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Eine Kreuzfahrt nach Helvete

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„Eine Seefahrt, die ist lustig, eine Seefahrt die ist schön…“ – und noch viel schöner muss doch eine Kreuzfahrt sein, auf der das Bier in Strömen fließt und auf Bühnen und Decks Abriss zelebriert wird. Ort des Geschehens: Die „Mein Schiff 1“ von Tui Cruises. 262 Meter lang, 31.500 kW stark und 21,5 Knoten schnell, bietet sie Platz für maximal 1924 Passagiere. Ein Sehnsuchtsziel, ohne Frage. Einzig das Sparschwein will dem einfachen Studenten diese Freude nicht ermöglichen, muss man doch mindestens 1200 Euro berappen, um zumindest mit einer Innenkabine am Spektakel teilnehmen zu können (ob sich das finanziell lohnt, dazu später mehr). Und selbst wenn man sich entschließt, tatsächlich das Geld aufzubringen, dann muss man auch noch das nötige Glück haben, überhaupt an eine Karte zu kommen. Die 4. Auflage des größten schwimmenden Metalfestivals Europas war nämlich bereits nach 30 Minuten ausverkauft. 


Umso schöner, dass ich trotz allem mitfahren konnte.
Leinen los! Volle Kraft gen Oslo und Kopenhagen!

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Meine Einladung zur Full Metal Cruise kam sehr kurzfristig und überraschend, um genau zu sein: während ich beim Wacken Open Air das erste Video schnitt. Man darf an dieser Stelle nicht außer Acht lassen, dass ich Zeit meines Lebens weder eine Schiffsreise unternommen habe, noch weiter in den Norden vorstieß, als Dänemark für mich interessant wirkte. Umso freudiger nahm ich also die Einladung an. Einziger Wermutstropfen: Gerade in der Woche einer Geographie-Exkursion in der Toskana sollte die „Mein Schiff 1“ von TUI Cruises in Hamburg ablegen. Natürlich ist eine Exkursion in die Toskana ein Erlebnis, welches man nicht missen will. Und leider auch nicht KANN, wenn es sich um eine universitäre Pflichtveranstaltung handelt. Daher musste ein Kompromiss her: Exkursion und studentische Pflichten bis zum Tag des Ablegens erfüllen und dann nach Hamburg fliegen. Das Leben ist ein Kompromiss.

 

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So stehe ich nun am 3.9.2016 um 4 Uhr nachts am Flughafen der atemberaubenden Stadt Florenz und klammere mich an meine Taschen voller Kameratechnik. Hatte ich erwähnt, dass ich vorher auch noch niemals geflogen bin? Eine Woche voller Premieren.
Als ich mich nach ein paar Stunden in Propellermaschinen und Luftlöchern Hamburg nähere, ist das Wetter deutlich nordischer geworden. Sprich: Es sind 14 (statt wie vorher 40!) Grad und es regnet. Mein Koffer ist, dank der liebevollen Handhabung des Personals, verbeult und zerkratzt. Ein Glück, denke ich mir, dass der Koffer aus Metall ist – ansonsten hätte meine Technik bestimmt ein paar ordentliche Macken bekommen.

Mit S- und U-Bahn überbrücke ich die Distanz zwischen Flug- und Überseehafen und werde schließlich vor dem „Mein Schiff 1“ ausgeworfen. Später werde ich immer wieder zu hören bekommen, wie klein dieses Schiff doch sei – doch für eine Landratte wie mich ist ein solches Schiff trotzdem enorm und ich brauche 2 Tage um mich auf den 13 Decks und 3 Treppenhäusern zu den 8 verschiedenen Restaurants und 4 Konzert- und Veranstaltungsorten zurechtzufinden. Die enorme Schlange, die auf den Einlass am Kai wartet, lässt mich, mittlerweile 33 Stunden wach, trotzdem daran zweifeln, dass alle wie geplant Platz finden werden.

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Nachdem die Hürden des Bordings überstanden sind (schließlich gibt es in Deutschland auch noch pingelige Sicherheitsvorschriften zu beachten), begebe ich mich geradewegs zum Pooldeck 11 und dem Cliff 24 Grill, wo man bereits mit Getränken und Essen versorgt wird. Nach den Strapazen meiner Reise fühlt es sich an, als wäre ich im Paradies gelandet. Kostenlos essen und trinken…und dann so viel man will. Habe ich schon erwähnt, dass es auch mein erstes Mal All Inclusive ist?

Das Erste, was wir natürlich herausfinden mussten war, ganz klar: welche Drinks sind eigentlich im “All Inclusive” enthalten? Aber gleich mit einem Caipirinha starten, wäre dann doch zu viel des Guten gewesen. Wichtig zu wissen: Es gibt eine Reihe von Getränken, vor allem namhafter Hersteller, die einen Aufpreis kosten. Und alles mit einer ordentlichen Drehzahl gibt es erst ab 18 Uhr kostenlos. Ich gönne mir einen Burger, nicht etwa einen geschmackentleerten Gummireifen a lá Schnellimbiss, sondern stattdessen einen geschmackvollen Vollkorn-Burger, bei dem man die unterschiedlichen Zutaten sogar herrausschmecken kann! Ich entschließe mich, nun vollends aufgeregt, mein Zimmer zu begutachten. Ich bin, wie bereits Eingangs erwähnt, noch nie auf einer Kreuzfahrt gewesen, daher rechnete ich, was die Kabinen an sich betrifft, nicht gerade mit Komfort und Beinfreiheit.
Doch ich sollte mich irren: Ich habe nicht nur ein Doppelbett für mich allein, sondern einen ausladenden Balkon mit einer Hängematte darauf. Und das ist mir noch viel wichtiger als das Doppelbett! Tatsächlich werde ich zwei Tage draußen in meiner Hängematte schlafen, schließlich bin ich ja auf diesem Schiff um ordentlich Seeluft zu schnuppern!

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Völlig begeistert von dem, was ich bisher gesehen habe, nehme ich mir vor, den Rest des Schiffes zu inspizieren, merke jedoch schnell, dass es, trotz bevorstehendem Abschluss in Geographie, schnell etwas verwirrend werden kann. Da ist die Tui Bar, an der am Abend die Late-Night-Shows mit Wacken-Moderator und Lebenskünstler Maschine stattfinden, die Abtanz-Bar, wo die ganze Nacht die Jungs vom Ballroom Hamburg eine flotte Sohle aufs Parkett legen (lassen), am Pooldeck die Unverzichtbar, sowie am Heck gleich die nächste mit einer ebenso käsigen Namensschöpfung: die Aussicht Bar. Der Deutschlehrer in mir weiß nicht so recht, ob er lachen oder weinen soll.
Der Nieselregen des Vormittags hat sich indes verzogen und übrig bleibt eine leichte Brise und klarer Himmel, als die „Mein Schiff 1“ schließlich Hamburg hinter sich lässt.

hard on the wind

we’re living a dream

we’re breaking the boundaries of what we believed

a call for the wild, a journey of dreams

we’re the kings of the world for a while”

 

Ja, die Cruise hat sogar ihre eigene Hymne und auch wenn sich das Kitsch-Radar meldet: Direkt vor Ort passen Gefühl und Lied erschreckend gut zueinander.

 

 

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Zumindest am ersten Tag überfordert mich die ganze Situation noch ein wenig, was ich allerdings auch auf die mittlerweile 40 Stunden Wach-Sein schieben kann. Und so entschließe ich mich, mein Abendessen im “La Vela” einzunehmen und TORFROCK auf später zu vertagen, denn: alle Bands spielen mindestens 2 Mal. Falls man sich also im Koma, an der Bar oder in der Sauna befindet – oder möglicherweise kurz über Bord gegangen ist: Man hat auch ein weiteres Mal die Chance, seine Band zu sehen. Oder zu verpassen.
Nach der 2. Portion, die dann auch dem Provinz-Ossi endlich zum Sattwerden reicht, darf ich mir eine ganz besondere kulturelle Melange nicht entgehen lassen: ESKIMO CALLBOY, auf einer Metal-Kreuzfahrt, in einem Theater. Die Kreuzfahrt an sich ist – aufgrund der nötigen finanziellen Mittel, die erbracht werden müssen – oftmals nur im fortgeschrittenen Alter leistbar. Der Altersdurchschnitt liegt bei 44 Jahren, niedriger zwar als bei einer normalen Kreuzfahrt, aber vermutlich deutlich über dem eines normalen ESKIMO CALLBOY Auftrittes. Ebenso, wie CALLEJON, UMC und CALIBAN nicht wie die ersten Verdächtigen für eine Rundreise der Metal-Veteranen erscheinen. SAXON hingegen wirken eigentlich nicht wie eine Pool-Party-Band, sollten allerdings auch mitkommen – mussten leider jedoch aus gesundheitlichen Gründen absagen. Der Menge an Saxon Merch nach, dem man so an den vorbeiwankenden Körpern begegnet, haben sich viele auf den Headliner gefreut. Tatsächlich springt aber mit GAMMA RAY eine Band ein, die ich persönlich noch besser finde – und die generell auch von den enttäuschten SAXON – Fans als angemessen akzeptiert wird.


Aber so überaltert, wie ich mir die Kreuzfahrt vorgestellt habe, ist sie eigentlich gar nicht. Überall sieht man junge, knackige Körper: in Whirlpools, im Circlepit – welcher immer wieder im Pool aufgemacht wird – in Badelatschen auf den Gängen … und wer sich die Shows genauer anschaut, stellt fest, dass sich neben dem brav mit einem Kaltgetränk am Rande stehenden Alteisen auch die jüngeren Semester tummeln. Ich schau noch kurz bei GLORYHAMMER vorbei, dann zieht es mich in die “Abtanz-Bar” auf einen Cocktail. Um genau zu sein lande ich dort eher zufällig, weil ich mich verlaufe. Völlig verpeilt vergesse ich auch, dass im Anschluss DER WEG EINER FREIHEIT im “Casino” spielen. Es handelt sich dabei übrigens wirklich um ein Casino, bei dem einfach die Spieltische überdeckt worden sind. Die Bühne dort ist dementsprechend klein und nah am Fan, was eine sehr persönliche Atmosphäre erzeugt. Ich indes denke mir: “Noch so viel Zeit bis GAMMA RAY (warum eigentlich?)!” und besuche meine Hängematte. Ich erwache gegen 3 Uhr auf hoher See und beschließe, die Augen bis zum nächsten Morgen wieder zu zu machen und mir hoch und heilig zu versprechen, mich erst wieder in die Hängematte zu legen, wenn meine Arbeit getan ist.

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Der erste Seetag beginnt trüb und kalt. Der Wellengang ist etwas stärker geworden, aber der Kapitän unterrichtet uns, dass wir 33 Meter Wasser unterm Kiel haben und das Schiff 56 Meter hoch sei (oder so ähnlich). Fakt: Wenn wir sinken, kriegen wir nicht mal nasse Füße. Am Frühstücksbuffet im “Atlantik” muss ich zwar mein Gleichgewicht beim Rührei-Schaufeln ausbalancieren, aber ansonsten merkt man nichts von der See dort draußen.
Mein Tag wird geschäftig: Ich treffe mich mit CALIBAN und ERIC FISH auf Interview und Weißwein und versuche nebenbei so viele Acts wie möglich mitzunehmen. HÄMATOM zerlegen das Theater mit einem Bassdruck, der mir das Zwerchfell schlackern lässt, während ULI JON ROTH in der “Tui Bar” ganz ohne Bass, dafür aber mit seiner ganz speziellen Gitarre, die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich zieht. Die ist nämlich ein wahres Wunderwerk der Technik und “hat zwei Geschlechter”. Per Hebel schaltet er um zwischen harten/klaren und weichen/sanften Tönen. Und ein Modul zum Selbststimmen hat er auch noch drangeschraubt. Die Fahrt lädt nämlich nicht nur zum Musikhören und Schlemmen ein, sondern auch dazu, sich weiterzubilden. Daher schließt sich an meine Informationsreise ein kurzer Blick in den Kinoraum an. Dort berichtet TIM ECKHORST, seines Zeichens der Haus- und Hof-Designer von Wacken, über seine Arbeit. Wie entsteht überhaupt ein Shirtdesign und welchen Strapazen setzt sich der Künstler auf dem Weg dahin aus?

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Zwischendurch muss ich jedoch noch einen kleinen Abstecher an Deck machen, da ich unbedingt wissen will, wie heftig ESKIMO CALLBOY das Pooldeck zerlegen. Ziemlich heftig. Man merkt eindeutig, dass die Jungs für wilde Poolpartys doch deutlich besser geeignet sind, als für Theaterbühnen. Dann beginnt auch schon der Hunger zu nagen und ich beschließe, im “Surf & Turf – Steakhouse” zu dinieren. Es gibt an Deck auch kulinarische Extravaganzen, für die zusätzlich gezahlt werden muss – so auch hier. Doch in dem Moment, in dem ich das Restaurant betrat, verstand ich warum: Die Atmosphäre war gediegen und ruhte in sich. Tatsächlich wünsche ich mir manchmal, dass ich auch als Restaurant-Kritiker arbeiten könnte und so habe ich es mir fest vorgenommen, wenigstens auf dieser Kreuzfahrt ausführliche Degustationen durchzuführen. Man reichte mir Medium Rare Bison an Ofenkartoffel, dazu einen für mich unaussprechlichen Wein (ich hatte Russisch in der Schule, kein Französisch – leider trinke ich selten Wodka zum Abendessen) und ich befand mich im Paradies. Oder – um genauer zu sein: in einem besonders paradiesischen Abschnitt des Paradieses. Etwa wie der VIP-Bereich in einem Nachtclub. Natürlich verpasste ich währenddessen wieder DER WEG EINER FREIHEIT. Es hat wohl einfach nicht sollen sein.


Ich werde immer wieder gefragt, wie denn mein Eindruck von der Cruise bislang wäre, ob ich denn hoffentlich auch gut berichten werde. Dabei wirft sich mir die Frage auf, wie man denn bei einer solchen Veranstaltung ein negatives Fazit ziehen soll? Hier arbeiten zwei hochprofessionelle Firmen zusammen, die Organisation läuft reibungslos und absolut in-time, wir befinden uns auf einem Schiff, auf dem man sich von morgens bis abends hemmungslos der Völlerei und dem Trinken widmen kann, man bekommt die Chance, sich Oslo und Kopenhagen anzusehen und nebenbei spielen auch noch Bands. Was soll da denn negativ auffallen?


Kapitän Noack hatte vor seiner ersten Full Metal Cruise tatsächlich Bedenken und fürchtete bereits, ein großes Chaos nach der Reise vorzufinden. Das blieb aus. Nun scheint es unter der 780-köpfigen Besatzung der „Mein Schiff 1“ von Tui Cruises niemanden zu geben, der ein Problem mit den Musikfreunden in Schwarz hätte. Besonders auffällig sei dabei die Höflichkeit der Gäste, erfahre ich dann am 2. Seetag, an dem ich mich für meine Videoreportage voll und ganz den Leuten im Hintergrund widme. Aber zuerst kommt das Highlight der Reise auf mich zu und das erfordert frühes Aufstehen!

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Am Montag gegen halb 6 erreicht das Schiff den Oslo-Fjord und mit ihm erheben sich die ersten Sonnenstrahlen über dem Meer. Und egal, wie viel Zeit ich am Abend davor noch mit den beiden Boys von UMC am Tresen verbracht habe, diesen Anblick darf ich mir nicht entgehen lassen. Sieben Grad und eine steife Brise empfangen mich auf dem Oberdeck, als ich mich dem Bug nähere. Einige Gestalten, die den Weg in die Koje noch gar nicht gefunden haben, wanken mir seelig entgegen. Andere Hobbyfotografen warten auf die ersten morgendlichen Motive. Ich bin bereits mehr als nur aufgeregt, da ich Oslo für eine mysteriöse und schöne Stadt halte und mir die kleinen Inseln und Ansiedlungen entlang des Fjordes bereits einen spannenden Einblick auf das typische Erscheinungsbild Norwegens ermöglichen.

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Wenn es ein Land gibt, das für Black Metal steht, dann ist es schließlich unbestreitbar Norwegen. Ich nehme mir fest vor, das ehemalige Helvete zu besuchen, um mich im darüberliegenden Plattenladen mit dem ein oder anderen Schmankerl der skandinavischen Musikkunst einzudecken. Pünktlich um 9 springe ich also als einer der Ersten vom Schiff, nachdem ich mir im “Ankelmannsplatz” ein Kilo Rührei und 4 Kaffee als Vorbereitung gegönnt habe. Da ich nicht fußlahm bin, beschließe ich kurzerhand, zur Museumsinsel zu wandern. Ich lasse das Hard Rock Cafe links liegen (kenn ich ja schon aus München, ist ja eh immer dasselbe), komme vorbei am potthässlichen Rathaus, dem Schloss und wandle durch Straßen, an deren Rändern die wunderbarsten Fassaden gereiht stehen. Oslo ist klein und grün, mit gründerzeitlichen Häusern und ruhigen Nebenstraßen. Es erinnert mich etwas an Halle. [Anm. d. Red.: ??]
Mein Weg führt mich in den Vigeland Skulpturenpark, wohl die meistbesuchte Attraktion Norwegens. Ich bin etwas unbeeindruckt, zugegebenermaßen.

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Weiter führt mich mein Weg und je weiter ich mich vom Zentrum entferne, desto ruhiger und grüner wird es. Kaum betritt man die Museumsinsel, findet man sich auf dem Lande wieder. Es könnte alles so schön sein, aber wieder einmal kommt der Geographiestudent bei mir durch und ich begebe mich an die Küste, um die glazialen Überformungsmuster zu begutachten, rutsche aus und hoble mir ein Stück Knie samt Hose ab. Die Familie wirds freuen, die mochten die Hose nie. Wenigstens durch das Freilichtmuseum möchte ich noch humpeln und während ich die düsteren, kleinen Holzbauten begutachte, die wie aus einem russischen Märchen vor Hexe Baba Yaga geflohen scheinen, wird mir klar, wieso in diesem Land ein düsteres und schwermütiges Lebensgefühl herrschen kann. Achja, und eine Stabkirche konnte ich auch besichtigen. Erstaunlich, wie die düstere, hölzerne und umschließende Enge dieses Gebäudes mir mehr Ehrfurcht einhauchen kann, als die typischen Steinbauten hier bei uns.

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Mit der Fähre geht es zurück ins Zentrum und von da dann geradewegs zu Neseblod-Records, dem Plattenladen über dem sagenumwobenen Kellergewölbe. Vollgestopfte Räume, in denen man kaum treten kann, erwarten mich. Es ist derart eng und unübersichtlich, dass ich in der halben Stunde, die ich noch für den Laden erübrigen kann, fast nichts finde: Man sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht. Schnell noch etwas gekauft und dann geht es die enge Wendeltreppe hinab, in das dunkle Herz des norwegischen Black Metals, zur Wand, die Euronymus selbst beschriftete. Für den Musik-Nerd eine ganz außergewöhnliche Erfahrung und als ich später wieder auf dem Schiff ankomme, wohl eine, die heute nur ich gemacht habe. Und Markus von der Wacken Foundation, der sich spontan anschloss, erst über den langen Weg meckerte und sich dann bedankte, dass er mitkommen durfte. Ich sollte Reiseleiter werden.

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Nicht weit von der Glückseeligkeit entfernt, gönne ich mir dann den Auftritt von RAM an der Poolstage. Geile Band, krasse Show – aber ich werde das Gefühl nicht los, dass es für eine Kreuzfahrt doch etwas zu hart ist. Scheinbar braucht es tatsächlich eine gewisse Lockerheit, nicht nur für die Bespielten, sondern auch für die Spielenden. Es wirkt nicht, wenn man versucht ernst zu sein, während sich vor einem ein dutzend Leute im Pool mit Wasser bespritzen. Diese Leichtigkeit lassen dann THE POODLES und THE QUIREBOYS nicht vermissen. Gemütlich im Theater sitzen und nach einem sehr ereignisreichen Tag die geschundenen Knochen entlasten, dazu ein Kaltgetränk – könnte es noch besser kommen?

 

Im Vorbeigehen kredenze ich mir noch die unterschiedlichsten Leckerbissen, um dann zum Abendessen im “Atlantik” nur Vorspeisen zu bestellen. Das war ein Fehler, denn die Kost dort war erneut von gehobener Qualität und darum auch eher in “Probiergröße”. Dann eben doch noch eine Hauptspeise obenauf. Naja, Metalcruise ist ja nur…2 Mal im Jahr. Sitt und Satt steuere ich im Anschluss das Kino an, um mich dort einem Film zu widmen. Denn auch ins Kino kann man gehen, wenn man auf der Metal Cruise ist. Und selbstverständlich kann man zusätzlich noch die ganzen Fitness- und Wellnessangebote in Anspruch nehmen, die sonst auch auf einem Kreuzfahrtschiff angeboten werden.
Nach CALLEJON und Late Night Show ist dann für mich schließlich Ruhe.

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Am nächsten Morgen stelle ich fest, dass so eine Kreuzfahrt mit der Zeit ganz schön an den Kräften zehren kann. Da hilft es nicht, dass ich mittlerweile automatisch mit dem Sonnenaufgang erwache.

 

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Schließlich bin ich ja hier, um ein Video zu produzieren und dieser Text, den du gerade liest – das ist nur ein Nebenprodukt meiner Arbeit. Deshalb bin ich auch jeden Tag von 6 bis 23 Uhr unterwegs, um zu filmen und Interviews zu führen und heute, also am 2. Seetag, interessiert mich, was die Besatzung zu sagen hat. Die Quartiermeisterin erzählt mir, dass die Zimmer der Metalheads beinah sogar ordentlicher seien als die der normalen Reisenden und die Hotelmanagerin bestätigt mir, dass die Höflichkeit und Unkompliziertheit der schwermetallischen Gäste so groß ist, dass sie ihre Angestellten darauf hinweisen muss, nicht zu entspannt mit der Situation umzugehen. Der Eventmanager gibt am Ende auch noch zu, dass ihn diese Kreuzfahrten immer mehr zu einem Metal-Fan machen und er sich gerade seine erste Metal-CD gekauft hat – STEEL PANTHER!

20160906_113821_001Die würden auch ganz hervorragend zum Ambiente passen. Ein unbezahlbarer Anblick ist übrigens MAMBO KURT, wenn er Mittags um 12 über dem Pooldeck thront, seine weiße Kapitänsuniform trägt und “The Final Countdown” auf der Heimorgel spielt, während die Sonne lacht und die Metalheads von den Strapazen der letzten Tage – doch eher mehr als weniger – mitgenommen aus der Wäsche starren. Das ist auch für mich noch zu viel, also flüchte ich mich wieder unter Deck.
Wenn man über die Decks manövriert, entdeckt man auch die Einkaufsmeile. Diese ist jedoch mehr oder minder verwaist – Ausnahme ist dabei nur der Merchandise Stand der Cruise, der sogar Badeenten und Kapitänsmützen im Angebot hat! Es gibt sogar eine Modenschau. Das möchte ich jedoch an dieser Stelle unkommentiert lassen.
MARTIN SEMMELROGGE ist übrigens auch an Bord. Wenn er nicht gerade jogged oder sich Vitamindrinks zusammenkippt, hört man ihn im “Casino” wahlweise aus seiner oder aus der Biographie von Lemmy vorlesen. Auch im “Casino” zu finden ist der BEMBERS, ein Metal-Komödiant aus Franken, bei dem ich mich immer nicht so richtig entscheiden kann, ob ich ihn nun vulgär oder doch schon wieder lustig finde. Aber bevor das alles stattfindet, lasse ich mich bei ERIC FISH & FRIEND(S) nieder, die ihr neues “Solo” Projekt vorstellen. Die tiefgreifenden Texte auf “Mahlstrom” im Kleide besinnlicher und handgemachter musikalischer Nähe, verbunden mit den Fragen, die sie zwischen den Songs beantworten, machen die Stunde, die ich dort verbringe, zu einem entspannten, nachmittäglichen Kontrastprogramm.
Heute speise ich im “Gosch” und wage mich sogar an Königskrabbe. Davon kann ich jedoch wirklich abraten…

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Dann geht es für mich schon weiter zu CALLEJON – aber nicht vor die Bühne, sondern in die Kabine, wo wir uns so angeregt unterhalten, dass die Jungs beinahe ihren Auftritt versäumen. Aber: Profi bleibt Profi und so legen die Uneinordbaren, die eigentlich gar nicht mitfahren wollten, einen energiegeladenen Auftritt hin, an dessen Ende auch kein Auge trocken bleibt – bei dem argen Geplantsche im Moshpit-Pool nicht verwunderlich.
Ganz besonders gespannt war ich nun auf den Auftritt von LEAVES EYES. Nachdem LIV KRISTINE (endlich) ersetzt worden ist, war ich natürlich brennend daran interessiert herauszufinden, was die Neue leisten kann. Um es kurz zu machen – eine sagenhafte und kraftvolle Stimme und auch persönlich sehr nett und umgänglich. Es hätte ein grandioser Abschluss für den Tag werden können, wäre da nicht ALEXANDER KRULL gewesen, der die doch eigentlich erhabene Musik, passend dazu im Theater, mit seinen mehrmals (!) pro Song erfolgenden Mitklatsch-Aufforderungen in eine Bierzeltveranstaltung verwandelt hat.
An der “Aussicht-Bar” beobachten wir, wie das Schiff an der Langen Linie in Kopenhagen vertäut wird. Aber alt werde ich heute nicht mehr. Völlig erschöpft falle ich in meine Kissen – bis zur Hängematte schaffe ich es nicht mehr.
Der letzte Tag der Fahrt bricht an, Kopenhagen steht auf dem Plan. Wie auch in Oslo ist es möglich, direkt an Bord Besichtigungstouren, Rundfahrten und alle anderen Arten von Erlebnissen am Festland zu buchen. Selbst Radtouren werden angeboten. Aber wie kann man eine fremde Stadt besser erleben als per pedes und allein? Also breche ich gegen um 9 in der Frühe auf und will mir Kopenhagen erlaufen. Im Gepäck: Die Adresse eines Plattenladens, den ich suchen möchte. Da läuft mir Graphiker TIM ECKHORST wieder über den Weg. Wir beschließen zusammen weiter zu ziehen und nachdem wir ganz wichtig mit unseren Presse/Productionskarten gewunken haben, dürfen wir sogar gratis die Stadtrundfahrt mitmachen. Wir springen im Zentrum ab und laufen einmal vorbei am Schloss und dem Freizeitpark Tivoli, bis wir irgendwann tatsächlich in besagtem Laden ankommen. Eine ganz wichtige Erfahrung, die ich von meiner Reise mitnehme: Wenn man im Norden “Metal” sagt, meint man vor allem Black Metal. Nach 15 CDs beschließe ich meinen Einkauf, und wir wandern entspannt zurück Richtung Schiff.

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Eigentlich stand noch die Nationalgalerie auf unserem Plan, jedoch wurden wir so vom Lego und vom Disney-Laden abgelenkt (wie erstaunlich viele schwarz-gekleidete an diesem Tag), sodass es nur noch zum obligatorischen Bild mit der kleinen Meerjungfrau gereicht hat.

 

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Der Abend des letzten Tages endet auf traditionelle Weise damit, dass die Besatzung aufmarschiert und sich von den Gästen verabschiedet. Alle kommen auf die Bühne am Pooldeck und einige lassen es sich auch nicht nehmen und springen mit in die Fluten. Ausgelassene 5 Tage an Bord gehen damit zu Ende und auch für mich heißt es jetzt: Kamera weglegen und noch ein bisschen entspannen. Zwischen ein, zwei Flaschen Martini begegne ich noch 2 Professoren aus Mittweida, mit denen ich meinen Frust über die heutigen Studenten teilen kann und dann geht es auch für mich ein letztes Mal in meine Hängematte. Wieder einmal wecken mich die Sonnenstrahlen eines neuen Tages, während wir in Kiel einfahren.20160908_060520

Wenn man alles, was auf dieser Fahrt geboten und erlebt wurde, in einem Artikel zusammenfassen wöllte, dann würde ich noch in ein paar Tagen daran sitzen. Daher habe ich mich entschieden, meinen ganz eigenen Blick auf diese Kreuzfahrt zu wählen. Wenn ihr euch auch ein eigenes Bild machen wollt, dann solltet ihr schnell sein und müsst noch ein wenig warten, denn: Die Full Metal Cruise 5 ist schon längst ausgebucht.

Für mich war diese Fahrt eine ganz neue Erfahrung, so fern abseits von all dem, was ich bisher von einem “Festival” gewohnt war. Ich habe viel erlebt, neue Orte bereist, spannende und interessante Menschen kennengelernt (was für mich das allerwichtigste war) und mich auch mal ganz gemütlich treiben lassen können. Ich habe einmal mehr den wahren Geist der Metalszene gespürt und mir auch wieder die Frage stellen können, was eigentlich wichtiger ist: Musik oder das Drumherum. Und wieder einmal kann ich nur sagen, dass es beides braucht, um zu einem perfekten Ganzen zusammenzuwachsen. Wenn ihr nun auch noch bewegte Bilder dazu sehen wollt um – euch auch einen kleinen Einblick davon machen zu können – dann schaut doch demnächst einfach mal in meiner Videoreportage vorbei, an der ich gerade noch arbeite.

 


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2 Kommentare

  1. 22. Oktober 2016 bei 8:36 — Antworten

    Sehr klasse, so eine Kreuzfahrt könnten wir uns später, wenn Kind groß, wohl auch mal antun.
    Toll geschrieben, bin gespannt auf’s Video.

  2. 14. September 2016 bei 18:34 — Antworten

    So eine Metal-Kreuzfahrt würde mich auch mal interessieren – dann allerdings lieber zum Arbeiten als privat, denn bis ich dafür das Geld zusammen hätte, müssten wohl noch ein paar Jährchen vergehen 😀

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