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Core Classics #10 – Converge

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Hier bekommt ihr eure wöchentliche Dosis an Metalcore-Alben mit Legenden-Status. Viele Vorurteile gegenüber dieser Musikrichtung konnten ja bereits schon ausgelöscht werden. Und genau deswegen gibt es jetzt auch diese Kolumne, denn ich kann sie schreiben und mich danach immer noch auf die Straße trauen!

CONVERGE – Jane Doe
Veröffentlichungsdatum: 04.09.2001
Länge: 45:22 Min.
Label: Equal Vision Records

Könnt ihr euch vorstellen wie es ist wenn tausende Nadelstiche gleichzeitig in euren Kopf hämmern? Ich kann das nur dank einer besonderen Band, die einen Kult-Status innerhalb der Metal- und Mathcore-Szene hat wie keine andere. In der 10. (Hurra!) Edition der Core Classics besprechen wir „Jane Doe“ von CONVERGE. Seit 26 Jahren machen die US-Amerikaner die Bühnen rund um den Globus unsicher. Mit dabei sind unglaublich brutale Songs und spektakuläre Shows, obwohl die eher minimalistisch gestaltet sind. Bereits mit ihren ersten Alben und Split-EPs konnten sie sich einen Namen innerhalb der amerikanischen Szene machen. Den Durchbruch aber machten sie mit „Jane Doe“. Das ist nicht nur ein Fest für die Ohren sondern auch für die Augen. Frontmann und Gründer des Labels Deathwish Inc. Jacob Bannon ist für seine eigene Kunst auch über die Musik-Szene hinaus bekannt. Er entwickelte nicht nur das spektakuläre Booklet und das ikonische Album-Cover des Meisterwerks, das wir heute besprechen, sondern auch fast alle Alben-Cover der Band. Und glaubt mir, sie sind alle wunderschön.

Das Gesicht von „Jane Doe“, also dem weiblichen Gegenstück zum amerikanischen Max Mustermann, auch bekannt als John Doe, ist nicht nur ein Symbol für die Band, sondern auch für den Metalcore-Untergrund im Allgemeinen. Poetische Lyrics, die tief in die Haut gehen, wenn sie von Bannons unverkennbarer zehrender Stimme abgeliefert werden. Trotz eifriger Unterstützung von sogar zwei Bandmitgliedern bleibt er die treibende Kraft am Mikrofon. Aber was wäre ein Sänger ohne seine Band. Kurt Ballou ist als Hauptverantwortlicher für die Gitarren anzusehen, vor allem da Aaron Dalbec (Gitarre) die Band nach diesem Album für BANE verließ. Die Bass-Gitarre von Nate Newton (OLD MAN GLOOM, DOOMRIDERS) ist deutlich hörbar, was der guten Produktion geschuldet ist. Kurt Ballou steckt hinter diesem gott-gleichen Mix, schließlich ist er ebenfalls ein angesehener und bekannter Produzent (ISIS, KVELERTAK, MODERN LIFE IS WAR, TRAP THEM). Dank der nahtlosen Funktionalität der Band als Kollektiv, bohren sich Sekunde um Sekunde schwere, dunkle Riffs, Screams und Drum-Parts in den Schädel des unschuldigen Zuhörers und ehe man sich versieht, ist man gefangen.

Gefangen in einer Welt, in der es nur noch dieses Album gibt. Für die gesamte Spielzeit ist man gefesselt und abgelenkt von dem, was einem eigentlich physisch und emotional noch einen Moment vorher näher war. Kein Album schafft dies so gut, durch die unglaublich emotionale und gepeinigte Stimme des Sängers. Auch wenn bei fast allen Liedern ein Blick in die Texte nötig ist, um irgendetwas zu verstehen, lohnt es sich. Schließlich geht es hier um eine Beziehung die zu Buch geht. Und das auf die eindrucksvollste, musikalischste Art und Weise, die ich je zu Ohren bekommen habe. Viele erwarten eine weinerliche Betrachtung der vergangenen Zeit, aber was letztendlich an grundsätzlichen Fragen aufgeworfen wird, ist unglaublich tiefgründig. Oberflächlichkeit darf man sich auch bei einer so vielschichtigen, chaotischen Spielart nicht erlauben, so würde das gesamte Konzept verloren gehen.

Emotional aufwühlend sind keinesfalls die Lyrics allein, eine chaotische Wand aus Geräuschen drischt auf jeden ein, der es wagt, die Nadel des Plattenspielers zu senken. Immer dabei sind dissonante Riffs und Umbrüche, wie sie die Welt nie hätte sehen dürfen. So auch direkt im sehr kurzen Intro-Track „Concubine“, der sofort vor der kommenden Flutwelle warnt. Der Enthusiasmus der Band schwappt so schnell auf den Hörer über, dass man nicht mehr zuordnen kann, welches Instrument eigentlich die meiste Emotion hervorruft. Denn das technische Drumming zeugt zusammen mit den Gitarren unglückliche Kinder der Zerstörung. Diese Kinder bekommen dann noch eine Grimasse, aufgeschminkt von wilden und eindringlichen Vocals. „Distance and Meaning“ zeigt den Stimmumfang am besten. Einen Höhepunkt der Beziehungs-Dystopie kann man nicht ausmachen, denn bei so dunklen Texten kann man sich kaum darauf einigen, welches Lied hier maßgeblich den Ton angibt.

Die vermeintliche Missordnung in fast allen Liedern ist so kalkuliert und gut gemacht, dass man am liebsten den gesamten Inhalt seines Wandschranks im Zimmer verteilen und ein Feuer machen möchte. All das natürlich in der Hoffnung, dass man ein auch nur annähernd so schönes Chaos kreiert. Das kostet einen dann genauso den Verstand wie der Versuch, den Instrumenten auf Liedern wie „Fault and Fracture“, „The Broken Vow“ und „Homewrecker“ zu folgen. Mein persönliches Highlight bleibt jedoch „Bitter and Then Some“, weil für mich kein anderer Song auf diesem Album so gut einfängt, was CONVERGE alles ist. Spielt man diesen direkt vor „Buried And Breathing“(„Petitioning the Empty Sky, 1997) erhält man die wohl schnellste Zusammenfassung einer Band die es gibt. Okay, über NAPALM DEATH reden wir mal nicht. Melancholisch langsame Momente gibt es dennoch zu genüge um diesen rastlosen Angriff auf den Gehörgang auszubremsen. Besonders gut sind darin „Phoenix in Flames“, der zweite Teil zu „Phoenix in Flight“, und „Hell to Pay“. Sie lassen einem nicht nur Raum zum Atmen, sondern erzeugen auch ihre ganz eigene kleine Welt voller Trauer und Missgunst.

Genauso perfekt wie dieses Album beginnt, wird es auch beendet. „Thaw“ ist der letzte Song vor dem Opus „Jane Doe“ und lässt das Tempo erneut aufleben. Auch wenn der folgende Titel-Track viel langsamer in Tempo und Aufbau ist, nagt er so stark wie kein anderes Lied an Leib und Seele. Ein knapp 11 Minuten langer Song, der seine eigene Besprechung verdient. Nicht nur der Titel vermittelt die Nachricht von endgültiger Trennung und einer nun fremden Person. Denn die Geister, die beide an der Trennung beteiligte Personen heimsuchen, haben ihren Weg in die Instrumente gefunden. Ein Epos der besonderen Art geht mit diesem Lied zu Ende, der mit innigen, echten und intelligenten Versen überzeugt. Diese Verse, die eines der wichtigsten Alben der Neuzeit geprägt haben, sind im Verhältnis nur ein kleiner Beitrag zum musikalischen Gesamtwerk, aber rechtfertigen die Genre-übergreifende Bedeutung dieses Albums. Imitation und Inspiration gleichermaßen folgten auf dieses Album. Dieser Stil gehört jedoch CONVERGE und niemand wird es ihnen je nachmachen können.

Fazit:


Der Schaum, der dieser Badewanne an Dissonanz bis zum Rand füllt, ist der Tiger, den man für dieses Album ans Mikrofon ließ. Wenn man mir vor meiner Bekanntschaft mit dieser Band hätte weismachen wollen, dass das noch menschlich ist, dann hätte ich wahrscheinlich auf den lokalen Zoo verwiesen. In der Hoffnung, das man dort ein Tier findet, was so grässliche Geräusche von sich gibt, wäre ich aber wahrscheinlich elendig zugrunde gegangen. Die Zoowärter hätten mich eingesperrt und ich hätte kein Tierfutter mehr gefunden, um mich am Leben zu erhalten. Dieses Album hingegen gibt einem genug Futter, das einem die Erhaltung des Lebens schwer macht: Riffs mit ordentlich Punch, einen total abgefahrenen Schlagzeuger namens Ben Koller (MUTOID MAN, ALL PIGS MUST DIE) und einen durchweg durchgedrehten Sänger.

Bilder mit freundlicher Genehmigung von Converge, Converge und Converge

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1 Kommentar

  1. Darquise
    2. November 2016 bei 20:50 — Antworten

    Also mit anderen Vocals. gern. aber so. leider reichts da nur für ab und zumal anhören. :/ dann doch lieber Scars of Tomorrow

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