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Core Classics #13 – All That Remains

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Hier bekommt ihr eure wöchentliche Dosis an Metalcore-Alben mit Legenden-Status. Viele Vorurteile gegenüber dieser Musikrichtung konnten ja bereits schon ausgelöscht werden. Und genau deswegen gibt es jetzt auch diese Kolumne, denn ich kann sie schreiben und mich danach immer noch auf die Straße trauen!

ALL THAT REMAINS – The Fall of Ideals
Veröffentlichungsdatum: 11.07.2006
Länge: 38:59 Min.
Label: Razor & Tie

Man kann über viele Bands sagen, dass sie sich nur verändern, um sich besser zu verkaufen. Bei 999 von 1000 Bands lässt sich das insofern abstreiten, dass diese Bands zusammenhalten und alle gut finden, was mit der Band passiert. Da spielt dann vor allem der Aspekt des Alters rein, denn wer „erwachsener“ wird, der verändert vielleicht auch seinen Musikgeschmack. Leider verstehen viele Menschen nicht, dass man auch als Musiker im Metal auf seichtere Klänge für den Tourbus zurückgreift, weil man nicht 24 Tage am Stück die gleiche Musik hören will. Das bedeutet, sich selbst beim Spielen zu erleben und eben weichere Musik zu hören, die einen dann auch als Künstler formen und verändern kann. Außerdem gibt es noch zahlreiche Gründe, warum sich Bands verändern. Lange Rede, kurzer Sinn: ich hatte lange die einsichtige Sichtweise und den Hass auf Veränderung für ALL THAT REMAINS für mich zum Thema gemacht. Für mich stellte sich die Frage, wie man so kommerziell erfolgreiche und dennoch harte Musik machen kann, nur um dann in der Radio-Rock-Sparte unterzugehen?

Mit „The Fall of Ideals“ hatten die US-Amerikaner mit ihrem Frontmännlein Phil Labonte einen der Mega-Hits des Melodic Metalcore überhaupt gelandet. Der poppige Gesang Labontes in den Strophen und seine leicht verständlichen „unklaren“ Gesangseinlagen verzauberten Fans der harten, eingängigen Musik. Was daraus geworden ist, lässt sich schon am Cover von „A War You Cannot Win“ erraten, aber damit muss man sich halt abfinden. Schließlich gab es 2006 durch diese Band Grund zur Freude. Nicht nur die Riffs und Melodien sind klasse, sondern auch der Standard in der Produktion. Es klingt zwar alles andere als roh, aber wer glatt gebügelten Kram erwartet, sollte genau hinhören. Die Wucht bleibt trotz eindeutiger Bearbeitung erhalten. Dieses Album wird eröffnet von „This Calling“, einem der Vorzeige-Songs des Metalcore mit Melodic Death Metal-Wurzeln. Man könnte ihn als die Single aller Singles bezeichnen, und das nicht zuletzt durch den Mitsing-Charakter. Wer die ein oder andere Zeile gern unter der Dusche vertont, dürfte hier ein gefundenes Fressen vorliegen haben. 

Nicht nur der Gesang erbittet um fröhliche Live-Mithelfer in Auto, Bus und Bahn. So regen die Riffs so stark zum Mitsummen an, wie man es sonst nur von AS I LAY DYING oder PARKWAY DRIVE kennt. Dazu kommt oft ein Einsatz von Blast-Beats während der Strophen, um einen ganz eigenen Charakterzug in die Musik zu bringen. Während man bei „Whispers (I Hear You)“ oder „Not Alone“ versucht, Gefühlslage über die Stimme zu vermitteln, kann es auf anderen Liedern zu Riffs-Mitgröhl-Aktionen kommen. Soli auf „We Stand“ und epische Breakdowns gehören da schon zum Alltag. Es wird sogar das ein oder andere Mal in den Death Metal geschaut wie in „Weak Willed“. Hier wird man gezwungen, an CANNIBAL CORPSE zu denken. Gesang, Schlagzeug und Gitarren lassen die Vergangenheit der Band im Melodic Death Metal durchblicken. Wie gesagt, es strotzt auch jeder andere Song nur so von harten Gitarren und jeder bringt seinen ganz eigenen Wummer-Faktor mit.

So hart wie in „Weak Willed“ wird es trotzdem nicht mehr auf dem ganzen Album und auch nie wieder in der Diskografie der Band, aber ich schweife ab. Mit einem Paket, das stark an Genre-Kollegen erinnert, wird der letzte Teil des Albums eingeleitet, denn „Become The Catalyst“  klingt wie der perfekte Hybrid aus KILLSWITCH ENGAGE und AS I LAY DYING, bestehend aus einem hohen Tempo, Breakdowns, Gesang und Soli. Ich muss wohl kaum erwähnen, dass es nichts gibt, was besser tut als ein Solo in einem Metalcore-Song. Man erwartet es nicht per se, da man fast nur noch an die neuen stumpfen Nachfolge-Bands denkt, wenn man das Genre hört. Hier ist das nicht der Fall, denn Breakdowns werden mit Geschwindigkeit, Riffs und Soli ausgeglichen und sind generell kurz gehalten.

Lange instrumentale Intros bietet unter anderem „The Air That I Breathe“, der Song, den ich gern als den PARKWAY DRIVE-Song auf diesem Album bezeichne. Dieser könnte nämlich genau so – wenn man den klaren Gesang abzieht – auf deren Platten „Horizons“ oder „Deep Blue“ laufen. Das kann wohl kaum Zufall sein, aber welche Band hat dieses Album schon kalt gelassen. Man hört definitiv heraus, dass es kaum jemanden im Genre geben kann, der nicht musikalisch von diesem Meisterwerk beeinflusst wurde. Wenn auf „Empty Inside“ kurzzeitig in den Black Metal abgetaucht wird, dann merkt man erst, wie vielseitig diese Band war. Auch wenn wir es mit keinen lyrischen Meisterwerken zu tun haben, vor allem weil es sich um eine homogene Suppe aus Aufmunterungs-Lyrics handelt, sind diese sehr ansprechend verfasst. Wenn auch etwas vage, vermag die Band ihre Nachricht an die Welt zu senden, eine Nachricht von Stärke und Freiheit des Einzelnen. Ob das vielleicht mit relativ konservativen Ansichten zum Waffenrecht in den USA korreliert, sei mal so dahingestellt.

I am a mortal man
But I’m not fallen
I’m not broken
I am a mortal man But I’ll
Hold tight to my beliefs

 

Fazit:


Egal ob tiefe, füllende Growls oder hohe, qualvolle Screams oder wunderschöner Knabenchorgesang, der sich trotzdem noch auf einer angenehmen Tonhöhe abspielt, Phil Labonte macht dieses Album noch hörenswerter. Wem knallig bunter, hoher Gesang zu viel ist, der findet hier trotzdem seinen melodischen Ausgleich. Man kann sich zudem motivieren lassen, Dinge kaputt zu schlagen. Und wir reden hier von irreversiblen Zuständen für die angegriffenen Gegenstände, bitte belasst es auch bei diesen. Wut und Frustration machen sich auch in den Texten breit, denn hier werden sie vom typischen Melodic Metalcore-Optimismus weggeblasen. Textpassagen sollen aufmuntern und aus schweren Zeiten heraushelfen, damit ist es perfekt zugeschnitten für pubertäre Pickelhauben und „erwachsen-Werdende“. ALL THAT REMAINS mögen mich zwar mit dem zweiten, darauffolgenden Album – dank dem grottigen Versuch, in den Radio Rock einzusteigen – verloren haben, aber ich habe sie trotzdem für dieses und die beiden Vorgänger immer noch positiv in Erinnerung.

Bilder mit freundlicher Genehmigung von und All That Remains

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1 Kommentar

  1. Darquise
    29. November 2016 bei 21:11 — Antworten

    Hey – wollte nur mal Danke sagen für die ganzen Artikel!

    Ich les alle auch wenn ich manchmal nicht kommentiere 😀

    Bin schon gespannt auf morgen 🙂

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