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Musizieren nach Zahlen

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Ich hasse Mathe und hab Mathe immer gehasst. Was übrigens auf Gegenseitigkeit beruht. Spätestens nach der 2ten Klasse wussten wir beide, dass das mit uns einfach nichts werden kann. Allen Versuchen zum Trotz, näherten wir uns nie wieder so richtig aneinander an. Nach Schulzeiten verloren wir uns eine Weile aus den Augen und störten uns beide nicht sonderlich daran. Wir kommen sehr gut ohne einander klar – dachte ich.

Doch wie das im Leben manchmal so ist: manche Dinge lernt man erst recht spät zu schätzen. Und das sind in meinem konkreten Fall komischer Weise Musiktheorie und Mathe. Stellte ersteres für mich zu Schulzeiten immer eine unüberwindbare und unbegreifliche Hürde dar, so stellte zweiteres für mich zu Schulzeiten immer eine unüberwindbare und unbegreifliche – achso, ja…naja ihr wisst schon…

Zahlen

Komischer Weise erfasste mich dann kurze Zeit, nachdem ich die Schule verlassen hatte ein unstillbares Interesse daran, meine Instrumentalkünste durch Theorie aufzuhübschen. Bis heute bin ich dabei zwar nicht bis zum Berufsmusiker empor gestiegen, jedoch hab ich mich wesentlich intensiver damit beschäftigen können, als zu Schulzeiten. Denn nicht für den Lehrer, sondern für das Leben lernen wir. Na klar.

Es hatte weniger mit Mathe zu tun, sondern viel mehr mit Zahlen. Lange Zeit über wusste ich nicht mal, dass es Musik gibt, die nicht im 3/4tel, 4/4tel oder 6/8tel Takt ist.

Irgendwann stieß ich dann auf ANIMALS AS LEADERS, die mich mit ihrer ersten Platte völlig wegballerten. Es eröffneten sich mir völlig neue Welten.
Zusätzlich dazu wurde ich durch neue Bandkollegen mit Musik in Kontakt gebracht, auf die ich sonst niemals gestoßen wäre, von der ich im Vorfeld nicht mal wusste, dass so etwas möglich war. Die Zauberworte hießen „Tech“ und „Prog“.

Mein Musikgeschmack sollte sich grundlegend verändern, meine Scheuklappen eliminiert, meine bisherigen Kriterien zur Bewertung guter Musik über Bord geworfen werden.

Zahlen

 

Als ich die ersten Male versucht habe einen 7/8 Takt auf der Gitarre zu spielen, sind mir fast die Synapsen explodiert. Ja, alle beide! Doch irgendwann ließen die Gewohnheiten nach und es gelang, alles zu spielen, was ungerade war. Da ich bis heute eine große Faszination fürs Schlagzeugspiel hege, stellte es sich irgendwann ein, dass ich Songs unter rhythmischen Aspekten beleuchtete und mir angewöhnte, mitzuzählen.

Die ganze Idee ist alles andere als neu, im Gegenteil. Im Jazz wurde dies schon in den 50ern (!!!) durch Dave Brubeck eingesetzt. Klassiker bis heute: Take Five, im – na, wer errät es – 5/4 Takt. Im Progressive Rock und Fusion Bereich muss man KING CRIMSON (mit der fantastischen Gitarrenarbeit von Robert Fripp) und THE MAHAVISHNU ORCHESTRA nennen.
Spätestens mit DREAM THEATER sollte das Ganze dann auch im Metal auf ein komplett neues Level gehoben werden, und kein Takt mehr wie der andere sein. Es folgten DEATH und ATHEISTMathcore Bands, und später dann progressive Größen wie TOOL und MESHUGGAH. Über die Djent Welle, die mittlerweile auch schon wieder abgeflacht ist, kommen wir schließlich zu dem aktuellen Stand von ungeraden Metren und Progressivität in der Metal Szene. Und es lässt sich feststellen: das Bewusstsein dafür, was in der Musik machbar ist, ist deutlich gewachsen. Metal befindet sich an einem Punkt, an dem die Genregrenzen immer weiter verschwimmen, der technische Anspruch vieler Bands dazu enorm gewachsen ist. Auch wenn das für viele jetzt Blasphemie sein mag: Metal bewegt sich immer weiter in Richtung (auch für die Außenwelt) ernstzunehmender Musik. Es geht nicht mehr nur ums stumpfe Draufkloppen, um Brutalität nur der Brutalität halber. Hört euch zum Beispiel die neue HAKEN Platte an. Oder eine meiner absoluten Lieblinge in diesem Bereich: INTRONAUT. Was ich bei diesen besonders bewundere ist, dass stets songdienlich agiert wird und nie, um zu zeigen, wie krass man spielen kann.

Sicherlich gibt es da draußen Bands, die das Ganze einfach nur betreiben, um zu zeigen, dass sie es können. Doch oft setzen auch Bands, die man nicht im Prog Sektor verortet, diese taktischen (see, what I did there?) Kniffe ein, um Songs interessanter zu gestalten. CANNIBAL CORPSE oder DYING FETUS sind da nur wenige Beispiele.

Dann gibt es noch Songs, die einen, sofern man sie denn korrekt mitnicken will, wie jemanden mit motorischen Ticks aussehen lassen. Beispiel gefällig? Das gute Stück steht zunächst in 10/4 und 5/4 um dann in nen abartig geilen 23/8el Abschlussteil zu münden? Was zur Hölle?

Natürlich hat jeder Mensch nen anderen Zugang zu Musik. Meiner ist, zugegebener Maßen, manchmal recht analytisch. Dennoch denke ich nicht, dass man unbedingt Instrumentalist sein muss, um diese Art Musik genießen zu können. Natürlich ist es auch völlig legitim, sich weiterhin nen Dreck um Zahlen in der Musik zu scheren.

Wirklich geil wird es für mich aber dann, wenn ich mir alte Platten anhöre und an diesen Dinge entdecke, die mir vormals verborgen blieben. Monatelang habe ich früher nichts anderes als SYSTEM OF A DOWN gehört. Und erst nach Jahren sind mir die teils merkwürdigen Takte aufgefallen, die mir heute ein angenehmes Zucken um die Mundwinkel bescheren. Musik steckt an allen Ecken und Enden voller Überraschungen.

In diesem Sinne: macht eure Hausaufgaben und viel Spaß beim zählen!

Bilder mit freundlicher Genehmigung von Imgur und Prog Snob

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