafter“ beschäftigt sich mit den Folgen, die die gierigen und machthungrigen Regierungen und ihre Entscheidungen hervorgerufen haben. All die Orte, die infiltriert, beschossen oder anderweitig kontrolliert werden sollten, greifen als Reaktion zu Gewalt. Das tatsächliche „dunkle Leben danach“, das wir ansprechen, soll den Einfluss von Umstürzen, Aufruhr und Terror verdeutlichen, dem wir uns nun stellen müssen, und den unsere Regierungen zu verantworten haben.

„Pariahs Path“ ist recht unverblümt und sagt aus, dass man die sogenannten „Führungspersönlichkeiten“ verbannen und für das bestrafen sollte, was sie der Welt antun.

„Ensigns Of Victory“ behandelt die böse Symbolik hinter den Flaggen des Krieges. Wir schicken Truppen in andere Länder und verschleiern das damit, ihnen „Demokratie beizubringen“ oder sie von ihren Herrschern zu „befreien“. Unsere Fahne wird zu einem Symbol für unternehmerische Gewalt und für die Ausbeutung der Anderen und ihrer Ressourcen, nicht jedoch für einen guten Zweck, der leider nur von wenigen Leuten verteidigt werden will.

„Green Cathedral“, einer der Hauptsongs des Albums, handelt davon, dass wir uns tagtäglich auch um lokale und nicht nur globale Probleme kümmern sollten, um unsere individuelle Heimat und Umwelt zu schützen und zu versuchen, den Schaden, den sie nimmt einzuschränken. Wir sollten den großen, globalen Unternehmen etwas von ihrer Macht wegnehmen. Wenn wir nicht bei bestimmten Unternehmen kaufen und ihnen unser Geld geben, dann sollten sie nicht mehr so viel Schaden anrichten, wie sie es tun.

Robert: Gibt es Raum für Politik oder politische Themen in der Musik, spezifischer im Metal?

Chris: Das denke ich auf jeden Fall! Ich habe das Gefühl, dass wir uns gerade an einer Kreuzung in der globalen Gesellschaft befinden, wobei einige wenige Geschäftsinteressen viel zu viel Einfluss haben. Da sehr viele intelligente Menschen immer besser vernetzt sind, kommt viel von dem Grauen, das entsteht, immer mehr ans Tageslicht und zeigt uns, was für extreme Taten die Regierungen der Welt vollbringen und wie diese das Schicksal der Welt betreffen. All dies zwang uns dazu, diese Themen auf dem neuen Album anzusprechen und darüber nachzudenken, wie wir aus der Vergangenheit lernen und anders, besser und produktiver leben können. Ich denke es ist wichtig, dass Künstler die Plattform, die sie haben (so wie WINTERFYLLETH) auch in einer verantwortungsvollen Art und Weise nutzen, um politische Themen anzusprechen und Leute darauf aufmerksam zu machen, die vorher vielleicht nie darüber nachgedacht haben.

WINTERFYLLETH

Robert: Was wird die Zukunft für WINTERFYLLETH bringen? Wie lauten eure weiteren Pläne?

Chris: Unser neues Album „The Dark Hereafter“ ist jetzt erhältlich und im nächsten Jahr werden wir dazu einige Shows und Touren spielen. Im Dezember sind wir auf dem „De Mortem Et Diabolum“-Festival in Deutschland! Darüber hinaus arbeiten wir bereits jetzt schon an der Veröffentlichung des nächsten Albums. Also bleibt gespannt!

Robert: Chris, ich danke dir für das aufschlussreiche und interessante Interview!

Chris: Ich danke dir!

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Bilder mit freundlicher Genehmigung von Winterfylleth, Winterfylleth und Winterfylleth

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